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Bei einer Maiparade in den frühen Dreißigerjahren werden in New York Schilder mit Karikaturen von Musolini und Hitler gezeigt

13.10.2017 | Von:
Nigel Copsey

Von Rom nach Charlottesville. Eine sehr kurze Geschichte des globalen Antifaschismus

Wachstum und Rückgang

Welches sind die wichtigen Meilensteine in der weiteren Geschichte des globalen Antifaschismus?
Da der Antifaschismus in erster Linie reaktiv ist, werden wiederkehrende Muster von Wachstum und Rückgang durch den Reiz bestimmt. Nimmt dessen Stärke (die faschistische "Bedrohung" – wie auch immer ihre Gegner sie definieren) zu, verstärkt sich in der Regel auch die Wirkung, die Reaktion. Aus diesem Grund sollten Faschismus und Antifaschismus immer gemeinsam betrachtet werden, denn ohne das eine können Historiker das andere nicht in Gänze begreifen. Und doch stellt der Umfang der Literatur über Faschismus jenen über Antifaschismus in den Schatten. Allerdings soll eine solche Verbindung hier keinesfalls eine moralische Gleichsetzung suggerieren, geschweige denn die Befürwortung eines "Anti-Antifaschismus". Um vor diesem Hintergrund auf die Zeit zwischen den Weltkriegen zurückzukommen: Zentrale Momente für den globalen Antifaschismus waren die Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933, die "faschistischen" Unruhen in Paris vom Februar 1934, der Austrofaschismus, der Abessinienkrieg und vor allem der Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs 1936.

Hitler traf die Arbeiterbewegung – die deutsche war die stärkste außerhalb der Sowjetunion – ins Mark. Dies bewegte die Komintern, die den Faschismus nicht einem bestimmten Land zuordnete, sondern ihn als Entwicklungsstadium des weltweiten Kapitalismus betrachtete, zur Bildung einer Arbeitereinheitsfront gegen den Faschismus aufzurufen. Bald darauf wandelte sich die Strategie der Komintern von einer solchen "Einheitsfront" der Arbeiterklasse zu einer klassenübergreifenden "Volksfront". Dazu kam es einerseits angesichts der ernsthaften Bedrohung, die das nationalsozialistische Deutschland mittlerweile für die Sowjetunion darstellte; andererseits durch Ereignisse in Frankreich, wo sich die Einheitsfront rasch zu einer breiteren Allianz aller Antifaschisten entwickelte, darunter auch jene aus bürgerlichen Parteien. Die Idee hinter dieser Volksfront waren "konzentrische Kreise der Einheit", wie der Historiker Eric Hobsbawm es beschrieben hat, bei denen die Einheit innerhalb der Arbeiterbewegung eines Landes die Basis für eine möglichst breite nationale und schließlich internationale Einheit war.[6] "Die Volksfront mobilisierte weit mehr Menschen für den Antifaschismus als jeder andere Ansatz", so der Publizist Larry Ceplair.[7] Für einen Moment brachte die Idee der Volksfront sogar aufsässige deutsche Sozialdemokraten und deutsche Kommunisten im Pariser Exil zusammen – trotz deren tief sitzender Antipathie.

Auf globaler Ebene war unter den zahlreichen von der Komintern geförderten Volksfrontbewegungen, die in dieser Phase entstanden, und hinter denen als maßgeblicher Strippenzieher oftmals der Verleger Willi Münzenberg stand, das Weltkomitee gegen Krieg und Faschismus die bedeutendste. Seinen Sitz hatte es in Paris, Generalsekretär war Henri Barbusse. Die Wurzeln des Weltkomitees gingen auf die antiimperialistische Amsterdam-Pleyel-Bewegung zurück, die als Reaktion auf die japanische Invasion der Mandschurei 1931 gegründet worden war. Mitte 1933 verlagerte sich wegen Hitlers Wahlsieg das Hauptanliegen auf die Bekämpfung des Faschismus. Die französische Hauptstadt – genannt "Hauptstadt des Antifaschismus" – wurde zur Heimat der meisten antifaschistischen Exilanten, auch der meisten kommunistischen außerhalb der Sowjetunion. 1934 veröffentlichte das Weltkomitee vier Zeitschriften: "Front Mondial" in Paris (herausgegeben von Barbusse); "Fight War and Fascism" in London; "Fight" in New York und "Weltfront gegen imperialistischen Krieg und Faschismus", die gegen den Willen der französischen Regierung über die Grenze nach Nazideutschland geschmuggelt wurde. Zu diesem Komitee gehörten zahlreiche nationale Gruppen, darunter aus den Amerikas, vielen europäischen Ländern bis hin zu solchen aus Asien und Australasien.[8] Die Amerikanische Liga gegen Krieg und Faschismus zählte 1936 mehr als drei Millionen Mitglieder, auch aufgrund der Unterstützung durch Vortragsreisen von Barbusse und anderen international bekannten Persönlichkeiten wie Münzenberg.[9]

Andere bedeutende Initiativen, die von der Komintern unterstützt wurden, mobilisierten intellektuelle Eliten gegen die Bedrohung der Kultur durch den Faschismus. Barbusse rief zur Gründung einer internationalen Liga antifaschistischer Schriftsteller auf, worauf es im Juni 1935 im Maison de la Mutualité in Paris zu einer Versammlung von vielen der bekanntesten Persönlichkeiten der Weltliteratur kam. Mehr als zweihundert Schriftsteller aus fast 40 Ländern nahmen teil, darunter Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Ernst Bloch, Alexei Tolstoi, Boris Pasternak und Aldous Huxley. Dem Kunsthistoriker Jean-Michel Palmier zufolge definierte sich dieser intellektuelle Kampf gegen den Faschismus nicht über Klassen oder die Verteidigung "proletarischer Literatur", sondern als zivilisatorisches Eintreten für Humanismus und gegen Barbarei, um die (moderne) Kultur vor der Geißel des Faschismus zu bewahren. Zwei Jahre später fand in Spanien ein zweiter Kongress antifaschistischer Schriftsteller statt.[10]

Auch wenn die Komintern in dieser Phase das Monopol auf den Antifaschismus beanspruchte, sollte nicht vergessen werden, dass es auch andere Formen des transnationalen Antifaschismus gab. Sozialisten und Sozialdemokraten aus den Reihen der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (SAI), die sich weigerten, sich von der Komintern vereinnahmen zu lassen, konzentrierten ihre Bemühungen auf Warenboykotte sowie die Unterstützung von Opfern des Faschismus. 1936 starteten SAI und Internationaler Gewerkschaftsbund die beeindruckende humanitäre Kampagne "Spanienhilfe". Dem Historiker Jim Fyrth zufolge stellte sie das "herausragendste Beispiel internationaler Solidarität in der britischen Geschichte" dar.[11] Allerdings gründete diese Solidarität mehr auf humanitären Erwägungen als auf einem klar umrissenen Antifaschismus.[12]

Gleiches gilt für die frühe internationale jüdische Boykottbewegung. Diese war eher eine humanitäre Reaktion auf das brutale Vorgehen des nationalsozialistischen Regimes gegen Juden als eine ideologisch strukturierte Antwort auf den Faschismus per se. Immerhin schien Mussolini keine Probleme mit Juden zu haben – zumindest noch nicht. "Der wahre Faschismus, der von Mussolini ins Leben gerufen wurde", so erklärte die italienische faschistische Tageszeitung "Regime Fascista" 1934, "kennt keine Herrschaft einer Rasse über eine andere".[13] Ein Jahr später erklärte die faschistische Regierung Mussolinis dem in Ostafrika gelegenen Abessinien den Krieg. Dieser löste erneut länderübergreifende Proteste aus.

Dennoch war es die faschistische Aggression in Europa, nämlich in Spanien, die Antifaschisten am meisten elektrisierte. Der Spanische Bürgerkrieg wurde zum herausragenden Symbol eines weltweiten Kampfes zwischen den Mächten der Barbarei (Faschismus) und jenen des Fortschritts und der Demokratie (Antifaschismus). In der populären Mythologie stehen die Internationalen Brigaden für einen heldenhaften und spontanen Ausbruch globaler antifaschistischer Solidarität. Tausende Freiwillige aus aller Welt trafen im republikanischen Spanien ein. Die Namen der Brigaden beziehungsweise Bataillone waren: Lincoln (USA), James Conolly Kolonne (Irland), Commune-de-Paris (Frankreich), Thälmann (Deutschland), Dimittroff (Balkanländer), Dąbrowski (Polen), Garibaldi (Italien), Español Bataillon (Lateinamerika) und so weiter. Das womöglich am stärksten multinational geprägte Bataillon war das nach dem russischen Bürgerkriegshelden Tschapajew benannte, das auch als "Bataillon der 21 Nationen" bezeichnet wird.

Darüber hinaus sollte nicht vergessen werden, dass auch andere Konflikte als Kämpfe zwischen Faschismus und Antifaschismus gedeutet wurden. Der Ausbruch des Zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs 1937 zog die Aufmerksamkeit vieler US-amerikanischer Antifaschisten auf sich.

Spanien war der Höhepunkt der globalen antifaschistischen Solidarität der 1930er Jahre – gleichzeitig aber auch ein Tiefpunkt. Ganz abgesehen von Spaltungen aufgrund der Maitage von Barcelona im Jahr 1937, als Antifaschisten sich untereinander Straßenkämpfe geliefert hatten, endete der heldenhafte Kampf zur Rettung der spanischen Demokratie im April 1939 mit einer vernichtenden Niederlage. Den absoluten Tiefpunkt erreichte der globale Antifaschismus nur wenig später: Mit der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts – dem "Kommunazi-Pakt" – schien das Unvorstellbare eingetreten: die Komintern-Linie der antifaschistischen Einheit war endgültig obsolet. Als die einzig "wahren" Antifaschisten blieben nur noch nichtkommunistische Sozialisten und Demokraten übrig. Monat für Monat traten daraufhin etwa tausend Mitglieder aus der Amerikanischen Liga gegen Krieg und Faschismus aus (die sich 1937 in Amerikanische Liga für Frieden und Demokratie umbenannt hatte). Kritiker bezeichneten sie nun als "Amerikanische Liga für Frieden und Hypokrisie".[14]

Einen weiteren Meilenstein in der Geschichte des globalen Antifaschismus markierte der Zweite Weltkrieg. Da die Sowjetunion nach dem deutschen Überfall in den Kreis der Antifaschisten zurückkehrte, schrieben sich nun die Alliierten (Churchill, Roosevelt und Stalin) den Antifaschismus ebenso auf die Fahnen wie die europäischen Widerstandsbewegungen. Beim Wiederaufbau nach dem Krieg wurde der Antifaschismus von allen Seiten instrumentalisiert, um in ihren Einflussbereichen den Übergang vom Faschismus zu legitimieren. Dem Politologen Stein Ugelvik Larsen zufolge bedeutete nach der Anpassung an den Kontext des Kalten Kriegs "Antifaschismus im Osten, sich Faschismus und Kapitalismus entgegenzustellen, während Antifaschismus im Westen bedeutete, sich dem Totalitarismus, das heißt dem Kommunismus entgegenzustellen."[15] Dies war die Ära eines "gespaltenen" Antifaschismus.

Während Antifaschismus im Osten und insbesondere in der DDR seine Bedeutung als Instrument zur Legitimation des Staates behielt (bekanntlich rechtfertigte das Regime nach innen die Mauer als "antifaschistischen Schutzwall"; doch auch nach außen nutzte es etwa in fremdsprachigen Veröffentlichungen noch 1969 diese Strategie),[16] verlor er im Westen zunehmend an Bedeutung. "Neofaschismus" existierte, zumindest in den am weitesten entwickelten westlichen Ländern, lediglich als Randphänomen. Die Rehabilitierung von Francos Spanien nach dem Krieg ließ den internationalem Antifaschismus nochmals kurz aufleben, doch zu verbreiteten antifaschistischen Aktivitäten kam es nur in Zeiten, in denen die extreme Rechte aus ihrer Isolation auszubrechen drohte.

Zu den bemerkenswerten Beispielen hierfür zählen die Massendemonstrationen vom Sommer 1960 gegen das Kabinett Tambroni in Italien. Seine Regierung konnte ein Misstrauensvotum nur durch Unterstützung des neofaschistischen Movimento Sociale Italiano (MSI) überstehen. Der Parteitag des MSI in Genua, einer Stadt mit stark ausgeprägter Widerstandstradition, löste Demonstrationen aus, die auf andere Teile Italiens übergriffen, und bei einem Zwischenfall wurden fünf antifaschistische Demonstranten getötet. Während der 1970er Jahre waren auf den Straßen Großbritanniens Kundgebungen gegen die rechtsextreme National Front an der Tagesordnung, und bei Demonstrationen in London kamen 1974 und 1979 zwei antifaschistische Protestierende ums Leben. 1985 löste der Tod des antifaschistischen Aktivisten Günter Sare bei einer Demonstration gegen die NPD in Frankfurt am Main in zahlreichen westdeutschen Städten Unruhen aus. Vier Jahre später beendete der Zusammenbruch des kommunistischen Blocks dann diese Nachkriegsära des "gespaltenen" Antifaschismus.

Fußnoten

6.
Eric Hobsbawm, Fifty Years of Popular Fronts, in: Jim Fyrth (Hrsg.) Britain, Fascism and the Popular Front, London 1985, S. 235–250, hier S. 240.
7.
Larry Ceplair, Under the Shadow of War: Fascism, Anti-Fascism, and Marxism, 1918–1939, New York 1987, S. 92.
8.
Vgl. die Übersicht bei World Committee against War and Fascism, http://www.lonsea.de/pub/org/961«.
9.
Vgl. Nigel Copsey, Communists and the Inter-War Anti-Fascist Struggle in the United States and Britain, in: Labour History Review 76/2011, S. 184–206.
10.
Vgl. Jean-Michel Palmier, Weimar in Exile. The Antifascist Emigration in Europe and America, London 2006, S. 332–338.
11.
Jim Fyrth, The Signal Was Spain: The Spanish Aid Movement in Britain, 1936–39, London 1986, S. 21.
12.
Vgl. Lewis Mates, Practical Anti-Fascism? The "Aid Spain" Campaigns in North-East England, 1936–39, in: Nigel Copsey/David Renton (Hrsg.), British Fascism, the Labour Movement and the State, Basingstoke 2005, S. 118–140.
13.
Zit. nach Jewish Chronicle, 16.11.1934, S. 26.
14.
The Call. Weekly Journal of the US Socialist Party, 9.2.1940, S. 4.
15.
Stein Ugelvik Larsen, Overcoming the Past, in: ders. (Hrsg.), Modern Europe After Fascism, Boulder 1998, S. 1777–1844, hier S. 1787.
16.
Vgl. The GDR: An Anti-Fascist State, Dresden 1969; Anti-Fascists in Leading Positions in the GDR, Dresden 1969. Letzteres wurde außerdem auf Deutsch, Französisch, Spanisch, Russisch, Schwedisch, Dänisch und Arabisch publiziert.
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Autor: Nigel Copsey für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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