Bei einer Maiparade in den frühen Dreißigerjahren werden in New York Schilder mit Karikaturen von Musolini und Hitler gezeigt

13.10.2017 | Von:
Nils Schuhmacher

"Küsst die Faschisten". Autonomer Antifaschismus als Begriff und Programm

Unabhängiger Antifaschismus zwischen Regression und Umbau

Die antifaschistische Erzählung weist die frühen 1990er Jahre mit ihren gesellschaftlichen Transformationen und Wellen der rassistischen Gewalt mörderischen Ausmaßes als zentralen Bruch- und Bezugspunkt der deutschen Nachkriegszeit aus. In der Tat dokumentieren diese Entwicklungen eine breite Desillusionierung und Delegitimierung linker Gesellschaftsmodelle und -kritik sowie eine hohe Strahlkraft nationalistischer, fremdenfeindlicher und rassistischer Ideologeme. Nicht zuletzt entstanden in dieser Phase auch die milieuhaften Grundlagen für die weitere Entwicklung der extremen Rechten und nahmen Prozesse der "Vermittung" rechtsextremer und rassistischer Positionen ihren Ausgang. Allerdings ist auch richtig, dass zum einen mit einiger Verspätung erhebliche staatliche und gesellschaftliche Anstrengungen unternommen wurden, um Rechtsextremismus und Rassismus zu begegnen. Zum anderen waren neben offen nazistischen auch protofaschistische und rechtspopulistische Akteure gesellschaftlich weitgehend stigmatisiert und blieben politisch schwach.

So gesehen zeigt sich in jüngster Zeit eine aus anderen europäischen Ländern bekannte Entwicklung, deren Brisanz jene aus den 1990er Jahren übersteigt. Zentral sind dafür weniger die klassischen extrem Rechten als die sich selbst als bürgerlich beschreibenden Kräfte: einerseits Protestgruppen und -bewegungen auf der Straße, andererseits die AfD als Partei in nahezu allen Parlamenten. Als miteinander korrespondierende Sammlungsphänomene sind sie politisch (noch) amorph. Deutlich ist aber, dass sie fließende Übergänge zum Rechtsextremismus besitzen, entsprechenden Positionen Platz bieten sowie sich in Prozessen der politischen Fundamentalisierung und Entgrenzung befinden und diese auch aktiv befördern.

Gegenbewegungen und Protestakteure profitieren von Erschrecken und Empörung. Liegt es also am bürgerlichem Gewand und der breiten Akzeptanz von Rechtspopulisten, dass im Umfeld der Szene über "Antifa in der Krise?"[18] diskutiert wird? Das Problem des hier beschriebenen Spektrums liegt weniger darin, dass neue Entwicklungen im vorhandenen analytischen Raster nicht erfasst werden können.

Deutlich wird vielmehr eine spezifische "Erschöpfung" der beschriebenen Ressourcen und Handlungsansätzen von unabhängigem antifaschistischem Engagement, auf die bislang noch nicht mit weithin akzeptierten Innovationen reagiert wurde. Sie ergibt sich erstens aus dem praktischen Zuschnitt eines alltagsweltlich, stark jugendkulturell fokussierten und damit verengten Engagements. Informeller Partizipation sind bestimmte Foren der politischen Auseinandersetzung versperrt, sie kann sich mit entsprechenden Akteuren letztlich nur im öffentlichen Raum und Diskurs auseinandersetzen.

Sie ergibt sich zweitens aus dem Umstand, dass nur noch bedingt auf den zentralen Faktor moralische Empörung zugegriffen werden kann. Insbesondere die fortschreitende Historisierung des Nationalsozialismus verändert hier die Bedingungen politischen Handelns und glaubwürdiger Etikettierung politischer Gegner.

Schließlich ergibt sie sich wohl auch daraus, dass sich autonomes Antifa-Engagement unter vergleichsweise übersichtlichen gesellschaftlichen Bedingungen klarer Rechts-Links-Dichotomien entfaltet hat. Aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen und Bruchlinien, die sich beispielsweise aus Flucht und Migration ergeben, sowie neue antidemokratische Bedrohungsphänomene wie der sogenannte Islamismus haben hier nur als Kulisse Platz, können also im eigenen "Begriff" und "Programm" nicht als relevante Aspekte platziert werden. Während "Antifa" in den vergangenen Jahren rund um Demonstrationen und Parteitage immer wieder große Aufmerksamkeit auf sich zog, ergibt sich also auch bezüglich der Stärke des Spektrums bei genauem Blick ein differenzierteres Bild.

Fußnoten

18.
So der Titel eines Kongresses in Berlin im April 2014. Vgl. dazu Schuhmacher (Anm. 2), S. 10f.
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Autor: Nils Schuhmacher für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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