Bei einer Maiparade in den frühen Dreißigerjahren werden in New York Schilder mit Karikaturen von Musolini und Hitler gezeigt
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13.10.2017 | Von:
Nils Schuhmacher

"Küsst die Faschisten". Autonomer Antifaschismus als Begriff und Programm

Kurt Tucholskys satirisches Gedicht "Rosen auf den Weg gestreut" aus dem Jahr 1931 bezieht sich auf die Frage, wie auf die so rasch an Stärke gewinnende nationalsozialistische Bewegung politisch zu reagieren sei. Die Kernzeile "Küsst die Faschisten" spielt mit der von der KPD ursprünglich 1924 ausgegebenen und 1929 reaktivierten Parole "Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft". Diese entsprach zwar schon ein Jahr später nicht mehr der offiziellen Parteilinie, wurde aber von ihr nahestehenden paramilitärischen "Schutztruppen" in der Tradition des 1929 verbotenen Roten Frontkämpferbundes und "Massenorganisationen" wie der 1932 gegründeten Antifaschistischen Aktion weiterverwendet.[1]

Im Kern allerdings geht es in dem Gedicht nicht um eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Losung, ihrer im Original über die Nationalsozialisten hinaus weisenden Adressierung und ihrer zweifellos körperlichen Konnotation. Es richtet sich vielmehr in grundsätzlicher Absicht gegen Strategien des Appeasements gegenüber der NS-Bewegung, gegen dialogische "Umarmungen" und gegen eine hier bildlich überspitzte Opferstarre.

Aufgegriffen wurden Tucholskys Zeilen und die Referenzparole in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder von autonomen antifaschistischen Gruppen – jenem Spektrum also, das auch unter dem Akronym "Antifa" zusammengefasst wird. Erstaunlich ist dies nicht, denn Gedicht wie Parole enthalten in unterschiedlicher Weise den zentralen Leitgedanken des Antifa-Engagements: die Notwendigkeit selbstbestimmten offensiven Gegenhandelns.

In Abhängigkeit von Position und Blickwinkel haben Engagement, Standpunkte und Handlungsformen der Antifa seit ihrer Entstehung vor rund 35 Jahren Kritik und Ablehnung, in unterschiedlichen Dosen aber auch Toleranz, Akzeptanz und Zustimmung erfahren. Vereindeutigenden Zuschreibungen auf den Linien von "Gewalttätigkeit" und "Extremismus" stehen differenzierende Betrachtungen gegenüber. Diese fallen durchaus kritisch aus, fassen aber weder das eine noch das andere als Gesamtmerkmal auf, grenzen sich zum Teil auch explizit von einem bekämpfungswissenschaftlichen Verständnis des Extremismus-Begriffs ab. Diese Betrachtungen beruhen auf der Ansicht, dass "Antifa" letztlich ein unscharfer Sammelbegriff für verschiedene politische Strömungen, Ansätze und Gruppen ist. In der Tat gibt es "die" Antifa aus einer ganzen Reihe von Gründen nicht: Die politischen Vorstellungen der Akteure gehen weit auseinander; sie greifen auf ein breites Repertoire an Handlungsorientierungen zurück; es gibt keine formellen Mitgliedschaften oder Statuten; das Feld gliedert sich in diverse Strömungen und "Nebenabteilungen", die auch nicht übergreifend netzwerkartig verbunden sind; das Engagement ist letztlich in ein von Ort zu Ort anders ausgestaltetes Mit- und Nebeneinander von Politik und (jugendlicher) Alltagskultur eingewoben.

Entsprechende Hinweise auf Heterogenität finden sich in wissenschaftlichen Studien,[2] in Beiträgen an der Schnittstelle von Forschung und Aktivismus[3] und in den historisierenden Selbstbeschreibungen der Akteure, die in den vergangenen Jahren gehäuft erschienen sind.[4] Es lassen sich aber nicht nur Unterschiede erkennen, sondern auch Aspekte identifizieren, an denen eine gewisse Familienähnlichkeit unabhängiger Antifa-Gruppen deutlich wird. Entlang dieser können sie von anderen Formen zivilgesellschaftlichen Engagements "gegen Rechtsextremismus" in Verbänden, Parteien und (semi)professionellen Kontexten genauso abgegrenzt werden wie von Cliquen und nur temporär bestehenden "Fast-Gruppen".

Ihr Engagement verbindet sich inhaltlich mit einer gesellschaftskritischen Haltung, verortet sich links oder linksradikal und ist durch eine spezifische Konnotation oder Assoziation der Begriffe Faschismus und Antifaschismus gekennzeichnet; ist praktisch durch ein auf Ermächtigung zielendes und weniger appellierendes Verständnis von politischem Handeln charakterisiert, das um "Nazis", "Rechtsextremismus", Rassismus und Nationalismus kreist; profitiert von der Fähigkeit der Beteiligten zur zeichenhaften und habitualisierten Selbstdarstellung; setzt strukturell auf Selbstorganisation jenseits formeller Mitgliedschaften und ist alltagskulturell verankert.

Entwicklungslinien des unabhängigen Antifaschismus

Für ein vertieftes Verständnis des organisationsunabhängigen Antifaschismus ist ein kurzer Rückgriff auf dessen Entwicklung unerlässlich. Hierbei werden zwei große Linien berührt. Zum einen ist das Handlungs- und Diskursfeld untrennbar verbunden mit der Erfahrung des Nationalsozialismus, seiner konflikthaften Bearbeitung sowie dem gesellschaftlichen Umgang mit Neonazismus. Zum anderen ist für das Akteursfeld das Wechselspiel zwischen politischen und "jugendkulturellen" Strömungen und Logiken von hoher Bedeutung. In der Genese des Feldes lassen sich nun vier größere Entwicklungsabschnitte unterscheiden.

Fundierung

Während "aufarbeitende", "antinationalsozialistische Proteste"[5] bereits mit Kriegsende einsetzten, ist die Entstehung eines "neuen kämpferischen Antifaschismus"[6] radikal linker Prägung ein jüngeres Phänomen. Sie lässt sich zwischen dem Aufstieg der NPD von 1967 bis 1969, dagegen gerichteter Mobilisierung und schließlich organisatorischer Konsolidierungen von zumeist kommunistisch geprägten Antifa-Zusammenschlüssen ab Mitte der 1970er Jahre verorten.[7] Zudem war diese antifaschistische Traditionslinie ein Produkt der einsetzenden Zerfalls- und Neuzusammensetzungsprozesse der Neuen Linken, die ab den frühen 1980er Jahren Strömungen wie die Autonomen und die Antiimperialisten mit ihren voluntaristischen Politik- und Organisierungsmodellen hervorbrachten. Zeitgleich führten Politisierung und konflikthafte Entmischung dissidenter Jugendkulturen wie Punks, Skinheads und zum Teil Rocker ebenfalls zu einem gewissen Zulauf.

Aggregierung

Antifa lässt sich damit für eine erste, bis in das Ende der 1980er Jahre reichende Phase als Teilbereich innerhalb eines undogmatischen linksradikalen Bewegungsmilieus beschreiben. Die 1990er Jahre waren dagegen einerseits von einem sozialen und politischen Bedeutungsverlust dieses Milieus geprägt, andererseits von einer die Grenzen dieses Milieus sprengenden Verbreiterung des Antifa-Spektrums.

Charakteristisch für diesen Antifaschismus, der seine Hochzeit zwischen 1989/90 und der Mitte der 1990er Jahre hatte, sind mehrere Aspekte: Als eine von Erschrecken geleitete Politik war er stark geprägt von moralischer Skandalisierung, die sich festmachte an – aus heutiger Sicht bescheidenen – Wahlerfolgen rechtsextremer Parteien ab 1988, einer zunehmenden Präsenz rechter Jugendkulturen auf der Straße sowie ab 1989/90 an einer in Ausmaß und tödlicher Massivität bis dato unbekannten Welle rechter und rassistischer Gewalt.

Das rasch wachsende Antifa-Spektrum zeichnete sich durch ein hohes Maß an Öffnung, Jugendlichkeit, Mobilisierungsfähigkeit und Öffentlichkeitsorientierung sowie durch das Nebeneinander tradierter revolutionärer Terminologie und defensiver Abwehrhaltung aus. In diese Zeit fielen auch Ansätze überregionaler Organisierung, am prominentesten in der "Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation" (AA/BO). Gleichzeitig bildeten sich die zwischen Ost und West stark voneinander abweichenden gesellschaftlichen Traditionen und lokalen Realitäten ab: In den neuen Bundesländern waren Protestkultur und alternative Milieus weniger fest verankert, zudem war die extreme Rechte dort weniger stigmatisiert und dominierte mancherorts den (jugendkulturellen) öffentlichen Raum. Bezüglich dieses Verhältnisses ist von einer stabilen Differenzlinie innerhalb des unabhängigen Antifaschismus zu sprechen, die im Rahmen von Aktionen zwar temporär überwunden wurde, mit Blick auf Vernetzung jedoch erhalten blieb.[8]

Diffusion

Das Antifa-Spektrum der 1990er Jahre bezog seinen Zusammenhalt aus einer nicht nur für Linke bestehenden Bedrohungslage und gleichzeitig aus dem Umstand, dass handlungsbezogene Alternativen zu einer Politik fehlten, die sich als linksradikal etikettierte. Zergliederung und Zerfall standen im engen Zusammenhang mit der verstärkten, auch staatlich geförderten gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus ab 2000 ("Aufstand der Anständigen"), die neue Akteure hervorbrachte, und einer zunächst abnehmenden Mobilisierungskraft des rechtsextremen Spektrums. In der Folge kam es auch zu einer teilweisen Professionalisierung und Institutionalisierung des Engagements, die den Wesenskern eines gesellschaftskritischen, unabhängigen Antifaschismus berührte. Dies wirkte jedoch eher als Katalysator: Bereits in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre hatten einzelne Gruppen begonnen, unter dem "Markenzeichen" Antifa politische Themen jenseits von "Rechtsextremismus" und Rassismus in den Mittelpunkt ihres Handelns zu stellen. Dieser Trend wurde vor allem durch die ab 1999 aufkommende globalisierungskritische Bewegung verstärkt. Parallel dazu verschärften sich Selbstverständigungsdebatten: Besonders Positionierungen zu "antideutscher" Kritik führten ab dem Jahr 2000 zu Kommunikationsabbrüchen bis hin zu sozialen Zerwürfnissen.[9]

Neuzusammensetzungen

Für die Zeit seit etwa 2005 lassen sich verschiedene parallel ablaufende Trends ausmachen. Zum einen schreiten Konsolidierungen voran, die immer deutlicher vom Begriff und Programm "Antifa" wegweisen. Bedeutsam sind hier vor allem die "Interventionistische Linke" sowie das Bündnis "… ums Ganze", denen sich jeweils Teile des Antifa-Spektrums angeschlossen haben. Parallel dazu besteht ein nur noch lokal oder regional vernetztes Spektrum an Antifa-Gruppen fort.

Zum anderen lässt sich an verschiedenen Großereignissen und Einschnitten weiter ein hohes Maß antifaschistischer Aktivitäten feststellen, in die letztlich alle genannten Akteure eingebunden sind. Zentral waren oder sind hier die Mobilisierungen gegen den sogenannten Trauermarsch in Dresden zum Jahrestag der Bombardierung der Stadt durch die Alliierten 1945, insbesondere zwischen 2009 und 2012;[10] die unter maßgeblicher Beteiligung von Antifa-Initiativen nach 2011 im Zusammenhang mit dem NSU-Komplex entfalteten Aktivitäten wie "NSU-Watch"; seit 2014 die verstärkte Auseinandersetzung mit der AfD, den "-gida"-Phänomenen sowie den Protesten gegen Flüchtlingsunterkünfte.

Merkmale autonomen Antifaschismus

Zum überwiegenden Teil lässt sich Antifa-Engagement als informelle politische Partizipation bezeichnen und so von anderen Formen politischer Beteiligung, aber auch von rein selbstbezüglichen Praktiken in "jugendkulturellen" Kontexten abgrenzen. Der Begriff der informellen politischen Partizipation verweist auf das Primat der Selbstgestaltung vor Mitbestimmung und damit darauf, dass die eigenen Anliegen nicht in erster Linie gegenüber den politischen Institutionen zum Ausdruck gebracht werden, sondern gegenüber einer allgemeinen Öffentlichkeit und vielfach auch nur gegenüber anderen kollektiven Akteuren. Damit sind diese Praktiken stark alltagsweltlich ausgerichtet und konzentrieren sich im Kontext "konventioneller" Partizipation auf bestimmte Handlungsarten wie Demonstrationen, während etwa Petitionen, Parteien oder Wahlen bedeutungslos sind. Der Begriff der Informalität ist noch aus einem weiteren Grund passend: Er entspricht den vorherrschenden Modellen der Vergemeinschaftung zwischen Politik und Alltagskultur.

Inhalte

Auch wenn sich Antifa dem Namen nach auf eine Sache konzentriert: Eine Kennzeichnung als bloße "Gegen-Bewegung"[11] zum Faschismus und damit verbundene Vorstellungen einer "Ein-Thema-Politik" greifen zu kurz. Aus inhaltlicher Perspektive erweist sich unabhängiges Antifa-Engagement thematisch sogar in doppelter Weise als entgrenzt. Zum einen setzt es sich mit einem Feld auseinander, das neben "Nazis" auch "rechtspopulistische" Akteure und Rassismus umfasst, also für sich genommen bereits komplex ist. Zum anderen ist Antifa mit einem politischen Bedeutungsüberschuss ausgestattet, wird also von den Beteiligten im Grundsatz stets mit "mehr" assoziiert als mit der Gegnerschaft zu Rechten.

Charakteristisch in Bezug auf den ersten Aspekt ist allerdings weniger ein geteiltes (faschismus)theoretisches Deutungsmuster als das Nebeneinander verschiedener und auch unterschiedlich differenzierter Verständnisse. Sie stammen jedoch alle aus linken und kritischen Traditionen der Faschismus-Diskussion. Vorhandene Überdehnungen des Faschismus-Begriffs gehen dabei nur zum Teil auf theoretische Bezüge zurück. Sie speisen sich auch aus eigenem Erleben, tragen habituell-affektive Züge wie in den bewusst überzeichnenden Jargons dissidenter Jugendkulturen oder gehen – wie das "Nazi"-Etikett – auf Stigmatisierungsabsichten zurück. Eine erkennbare Herausforderung stellt die Bestimmung neuer Phänomene dar, die sich nicht nahtlos in die existierenden theoretischen Raster einfügen, sondern sich im Grenzbereich zwischen extremer Rechter und bürgerlich gewandetem Rassismus bewegen, wie dies bei Teilen der "-gida"-Proteste und der AfD der Fall ist.[12]

Der genannte Bedeutungsüberschuss ergibt sich ebenfalls weniger aus bestimmten faschismustheoretischen Zugriffen als aus dem Umstand, dass Antifa-Engagement auf Grundlage einer linken Orientierung stattfindet. Eine kritische Haltung gegenüber Kapitalismus, Rassismus, Sexismus und anderen -ismen gehört daher zum politisch-kulturellen Inventar dieses Handlungsraumes und seiner Akteure. (Anti-)Faschismus ist hier also weniger ein "alles" erklärendes theoretisches Deutungsmuster. Vielmehr bieten Antifa-Gruppen einen Rahmen, innerhalb dessen der Anspruch auf eine umfassende Haltung einen Ausdruck findet und einen Namen erhält. Ähnliches gilt für die Kennzeichnung als "autonomer" Antifaschismus: Vor allem für Außenstehende ergibt sich daraus eine assoziative Verankerung in der autonomen Bewegung, obwohl sich nur ein Teil der Akteure noch auf die damit verbundenen politischen Programmatiken bezieht. Sehr viel stärker fungiert das Adjektiv für die Gruppen als symbolische Verbindung zur autonomen Antifa der 1990er Jahre und damit als Markenzeichen.[13]

Praktiken

In diesem inhaltlichen Bezugsrahmen entwickeln sich die Praktiken von Antifa-Gruppen. Dabei bietet es sich zunächst an, sie übergreifend nicht als Protesthandeln, sondern als streitende Politik zu bezeichnen. Der Begriff contentious politics beschreibt eine Form politischer Praxis, die sich vom Konflikt und nicht vom Konsens aus entfaltet.[14] Streitende Politik kann bewusst disruptiv, also als Störung, oder stärker dialogisch angelegt sein. Sie kann eher aggressive oder eher spielerische Züge tragen. Obwohl nicht auf das Themenfeld "Rechtsextremismus" beschränkt, kommen im Kontext antifaschistischer Praktiken besondere Verständnisse und Konfliktlinien zum Tragen: Sie kreisen generell um die zentralen Elemente der Selbsthilfe und der advokatorischen Selbstermächtigung als Handeln im Sinne Dritter, konkret den Opfern rechter Gewalt. Zentral ist dabei, das eigene Handeln nicht als Appell, sondern als Erzeugung von Handlungsdruck darzustellen.

Antifaschistische contentious politics hat verschiedene Adressaten und ist auch in ihrem Charakter nicht immer gleich. Unterschieden werden können hier Kämpfe mit anderen informellen Akteuren, Versuche der Zurückdrängung formaler Akteure sowie an die Öffentlichkeit gerichtete Aktivitäten. Im ersten Fall zielt Antifa-Praxis darauf ab, ähnlich verfassten Akteuren – Angehörigen rechter Straßenkulturen, Neonazis, aber auch Initiativen gegen Flüchtlingsheime – Grenzen zu setzen, ihnen den öffentlichen Raum streitig zu machen und Druck auf sie aufzubauen. Im zweiten Fall richtet sie sich mit ähnlicher Zielsetzung aktuell etwa gegen Parteien wie die AfD, berührt also neben dem öffentlichen Raum zusätzliche Handlungsräume. Zugrunde liegen dabei jeweils Konflikte, die aufgrund ihrer Wertbezogenheit als "unteilbar", also nicht auflösbar angesehen werden.[15] Im dritten Fall beziehen sich Antifa-Praktiken auf Akteure, die im selben Feld engagiert sind, oder auf eine nicht näher bestimmte Öffentlichkeit.

Das Repertoire an Handlungsarten ist entsprechend breit, die Wahl abhängig von Zielen und Kontextbedingungen. Antifa-Praxis reicht von Aufklärungsaktivitäten über Demonstrationen bis hin zu direkten – Gewalt intendierenden oder faktisch einschließenden – Aktionen. Insbesondere im ersten und zweiten Fall spiegelt sich das Verhältnis von direkter und indirekter Wirkungsabsicht deutlich: In Richtung der Kontrahenten findet eine direkte Kommunikation statt, gleichzeitig senden die Aktionen – sofern öffentlich – Vereindeutigungsbotschaften in Richtung jener Akteure, die die eigenen Problembeschreibungen ignorieren oder nicht teilen und andere Vorgehensweisen bevorzugen. Antifa-Praxis entfaltet sich dabei häufig in (jugendkulturellen) Alltagswelten und im öffentlichen Raum. Unter den Bedingungen einer breiteren gesellschaftlichen Akzeptanz für rechtspopulistische Positionen sind diese Praktiken allerdings oft nur noch sehr eingeschränkt wirkungsvoll.

Praxis-Exkurs: Wie hältst du’s mit der Gewalt?

Antifa-Praxis wird zwar oft eng mit Gewalthandeln in Verbindung gebracht, innerhalb des Spektrums tut sich jedoch ein komplexes Verhältnis dazu auf. Insgesamt lässt sich weniger von Gewaltzentriertheit als von einer diskursiven Zentrierung auf die Gewaltfrage sprechen.

Erstens umgibt "die" Antifa zwar eine Aura der Gewalt, aber nur ein Teil übt sie tatsächlich aus, und andere Formen des Engagements überwiegen.[16] Zweitens gehört es für Antifa-Akteure häufig zur eigenen Erfahrung, von rechter Gewalt betroffen zu sein. Zudem ist das Wissen um die prinzipielle Gewaltförmigkeit von Faschismus und Rassismus hoch entwickelt. Drittens resultiert daraus die Einschätzung, einen adäquaten Umgang und Gegenstrategien entwickeln zu müssen, wobei streng pazifistische Optionen keine Rolle spielen, defensive Optionen aber durchaus bedeutsam sind.

Während Akte der Selbstverteidigung von Antifa-Akteuren generell als legitim angesehen werden, gilt dies nur unter bestimmten Voraussetzungen für eigene Angriffe. Diskursiv wird deren proaktiver Charakter zum Teil darüber entschärft, dass sie als eine Form der Vorwärtsverteidigung beschrieben werden. Eine saubere Unterscheidung zwischen dem einen und dem anderen muss allerdings schon daran scheitern, dass Aktionen und Reaktionen oft Teil von größeren Interaktionsabläufen sind.

Darüber hinaus entsteht ein vereinfachtes Bild, wenn "Militanz" und "Gewalt" gleichgesetzt werden. Denn damit werden Konzepte und Praktiken zusammengeführt, die tatsächlich auf unterschiedlichen Ebenen liegen können. Zwar gehört eine kämpferische Grundhaltung (als Militanz) zum Identitätsmerkmal der meisten Antifa-Gruppen, doch personale Gewalt stellt lediglich einen keineswegs notwendigen Teilaspekt dar. Zudem stehen oft weniger Gewaltpraktiken als Inszenierungen von Gewaltfähigkeit und Verteidigungsbereitschaft im Vordergrund. Diese werden – in Verbindung mit und vor dem Hintergrund der tatsächlich ausgeübten Gewalt – als Mittel der Einschüchterung und Bedrohung eingesetzt. Sie sind also auch Teil symbolischer Kämpfe. Die kämpferische Grundhaltung drückt sich vielfach in erster Linie darin aus, dass der eigene Körper – im Rahmen von Demonstrationen, Blockaden, Präsenz auf der Straße – auf durchaus auch gewaltfreie Weise ins politische Geschehen gebracht und einem Risiko ausgesetzt wird.

Diskursive Gewaltzentriertheit heißt nun, dass Antifa-Akteure sich aus verschiedenen Gründen fortlaufend mit Gewalt auseinandersetzen und ihr Verhältnis zu Gewalt aushandeln: Sie sind "eng am Geschehen" und bringen sich selbst aktiv ein; sie sind immer wieder dem Vorwurf der Gewalttätigkeit ausgesetzt; real stattfindende Gewalt gilt ihnen einerseits in Teilen als legitim, stellt andererseits aber einen Widerspruch zu den vertretenen Werten dar und steht auch im starken Kontrast zu einem betont gewaltfreien Umgang innerhalb des Spektrums antifaschistisch Engagierter.

An weiteren Handlungsaspekten wird deutlich, dass der Begriff der contentious politics differenziert zu verwenden ist. Zunächst ist dies der Fall, weil ein Großteil des Engagements aus aufklärerischer Öffentlichkeitsarbeit besteht. Als ausdrücklich konflikt- und streitorientiert lassen sich hier vor allem seit jeher praktizierte Handlungsweisen wie etwa sogenannte Outings bezeichnen: Absichtlich und mit dem Ziel der Stigmatisierung werden Persönlichkeitsrechte verletzt, wenn etwa Name und Anschrift von als exrem rechts verorteten Gegnern oder flüchtlingsfeindlichen Aktivisten öffentlich gemacht werden. Weniger streitorientiert sind konventionelle Handlungsweisen wie Infostände, Flugblattverteilungen oder Veranstaltungen. Allerdings werden auch diese Praktiken von anderen Akteuren aufgrund ihrer Ausdrucksform, der Positionen, zum Teil der Jugendlichkeit der Akteure oft nicht ernst genommen oder als zu polarisierend kritisiert. Darüber hinaus berührt der Begriff contentious politics im Wesentlichen Aspekte der Außenseite. Innerhalb der Gruppen werden hohe Ansprüche an die eigene Diskursfähigkeit und radikaldemokratische Umgangsformen formuliert. Selbstverständigungsdebatten, die etwa bezüglich männlich konnotierter Selbstinszenierungen gleichzeitig Aspekte der Außendarstellung betreffen, nehmen auch zeitlich einen großen Raum ein.[17]

Strukturen

Antifa ist auch ein (Selbst-)Darstellungsmodell: Im Laufe der 1990er Jahre hat sich ein spezifisches Zeichensystem und ein darauf beruhender Stil herausgebildet. Zentral ist dabei die – habituell wie bei Mobilisierungen gewinnbringende, das heißt attraktive – Demonstration von Ent- und Geschlossenheit. Strukturell allerdings entspricht das Antifa-Spektrum diesem Bild nur bedingt. Antifa-Gruppen und -Angehörige bilden ein recht bewegliches Feld aus persönlichen und gruppenförmigen Netzwerken, Treff- und Kommunikationsorten und politischen Zusammenschlüssen.

Das erste von zwei zentralen Strukturprinzipien ist hier die Gruppe. Gegenüber der "Organisation" als Sinnbild für personell nicht mehr vollständig überschaubare, überlokale und mit formaler Verbindlichkeit ausgestattete Zusammenschlüsse stellt die "Intim-Gruppe" im Kontext von Antifa-Engagement bis heute ein Standardmodell dar. Diese Art von Gruppe ist charakterisiert durch Überschaubarkeit, die Abwesenheit formaler Hierarchien, Ansprüche auf intensiven Austausch und Vertrauen, ein sehr weit gefasstes Verständnis von Politik und damit auf die besondere Bedeutung von freundschaftlicher Verbindung sowie Verbindlichkeit bei gleichzeitiger Informalität. In genau diesem Sinne verstehen sich Antifa-Gruppen, die nicht den größeren Bündnissen beigetreten sind, bis heute auch als "autonom".

Das zweite rahmende Strukturprinzip ist die Szene als soziale Verdichtung von Personen, Orten und Inhalten. Antifaschistische informelle politische Partizipation entfaltet sich häufig als Zusammenwirken von politischer Aktion und alltagskultureller Interaktion im Zusammenspiel von Gruppe und Szene – und ihre Wirkfähigkeit ist häufig auch auf diesen Rahmen begrenzt.

Unabhängiger Antifaschismus zwischen Regression und Umbau

Die antifaschistische Erzählung weist die frühen 1990er Jahre mit ihren gesellschaftlichen Transformationen und Wellen der rassistischen Gewalt mörderischen Ausmaßes als zentralen Bruch- und Bezugspunkt der deutschen Nachkriegszeit aus. In der Tat dokumentieren diese Entwicklungen eine breite Desillusionierung und Delegitimierung linker Gesellschaftsmodelle und -kritik sowie eine hohe Strahlkraft nationalistischer, fremdenfeindlicher und rassistischer Ideologeme. Nicht zuletzt entstanden in dieser Phase auch die milieuhaften Grundlagen für die weitere Entwicklung der extremen Rechten und nahmen Prozesse der "Vermittung" rechtsextremer und rassistischer Positionen ihren Ausgang. Allerdings ist auch richtig, dass zum einen mit einiger Verspätung erhebliche staatliche und gesellschaftliche Anstrengungen unternommen wurden, um Rechtsextremismus und Rassismus zu begegnen. Zum anderen waren neben offen nazistischen auch protofaschistische und rechtspopulistische Akteure gesellschaftlich weitgehend stigmatisiert und blieben politisch schwach.

So gesehen zeigt sich in jüngster Zeit eine aus anderen europäischen Ländern bekannte Entwicklung, deren Brisanz jene aus den 1990er Jahren übersteigt. Zentral sind dafür weniger die klassischen extrem Rechten als die sich selbst als bürgerlich beschreibenden Kräfte: einerseits Protestgruppen und -bewegungen auf der Straße, andererseits die AfD als Partei in nahezu allen Parlamenten. Als miteinander korrespondierende Sammlungsphänomene sind sie politisch (noch) amorph. Deutlich ist aber, dass sie fließende Übergänge zum Rechtsextremismus besitzen, entsprechenden Positionen Platz bieten sowie sich in Prozessen der politischen Fundamentalisierung und Entgrenzung befinden und diese auch aktiv befördern.

Gegenbewegungen und Protestakteure profitieren von Erschrecken und Empörung. Liegt es also am bürgerlichem Gewand und der breiten Akzeptanz von Rechtspopulisten, dass im Umfeld der Szene über "Antifa in der Krise?"[18] diskutiert wird? Das Problem des hier beschriebenen Spektrums liegt weniger darin, dass neue Entwicklungen im vorhandenen analytischen Raster nicht erfasst werden können.

Deutlich wird vielmehr eine spezifische "Erschöpfung" der beschriebenen Ressourcen und Handlungsansätzen von unabhängigem antifaschistischem Engagement, auf die bislang noch nicht mit weithin akzeptierten Innovationen reagiert wurde. Sie ergibt sich erstens aus dem praktischen Zuschnitt eines alltagsweltlich, stark jugendkulturell fokussierten und damit verengten Engagements. Informeller Partizipation sind bestimmte Foren der politischen Auseinandersetzung versperrt, sie kann sich mit entsprechenden Akteuren letztlich nur im öffentlichen Raum und Diskurs auseinandersetzen.

Sie ergibt sich zweitens aus dem Umstand, dass nur noch bedingt auf den zentralen Faktor moralische Empörung zugegriffen werden kann. Insbesondere die fortschreitende Historisierung des Nationalsozialismus verändert hier die Bedingungen politischen Handelns und glaubwürdiger Etikettierung politischer Gegner.

Schließlich ergibt sie sich wohl auch daraus, dass sich autonomes Antifa-Engagement unter vergleichsweise übersichtlichen gesellschaftlichen Bedingungen klarer Rechts-Links-Dichotomien entfaltet hat. Aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen und Bruchlinien, die sich beispielsweise aus Flucht und Migration ergeben, sowie neue antidemokratische Bedrohungsphänomene wie der sogenannte Islamismus haben hier nur als Kulisse Platz, können also im eigenen "Begriff" und "Programm" nicht als relevante Aspekte platziert werden. Während "Antifa" in den vergangenen Jahren rund um Demonstrationen und Parteitage immer wieder große Aufmerksamkeit auf sich zog, ergibt sich also auch bezüglich der Stärke des Spektrums bei genauem Blick ein differenzierteres Bild.
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Fußnoten

1.
Vgl. Eve Rosenhaft, Beating the Fascists? The German Communists and Political Violence, 1929–1933, Cambridge 1983, S. 108f.
2.
Vgl. Christoph Schulze, Zwischen Recherche, Aktion und alternativer Jugendkultur – der Politikansatz von Antifa-Gruppen im Land Brandenburg, in: Julius H. Schoeps et al. (Hrsg.), Rechtsextremismus in Brandenburg. Handbuch für Analyse, Prävention und Intervention, Berlin 2007, S. 287–295; Peter-Georg Albrecht et al., Wir und die anderen. Gruppenauseinandersetzungen Jugendlicher in Ost und West, Wiesbaden 2007, insb. S. 196–212; Ronald Hitzler/Arne Niederbacher, Leben in Szenen. Formen juveniler Vergemeinschaftung heute, Wiesbaden 2010³, S. 34–39; Ingo Matuschek et al., Links sein. Politische Praxen und Orientierungen in linksaffinen Alltagsmilieus, Wiesbaden 2011, S. 42–46; umfassend und mit weiteren Verweisen Nils Schuhmacher, "Nicht nichts machen"? Selbstdarstellungen politischen Handelns in der Autonomen Antifa, Duisburg 2014.
3.
Vgl. Christin Jänicke/Benjamin Paul-Siewert (Hrsg.), 30 Jahre Antifa in Ostdeutschland. Perspektiven auf eine eigenständige Bewegung, Münster 2017.
4.
Vgl. Mirja Keller et al., Antifa. Geschichte und Organisierung, Stuttgart 2011; Herausgeber_innenkollektiv Fantifa (Hrsg.), Feministische Perspektiven antifaschistischer Politik, Münster 2013; Bernd Langer, Antifaschistische Aktion. Geschichte einer linksradikalen Bewegung, Münster 2014; Horst Schöppner, Antifa heißt Angriff. Militanter Antifaschismus in den 80er Jahren, Hamburg–Münster 2015.
5.
Anja Corinne Baukloh, "Nie wieder Faschismus!" Antinationalsozialistische Proteste in der Bundesrepublik der 50er Jahre im Spiegel ausgewählter Tageszeitungen, in: Dieter Rucht (Hrsg.), Protest in der Bundesrepublik. Strukturen und Entwicklungen, Frankfurt/M.–New York 2001, S. 71–101.
6.
Peter Brandt, Antifaschismus in Deutschland – Eine historisch-politische Bestandsaufnahme, in: ders./Ulrich Schulze-Marmeling (Hrsg.), Antifaschismus. Ein Lesebuch. Deutsche Stimmen gegen Nationalsozialismus und Rechtsextremismus von 1922 bis zur Gegenwart, Berlin 1985, S. 8–86, hier S. 40.
7.
Vgl. Thomas Doerry, Antifaschismus in der Bundesrepublik. Vom antifaschistischen Konsens 1945 bis zur Gegenwart, Frankfurt/M. 1980.
8.
Vgl. zur Besonderheit des unabhängigen Antifaschismus in Ostdeutschland Peter-Ulrich Weiß, Außenseiter der Opposition. Alternative Antifa-Szene und ostdeutsche Demokratiebewegung, in: Frank Bösch/Martin Sabrow (Hrsg.), ZeitRäume. Potsdamer Almanach des Zentrums für Zeithistorische Forschung 2015, Potsdam 2016, S. 111–126; exemplarisch zum Verhältnis zwischen West- und Ost-Antifa Yves Müller, "VertreterInnen aus der DDR trotz Einladung nicht anwesend" – Über das ambivalente Verhältnis west- und ostdeutscher Antifa-Gruppen am Beispiel der AA/BO 1992 bis 1994, in: Jänicke/Paul-Siewert (Anm. 3), S. 61–77.
9.
Für den Widerhall der zweiten Welle antideutscher Kritik im Antifa-Spektrum sorgten zum einen die Kernereignisse "Intifada" und "9/11", die erneut die Haltung zu Israel auf die Agenda der deutschen Linken setzten; für die Entwicklung in Ostdeutschland dürften noch einmal spezifische Gründe gegolten haben, die mit der besonderen Marginalität eigener und der Stärke rechtsextremer Positionen zusammenhingen. Vgl. dazu aus Akteursperspektive Marek Winter, Antideutsch in Ostdeutschland, in: Jänicke/Paul-Siewert (Anm. 3), S. 177–191.
10.
Vgl. Rainer Erb, Die linke Szene in Berlin als Herausforderung für die politische Bildung, in: Ulrich Dovermann (Hrsg.), Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2011, S. 201–230, hier insb. S. 218–223; Maike Zimmermann, Antifaschistische Blockaden verhindern Europas größten Neonaziaufmarsch, in: Friedrich Burschel et al. (Hrsg.), Ungehorsam! Disobedience!, Münster 2014, S. 73–84.
11.
Roland Roth, Bürgermacht. Eine Streitschrift für mehr Partizipation, Hamburg 2011, S. 116.
12.
Vgl. dazu Nils Schuhmacher, Die Antifa im Umbruch. Neuformierungen und aktuelle Diskurse über Konzepte politischer Intervention, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 2/2015, S. 5–16.
13.
Vgl. dazu Schuhmacher (Anm. 2), S. 141ff.
14.
Vgl. zum Begriff David S. Meyer/Sidney Tarrow (Hrsg.), The Social Movement Society: Contentious Politics for a New Century, Boulder 1998.
15.
Vgl. zur Differenzierung teilbarer und unteilbarer Konflikte Albert O. Hirschman, Wie viel Gemeinsinn braucht die liberale Gesellschaft?, in: Leviathan 2/1994, S. 293–304.
16.
Vgl. dazu und im Folgenden die Literatur in Anm. 2, 3, 4, insb. Schulze (Anm. 2), S. 293; Hitzler/Niederbacher (Anm. 2), S. 35; Schuhmacher (Anm. 2), S. 44–63, S. 171–181.
17.
Vgl. dazu die Literatur in Anm. 2, 3, 4.
18.
So der Titel eines Kongresses in Berlin im April 2014. Vgl. dazu Schuhmacher (Anm. 2), S. 10f.
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Autor: Nils Schuhmacher für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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