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26.5.2002 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

"Culture and identities in global societies": So lautete das Thema eines Ende September 2001 in Cadenabbia am Comer See abgehaltenen internationalen Kolloquiums.

Einleitung

"Culture and identities in global societies" - so lautete das Thema eines Ende September 2001 in Cadenabbia am Comer See abgehaltenen internationalen Kolloquiums. Die Bundeszentrale für politische Bildung Bonn und der Staatsminister für die Angelegenheiten der Kultur und der Medien, Julian Nida-Ruemelin, hatten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus aller Welt zur Diskussion eingeladen - unter ihnen die beiden deutschen Politikwissenschaftler Hans Vorländer und Claus Leggewie, der israelische Soziologe Natan Sznaider und der französische Wirtschaftswissenschaftler Yann Moulier-Boutang, deren Beiträge in dieser Ausgabe "versammelt" sind. Zweieinhalb Wochen nach den Anschlägen vom 11. September wurde in Cadenabbia auch über "the attack against civil societies" diskutiert. Die Suche nach den Möglichkeiten einer neuen globalen Weltordnung, um die es am Comer See gehen sollte, erhielt damit eine weiter gehende Bedeutung.

Dass nichts mehr so ist, wie es bis zum 11. September 2001 war - darüber wurde auch in Cadenabbia diskutiert. Hans Vorländer zeigt in seinem Essay, was sich verändern wird: Politik und nationaler Staat werden sich den verloren gegangenen Primat zurückerobern. Der Autor sagt aber auch, was verändert werden muss - die Auffassung, die Kultur des Westens sei die universale Weltkultur.

Nach Horst W. Opaschowski haben die Terroristen am 11. September mit ihren Zerstörungen zugleich das brüchige Fundament unserer westlichen Wertewelt freigelegt. Wenn wir uns nicht änderten, könne der von Samuel P. Huntington vorausgesagte "Kampf der Kulturen" in naher Zukunft Wirklichkeit werden. Was die islamische Welt am westlichen Lebensstil so kritisiere, sei nicht primär der materielle Wohlstand, sondern das Wohlleben ohne Wertebasis. Der Westen habe jedoch die Chance, die inneren Verfallsprozesse aufzuhalten oder sogar umzukehren, wenn er zu einer moralischen Erneuerung bereit sei.

Für Claus Leggewie ist mit dem 11. September auch der Mythos einer rundum erfolgreichen Globalisierung gefallen. Die Globalisierung wirke eher fragmentierend als integrativ; sie sei großräumig und grenzüberschreitend, aber nicht universal. Diese Ernüchterung sei das unbestreitbare Verdienst der Protestierenden von Seattle, Prag und Genua, mit denen der Autor dennoch ins Gericht geht: Wenn die Globalisierung einen Anteil am Entstehen des Terrorismus habe, dann könnten auch die global agierenden Globalisierungskritiker davon nicht unbeeindruckt bleiben und sich in einem Zustand kindlicher Unschuld wähnen.

Aus der Sicht Natan Sznaiders gibt es einen Zusammenhang zwischen der Art der Erinnerung an den Holocaust und den jüngsten Ereignissen in Amerika. Für die Terroristen symbolisiere "Amerika" eine Art seelenlosen, materialistischen und entwurzelten Lebensstil, den sie verabscheuten. Folglich sei der Angriff auf Amerika zugleich ein Angriff auf die globale Kultur. Jeder könne zum Opfer werden. Während der vergangene Holocaust überwiegend die Juden betroffen habe, könne der künftige jeden betreffen.

Yann Moulier-Boutang geht von einer globalen, unumkehrbaren Entwicklung des kapitalistischen Systems aus und postuliert die Herausbildung eines "kognitiven Kapitalismus". Basis dieses, anderenorts auch als Wissensgesellschaft bezeichneten, hochkomplexen Systems ist vernetztes Wissen; im Mittelpunkt seiner Ökonomie stehen die Netze. Jedes Gut, das in einer Wissensökonomie hergestellt werde, sei auf vier nicht mehr reduzierbare Bestandteile zurückzuführen: die Hardware, die Software, die Wetware und die Netware. Die Netware ermögliche die Kombination der Wetware - der eigentlichen Geistesarbeit.