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26.5.2002 | Von:
Yann Moulier-Boutang

Marx in Kalifornien: Der dritte Kapitalismus und die alte politische Ökonomie

Anliegen des Beitrages ist die Widerlegung der Behauptung, dass die Marx'sche Analyse heute völlig fehl am Platze sei. Das ist keineswegs sicher.

I. Der kognitive Kapitalismus als dritter Kapitalismus

Der provozierende Titel des vorliegenden Beitrages versteht sich als Widerlegung der Behauptung, dass die Marx'sche Analyse außerhalb des 19. und 20. Jahrhunderts - heute etwa in Silicon Valley, dem Land der New Economy - völlig fehl am Platze sei. Das ist keineswegs sicher.

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  • Wir werden in einem ersten Teil die Elemente benennen, die uns dazu geführt haben, die gegenwärtige Veränderung des kapitalistischen Systems - von der die New Economy nur das Symptom ist - als dauerhaften, tiefen Bruch zu charakterisieren. Es handelt sich dabei nicht nur um eine Veränderung des Regulationssystems im Inneren desselben kapitalistischen Systems, sondern wir gehen von der Herausbildung eines dritten Kapitalismus aus. Diese Veränderung impliziert zugleich eine Veränderung der Kategorien der politischen Ökonomie. [1]

    In einem zweiten Teil wollen wir die sich vollziehenden Veränderungen der Kategorien an Beispielen untersuchen. Als Schlussfolgerung werden wir versuchen, die Räume zu definieren, die sich entschlossenen Umwandlungsgedanken und -praktiken eröffnet haben.

    Die hier vertretene These lautet, dass die Veränderung, welche die kapitalistische Ökonomie und die Wertproduktion betrifft, global ist und das Verlassen   des industriellen Kapitalismus kennzeichnet. Der heraufziehende kognitive Kapitalismus [2] ist jenseits des Handelskapitalismus und des industriellen und finanziellen Kapitalismus angesiedelt. Dieser Kapitalismus, der in einem noch nie da gewesenen Ausmaß produktiv ist, gestaltet die Welt der materiellen Produktion neu, organisiert sie um, modifiziert ihre Nervenzentren. Die zunehmende Monetarisierung ist Ausdruck dieser Neugestaltung. Es geht also nicht darum, zwanzig Jahre nach Daniel Bell die Lobeshymne auf die postindustrielle Ära anzustimmen und mit den Vorsängern der New Economy die Ankunft einer befriedeten und krisenfreien Gesellschaft zu verkünden, sondern die wesentlichen strategischen Veränderungen aufzulisten, die schon jeweils für sich genommen beträchtlich sind, die aber vor allem ein komplexes System bilden.

    Welche Charakteristika der sich seit dreißig Jahren vollziehenden Veränderungen erlauben es uns, von einem kognitiven Kapitalismus zu sprechen, der tatsächlich dabei ist, sich zu installieren?

    Fußnoten

    1.
    Übersetzung des Beitrages aus dem Französischen: Ingrid Herzing, Bonn. Es handelt sich um die gekürzte Fassung des Textes, der dem Autor als Grundlage für seinen Vortrag auf dem Kolloquium der Bundeszentrale für politische Bildung Ende September 2001 in Cadenabbia am Comer See diente. 1.ƒDer vorliegende Beitrag stützt sich auf die Arbeiten, die im Forschungszentrum von Isys-Matisse im Rahmen eines Forschungsprogramms durchgeführt wurden, das wir den kognitiven Kapitalismus nennen, und auf unsere Forschungen über die Arbeiterschaft unter dem Blickwinkel dauerhafter Veränderungen des historischen Kapitalismus. Zum kognitiven Kapitalismus verweisen wir auf Multitudes, (Dezember 2001), 1, 2, 5, dort A.'Corsani/P. Dieuaide/C.'Azais (Hrsg.), Vers un capitalisme cognitif. Entre mutation du travail es territoire, Paris, Dezember 2001; A.'Corsani/P.'Dieuaide/M.'Lazzarato/J.'M.'Monnier/Y.'Moulier-Boutang/B.'Paulré/C.'Vercellone, Der kognitive Kapitalismus als Ausweg aus der Krise des industriellen Kapitalismus. Ein Forschungsprogramm. Das Papier wurde beim Colloquium der Association de la Régulation vom 11. bis 13.'Oktober 2001 in Paris vorgestellt; und schließlich auf Y.'Moulier-Boutang selbst. Zum Übergang des Handels- und Sklavenkapitalismus zum industriellen Kapitalismus und zu den gegenwärtigen Lohnvereinbarungen immaterieller Arbeit am Arbeitsmarkt, im Unternehmen und zum sozialen Schutz siehe ebenfalls Arbeiten von Yann Moulier-Boutang Anmerkung der Redaktion: Die politische Ökonomie ist - im Sinne von Karl Marx - die Kritik der klassischen bürgerlichen Ökonomie von Adam Smith, David Ricardo u. a.
    2.
    Anmerkung der Redaktion: Gemeint ist ein Kapitalismus, der in starkem Maße auf den geistigen Fähigkeiten der Menschen - auf Wissen - beruht. In der wissenschaftlichen Diskussion wird in diesem Zusammenhang auch vom Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft gesprochen. Yann Moulier Boutang verwendet dafür den Begriff des "kognitiven Kapitalismus" . Siehe dazu auch die Ausgabe B 36/2001 dieser Zeitschrift zum Thema "Wissensgesellschaft" vom 31. August 2001.