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Kultur und Identitäten


26.5.2002
"Kampf der Kulturen" - "Kampf um die Kultur" - "Kultur der Toleranz". Das waren und sind Schlagworte in den derzeitigen politischen Feuilletons.

I. Abschnitt



Als der 1862 geborene bedeutende liberale Historiker Friedrich Meinecke, ein kompromissloser Gegner des nationalsozialistischen Regimes, unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches seine "Betrachtungen und Erinnerungen" niederschrieb - unter dem Titel "Die deutsche Katastrophe" 1946 erschienen -, spendete er den noch einmal Davongekommenen trostreichen kulturellen Rat: In jeder deutschen Stadt und größeren Ortschaft sollten Gemeinschaften gleichgesinnter Kulturfreunde entstehen, denen er "am liebsten den Namen ,Goethegemeinde' geben würde". Diese hätten die Aufgabe, die "lebendigsten Zeugnisse des großen deutschen Geistes durch den Klang der Stimme ins Herz zu tragen - edelste deutsche Musik und Poesie".

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  • Im Rückblick ist man gerührt, aber auch irritiert, mit welchem erhebenden Pathos abgründigste Geschichtserfahrungen bewältigt - oder doch wohl mehr verdrängt werden sollten. Etwas weniger naiv, aber mit gleichem Tenor, hatte Thomas Mann in einer Ansprache am 10. Mai 1945 an seine deutschen Rundfunkhörer - in einer Sendereihe der BBC, die den in die USA emigrierten Dichter seit Oktober 1940 zu Wort kommen ließ -, festgestellt, dass zwar schwer zu tilgender Schaden dem deutschen Namen zugefügt worden, "deutsche Würde" jedoch nicht völlig verloren gegangen sei: "Deutsch war es einmal und mag es wieder werden, der Macht Achtung, Bewunderung abzugewinnen durch den menschlichen Beitrag, den freien Geist."

    In einer Zeit, da religiös-fundamentalistischer Terrorismus besonders die westliche Welt tief erschüttert (im doppelten Wortsinne), mag es gut sein, sich an eine Zeit zu erinnern, in der Kultur als "Überlebensmittel", und zwar von breiten Bevölkerungskreisen, empfunden wurde. Zwiespältige Gefühle sind dabei freilich angebracht. Theodor W. Adorno meinte damals, Auschwitz habe das Misslingen der Kultur unwiderleglich bewiesen. Dass die bis dahin unvorstellbaren nationalsozialistischen Verbrechen geschehen konnten "inmitten aller Tradition der Philosophie, der Kunst und der aufklärenden Wissenschaften, sagt mehr als nur, dass diese, der Geist, es nicht vermochte, die Menschen zu ergreifen und zu verändern". Was sollte da noch Kultur bewirken? Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben sei barbarisch, lautete 1949 sein bitteres, später freilich revidiertes Diktum.

    Die These, dass Kultur, der Prozess der Enkulturation und Zivilisation, den Glauben an die Theodizee (unsere Welt als die beste aller möglichen Welten) bekräftige oder gar bestätige, wird im Besonderen nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts kaum noch gewagt werden können. Würde man aber am "Kulturstaat" als Realutopie - Friedrich Schiller spricht vom "ästhetischen Staat" - nicht festhalten, suspendierte man in aufgeklärten säkularisierten Gesellschaften das System der Werte und Normen; ohne dieses wird Demokratie zur leer laufenden Maschinerie; sie mag funktionieren - sinnlos.

    Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland lässt keinen Zweifel: Dieser Staat ist ein Kulturstaat. Doch immer mehr scheint die normsetzende Idee für die Wirklichkeit an Bedeutung zu verlieren. Der Diskurs, den Anfang der siebziger Jahre Jürgen Habermas mit Niklas Luhmann führte, ist nach wie vor von hoher aktueller Bedeutung: Habermas geht es - in Abgrenzung vom "coolen" Systemtheoretiker ("System-Ingenieur") Luhmann - nicht um das reibungslose Funktionieren von Staat und Gesellschaft; er fordert die Mobilisierung aller Kräfte für die Verwirklichung von Werten. Inmitten der Trostlosigkeit einer "entzauberten Welt" (Max Weber) gelte es, mit Hilfe von Vernunft Orientierung zu finden und Verantwortung zu übernehmen.

    Nicht nur seit der Aufklärung, aber besonders seit dieser, ist Vernunft - wenn sie nicht durch Instrumentalisierung vereinseitigt und veroberflächlicht wird - ins Subjekt hinein verlegt: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung."

    Diese viel zitierte Definition Immanuel Kants ermutigt den Menschen, sich selbst in den Mittelpunkt des Handelns zu rücken, jeden Determinismus von sich weisend - ein Denken, wie es bereits Pico della Mirandolas ketzerische Abhandlung "De dignitate hominis" ("Über die Würde des Menschen") 1496 bekundete. Als Prämisse demokratischer politischer Bildungsarbeit könnte und müsste das "sapere aude - Habe den Mut, (selbst) zu denken" - ein Pfahl sein im weichen Fleisch postmoderner hedonistischer Mentalität, die durch die gedankenlose entsolidarisierende Gleichgültigkeit des Anything-goes, All-is-pretty, Don't-worry-be-happy geprägt ist. Da aber auch die Politik unter dem Motto "Seid nett zueinander" geistige Schärfe und Differenz degoutant findet und allzu oft in oberflächliche, die Anstrengung des Begriffs meidende Wortstreitigkeiten flüchtet ("Leitkultur"), bleibt Kulturpolitik, bleibt politische Kultur ohne Anregung, Erregung, Aufregung.