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Terror und Tourismus


26.5.2002
Der Terroranschlag vom 11. September auf das New Yorker World Trade Center und das Pentagon in Washington hat weitreichende Folgen gehabt. Auch der Tourismus wurde unmittelbar geschädigt.

Einleitung



Nach den terroristischen Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center und das Pentagon in Washington vom 11. September ist nichts mehr, wie es war. Zumindest wird dies landauf, landab in den Medien behauptet. Doch auch angesichts der hässlichen Fratze des Terrors und in Anbetracht des zuvor für unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich gehaltenen Ausmaßes terroristischer Perfidie und Perfektion sollte man genauer hinschauen, muss man gewissenhafter fragen: Was hat sich wie geändert? Und auch: Was bleibt unverändert? Dass die Terroranschläge wie der sprichwörtliche ins Wasser geworfene Stein in immer mehr Bereichen der Wirtschaft verheerende Kreise ziehen, zeichnet sich ab. Unmittelbar und direkt war und ist auch der Tourismus getroffen worden. Ob er langfristig zu den am härtesten betroffenen Branchen zählen wird, ist noch ungewiß, mag sogar bezweifelt werden. Auf jeden Fall rücken aber die Ereignisse des 11. Septembers den Tourismus in einen Brennpunkt der Aufmerksamkeit, Befürchtungen und präventiven Maßnahmen.

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  • Unmittelbare wirtschaftliche Folgen der Terroranschläge sind schon zu registrieren. Die Einnahmen der Fluggesellschaften sind um bis zu 20 Prozent zurückgegangen. Die Flugzeugindustrie klagt über ausbleibende oder stornierte Aufträge. Hotels in New York und in anderen Metropolen werden nicht mehr gebucht, Restaurants bleiben leer, Großereignisse werden abgesagt, Kongresse storniert. Als Folge ausbleibender Nachfrage in diesen Bereichen kommt es zu Entlassungen von Arbeitskräften.

    Das sind nur einige der harten Fakten, mit denen sich die Tourismusindustrie und angrenzende Wirtschaftszweige konfrontiert sehen. Gegenwärtig ist aber wohl niemand in der Lage vorherzusehen, wie anhaltend diese Einbrüche sein werden, ob und wie sie zumindest auf lange Sicht kompensiert werden können. Ohnehin ist nicht eindeutig auszumachen, in welchem Maße die zurückgehende Nachfrage nach touristischen Leistungen auch auf die ohnehin stagnierende weltwirtschaftliche Lage zurückzuführen ist. Im Luftverkehr und der Flugzeugindustrie überlagert die eingebrochene Nachfrage infolge der Terroranschläge die konjunkturellen und strukturellen Krisen in diesen Branchen. Denkbar ist, dass einige im Kern gesunde Unternehmen im Zuge des verschärften Konkurrenzkampfes - bei dem auch staatliche Garantien und Subventionen eine Rolle spielen - durch Marktbereinigung langfristig vorteilhaftere Wettbewerbspositionen einnehmen werden. Einige Bereiche des Tourismus werden von den Terroranschlägen und ihren Auswirkungen unberührt bleiben, manche werden sogar von ihnen profitieren.

    Momentan aber herrscht Unsicherheit, was die zu erwartenden Entwicklungen betrifft, im Großen wie im Kleinen. Diese Unsicherheit resultiert zum einen aus der Ungewissheit über die politischen und militärischen Bedingungen, Aktionen und Reaktionen, zum anderen aber auch daraus, dass man zu wenig über die Reaktionsweisen des touristischen Marktes bzw. der Konsumenten touristischer Leistungen weiß. Die Tourismuswissenschaft ebenso wie die Tourismuswirtschaft hat ein lediglich rudimentäres Wissen von den Reisemotiven und Entscheidungsprozessen potenzieller Touristen. Man kann den Erkenntnisstand der Tourismuswissenschaft mit demjenigen vergleichen, den die Finanzwissenschaft vom Börsengeschehen hat. Was man über die Motivation von Börsen- und Reiseteilnehmern weiß, ist trivial: Von dem einen weiß man, dass er Geld verdienen möchte, vom anderen, dass er verreisen möchte, kombiniert mit Motiven wie Erholung, Unterhaltung, Abwechslung usw. Kaum ausgelotet sind die psychologischen Tiefen der Käufer von Wertpapieren und Reisetickets, wenig weiß man von der Dynamik der Entscheidungsprozesse, von den Lern- und Sättigungseffekten, von der Verlagerung, Substitution und Kompensation von Bedürfnissen oder von den wechselnden Risikoeinschätzungen und -bereitschaften. Zu fragen, wer wann welche Handlungsbedingungen und Entscheidungssituationen wie riskant einschätzt und welche Konsequenzen er oder sie daraus zieht, ist aber wichtig, wenn man die Konsequenzen der Terroranschläge auf die Entwicklung des Tourismus oder der Finanzmärkte abschätzen will. Die Klärung dieser Fragen würde letztlich auch Aufschluss über die Rationalität des Handelns liefern.

    Eine weitere Gemeinsamkeit von Börse und Tourismus besteht darin, dass beide als hochkomplexe, dynamische Systeme gelten können, die kurzfristig sehr störanfällig sind und sensibel auf Veränderungen reagieren, die indessen langfristig recht stabil oder ultrastabil sind. Beide Systeme haben mit Tempo und Transport zu tun, beide Systeme operieren mit Bergen von Daten und Informationen. Damit kommt bei beiden auch der Kommunikation und den Medien große Bedeutung zu. Und beide Systeme spielen bei Prozessen, für die der Begriff Globalisierung die Chiffre ist, eine Schlüsselrolle. Betrachtet man den Tourismus als Marktgeschehen, so zeigt sich hier - mehr noch als bei den Finanzmärkten -, dass im Rahmen eines globalen Marktes eine Vielzahl von transnationalen, nationalen und subnationalen Märkten, von regionalen, lokalen und sogar virtuellen Märkten miteinander verkoppelt sind. Es gibt nicht den Reisemarkt, sondern eine Vielzahl von Märkten, marktähnlichen Gebilden, auch Schwarzmärkten und Marktnischen. Folglich ist auch die Frage nach den Auswirkungen des Terrorismus auf den Tourismus zu pauschal gestellt. Die unterschiedlichen Reisemärkte wie die verschiedenen Reiseziele (Destinationen) sind auf differenzierte Weise vom Terrorismus betroffen. Dabei ist natürlich auch das Phänomen Terrorismus zu differenzieren. Unterschiedliche Terrorakte werden unterschiedlich wahrgenommen und verarbeitet und haben je nach touristischem Zielgebiet oder Zielobjekt verschiedene Konsequenzen.

    Ein grober Klassifikationsversuch von terroristischen Aktionen, die den Tourismus direkt oder indirekt betreffen, lässt drei Klassen unterscheiden:

    - gezielte Anschläge auf touristische Objekte;

    - Aktionen, bei denen der Angriff in erster Linie zielgerichtet auf die öffentliche Ordnung erfolgt;

    - Terrorakte, die scheinbar wahl- und ziellos die öffentliche Ordnung erschüttern.

    Erstens:  Beispiele für gezielte Anschläge auf touristische Objekte sind die Anschläge auf Nilkreuzfahrtschiffe, zu denen es in Ägypten in den neunziger Jahren kam, vor allem das Massaker bei Luxor im Tal der Königinnen, bei dem 1997 64 Touristen von islamischen Fundamentalisten erschossen wurden. Diese Terrorwelle führte zum vorübergehenden Ausfall Ägyptens als Reiseziel. Seitdem die fundamentalistischen Terrororganisationen, die für die Anschläge in Ägypten verantwortlich waren, angeblich außer Landes sind und der ägyptische Staat zumindest optisch beeindruckende Maßnahmen zum Schutze der Touristen durchführt, hat sich der Tourismus in Ägypten wieder mehr als erholt und stellt eine unverzichtbare Stütze der ägyptischen Wirtschaft dar. An diesem Beispiel zeigt sich eine Regel: Vom Tourismus getroffene Gebiete haben nach relativ kurzer Zeit ein Come-back. Ähnlich verhält es sich auch mit Destinationen, die - von anderen Kalamitäten wie etwa Naturkatastrophen getroffen - vorübergehend aus den Reisemärkten fallen. Als zweite Regel lässt sich formulieren: Des einen Leid, des anderen Freud. Innerhalb des globalen Tourismussystems wird der Ausfall von einzelnen Destinationen durch Umlenkungen der Reiseströme auf andere Zielregionen kompensiert. 

    Weitere Beispiele für Terroranschläge auf den Tourismus sind Entführungen von einzelnen Touristen oder Reisegruppen, wie sie in Costa Rica oder auf den Philippinen vorgekommen sind. Während die Attentäter in Ägypten wohl gezielt die Absicht verfolgten, den Tourismus im eigenen Land zu schädigen, machen sich die Entführer den Tourismus zunutze, wobei die Motive der Täter politischer Art oder auch nur pekuniärer Art sein können. Die Schädigung des Tourismus infolge der Verunsicherung der Touristen und aufgrund der Imagezerstörung des Reiselandes ist "nur" ein sekundärer Effekt des Anschlags. Mit einer regelrechten "Entführungsindustrie" hat man es wohl in Kolumbien zu tun, deren Objekte nicht allein Touristen, sondern auch wohlhabende Einheimische sind. Aber in diesem Falle, wie allgemein, wenn Kriminalität als bedrohlich wahrgenommen wird, wirkt sich das auch auf den Tourismus aus.

    Zweitens: Die Beispiele zeigen schon, dass die Übergänge zwischen den klassifizierbaren Phänomenen fließend sind. Als zweiter Typus von Terrorismus können solche Aktionen klassifiziert werden, bei denen der Angriff in erster Linie zielgerichtet auf die öffentliche Ordnung erfolgt, wobei touristische Infrastrukturen ebenfalls betroffen sind. In diese Kategorie fällt wohl auch der Angriff auf das New Yorker World Trade Center. Ebenfalls in dieser Klasse sind die zahlreichen Angriffe auf die Verkehrssysteme einzuordnen, also Bomben in U-Bahnen oder auf Flughäfen, herbeigeführte Zugunglücke und entführte Flugzeuge. Bei Angriffen auf andere Infrastrukturen, wie etwa Strom- und Wasserversorgung, wären touristische Einrichtungen zwar auch betroffen, aber eben kaum mehr als andere Bereiche des öffentlichen Lebens.

    Drittens: Fließend ist wiederum der Übergang zur dritten Klasse, der solche Terrorakte zuzuordnen sind, die scheinbar wahl- und ziellos die öffentliche Ordnung erschüttern. Die Autobomben, die seit Jahren von der ETA in spanischen Städten zur Explosion gebracht werden, sind hierfür ebenso Beispiele wie vergleichbare Aktionen in Nordirland oder Israel. Die Terroristen verfolgen hier eine langwährende Zermürbungsstrategie, die den Staat provozieren und die öffentliche Ordnung erodieren soll. Abhängig von Häufigkeit, Regelmäßigkeit, Zielgerichtetheit und Schwere dieser Anschläge wird das soziale Leben mehr oder weniger gestört, wobei es hier sicher auch Gewöhnungserscheinungen gibt. Insofern der Tourismus Teil des öffentlichen Lebens ist, bzw. insoweit sich der Tourist in den gefährdeten öffentlichen Räumen bewegt, hat dies auch einen Effekt auf den Tourismus.

    Diese Klassifikation von Terroranschlägen ist keineswegs erschöpfend. Sie umfasst lediglich Terrorakte, die in einer Verbindung mit touristischen Objekten stehen bzw. spezifische Auswirkungen auf den Tourismus haben. In jeder der angegebenen Klassen lassen sich sodann weitere Unterscheidungen treffen. Dabei sind die wichtigsten Variablen: das Ausmaß der Schäden; der Bekanntheitsgrad bzw. die Anonymität der Täter; die Konzentration bzw. Diffusion der Tat; der Grad der Bekanntwerdung bzw. Veröffentlichung der Aktion.

    Für die Einschätzung, inwieweit der Tourismus vom Terrorismus betroffen ist, wären zwei Fragenkomplexe zu klären:

    1. Wie groß ist das objektive Risiko für touristische Ziele und Objekte, zu Zielobjekten von Terroranschlägen zu werden, und zwar von welchen?

    2. Wie werden diese Risiken subjektiv eingeschätzt? Wie wird mit diesen Risiken umgegangen?

    Tourismus ist ein risikosensibles Geschäft. Auch dies hat er mit der Börse gemein. Das heißt, Risikoeinschätzungen haben einen großen Anteil an den Investitionsentscheidungen. Dabei klaffen objektive Risiken, die sich in Wahrscheinlichkeiten ausdrücken lassen, und subjektive Risikowahrnehmungen oft weit auseinander. Diese Rationalitätslücken werden dann euphemistisch umschrieben durch "Erklärungen", dass eben viel Psychologie im Spiele sei. Doch im Gegensatz zum Börsengeschehen, das bei aller Irritierbarkeit durch Unsicherheiten auch davon lebt, dass Risiken Chancen beinhalten und umgekehrt, schätzt der Tourismus als System bzw. lieben die Touristen als Handelnde das Risiko nur in geringen Dosen. Reisen hat zwar immer etwas mit Veränderungen und Irritationen zu tun, doch die Arrangements des organisierten Tourismus oder die Routinen des Individualreisenden stellen Sicherheiten her, verkaufen Sicherheit, auch wenn diese trügerisch sein mag. Das führt dazu, dass Touristen Risiken häufig falsch einschätzen, unter- oder überbewerten. Dabei ist die subjektive Risikobewertung kein "kühl" rationaler Prozess, sondern wird von Emotionen beeinflusst.

    Allgemein gilt, dass im Erlebnispaket, das die Tourismusbranche für ihre Klienten schnürt, für negative Emotionen kein Platz vorgesehen ist. Kommt es zu negativen Ereignissen, Erlebnissen und Gefühlen, was so gut wie unvermeidlich ist, können sich die negativen Emotionen umso unangenehmer und unkontrollierter breit machen. Das heißt, im Tourismus bzw. in der Erlebniswelt des Touristen haben kleine und singuläre negative Ereignisse eine um so größere Wirkung. Das gilt auch für die Wahrnehmung, Einschätzung und Verarbeitung von Terroranschlägen sowie katastrophalen Ereignissen, die mit Reisezielen und -mitteln in Verbindung gebracht werden können. Um der Tendenz der Dramatisierung und Aufschaukelung aktueller Ereignisse und Emotionen entgegenzuwirken, ist es im Tourismus wie in anderen vom Terrorismus betroffenen Bereichen ratsam, eine Balance herzustellen zwischen Vertrauen erweckenden und sicherheitsbetonten Maßnahmen einerseits und andererseits Strategien, welche die "Unsichtbarmachung" des Terrors und seiner Folgen beinhalten. Die Massenmedien betreiben ja nicht nur Aufklärung über den Terrorismus, sondern bereiten durch die Herstellung medialer Öffentlichkeit dem Terrorismus die Weltbühne. Hier wäre zu prüfen, inwieweit durch einen anderen Umgang mit Information dem Terrorismus und seinen Trittbrettfahrern Öffentlichkeit und damit Wirkung entzogen werden kann.

    Die Irritationen, die Terroranschläge oder andere Katastrophenereignisse im Tourismussystem bewirken, sind meist prompt und heftig, aber selten länger anhaltend. Störungen werden - wie an der Börse - relativ schnell ausgependelt und vergessen. Auch wenn einzelne touristische Teilsysteme bzw. Destinationen oder Unternehmen durch Terrorismus ruiniert werden können, so ist der Tourismus insgesamt doch ein ultrastabiles System, das durch einzelne Terrorakte wahrscheinlich nicht nachhaltig erschüttert wird. Freilich hängt die Bestätigung dieser optimistischen Prognose nicht zuletzt davon ab, dass die Ereignisse vom 11. September keine Steigerung erfahren und die Wahrscheinlichkeit weiterer Anschläge - objektiv wie in der subjektiven Wahrnehmung - nachhaltig minimiert werden kann.