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26.5.2002 | Von:
Thomas Herdin
Kurt Luger

Der eroberte Horizont

Tourismus und interkulturelle Kommunikation

II. Reiseangebote als Supermarktware

Zwölf verschiedene Waschmittel, über 30 Schokoladesorten und ein unüberschaubares Käsesortiment - aber auch das Produkt "Reise" wurde längst zu einem Supermarktartikel. Seit in Österreich die Supermarktkette Billa nun Reisen auch wirklich im Supermarkt anbietet - mit Billa-ITS zu den Warmwasserzielen ans Mittelmeer, mit "Ja, Natürlich" zum Wandern in den Nationalpark Hohe Tauern im Salzburger Land -, wurde die Metapher zur Wirklichkeit.

Die Identität des heutigen Reisenden ist ein Produkt jahrhundertealter Reisetätigkeit, einer unendlichen Folge immer neuer Abreisen, Passagen und Ankünfte. Reisen war früher einmal Ausnahmezustand, heute bildet der Urlaub einen Teil des Lebensstils, ist mobile Freizeit. Im 15. und 16. Jahrhundert entwickelte sich in Europa eine rege Reisetätigkeit. Junge Adelige und Scholare, die "Weltkenntnis" anstrebten, gingen auf Studienreisen zur Erweiterung ihres geistigen Horizonts und formten eine eigene literarische Gattung, die Apodemik. Ihnen folgten die fahrenden Gesellen und Handwerker, und im 18. Jahrhundert begab sich das aufstrebende Bürgertum auf Entdeckungsfahrt, angeregt durch die Schilderungen und Abenteuer, die von den Eroberern der Gebirge, der Weltmeere und fremden Völkern berichteten. [6] Unterstützt durch den Ausbau nationaler und internationaler Verkehrsverbindungen, expandierte die Reiseindustrie rasch, ermöglichte die Standardisierung von Angeboten, garantierte eine sichere Rückkehr und ermöglichte so den "Massenreiseverkehr". Dieser wiederum war Voraussetzung für die Entstehung der Reiseführerliteratur Mitte des 19. Jahrhunderts. Die weitere Industrialisierung des Lebens führte zu einer radikalen Umgestaltung des städtischen Raumes, des Wohnens und Arbeitens und provozierte im mitteleuropäischen Raum eine andere, spezifische Form des Erholungsurlaubes: die Sommerfrische. Auf die nahe gelegenen Gebiete beschränkt, bildete sie zur Stadt einen Kontrast und vermittelte dem ökonomisch und ideologisch verunsicherten Mittelstand, aber auch den sozialen Aufsteigern der neuen Mittelschicht, ein ländliches Refugium mit überschaubaren sozialen Kontakten.

Mit dem Nationalsozialismus wandelte sich die touristische Kultur vollkommen, der Freizeit- und Erholungsbereich wurde durch die "Kraft durch Freude"-Gemeinschaft zum tragenden Element der Staatspolitik und eröffnete erstmals der Arbeiterschicht die Möglichkeit zu ausgedehnterem Reisen. Vom Massentourismus lässt sich jedoch erst in der Nachkriegszeit sprechen, weil erst in dieser Epoche die strukturellen Veränderungen dafür geschaffen wurden. [7] Dazu gehören die Ausdehnung der Industrialisierung, die Verstädterung und Erhöhung der regionalen Mobilität, die Steigerung der Einkommen und die Sättigung alltäglicher Konsumbedürfnisse, das verstärkte Tourismusangebot, die Umleitung gesellschaftlicher Differenzierungs- und Prestigewünsche auf Konsumdemonstration und Symbole. [8] Dieser Massentourismus, als Folge des industriegesellschaftlichen Lebensstils, [9] lässt sich als ein Vorgang des Reisens charakterisieren, der vom kollektiven Aufbruch geprägt ist und dem man auch als Individualtourist nicht entgehen kann.

Fußnoten

6.
Vgl. Albert Gerdes, Die Mühen des Weges. Notizen zur Kultur und Geschichte des Reisens, in: Thomas Theye (Hrsg.), Der geraubte Schatten, München 1989, S. 164-185; Zur Geschichte des Tourismus allgemein vgl. Eric Leed, Die Erfahrung der Ferne. Reisen von Gilgamesch bis zum Tourismus unserer Tage, Frankfurt/M. - New York 1993.
7.
Vgl. Eva Maria Kubina, Irrwege - Fluchtburgen. Modelle und Dimensionen zur soziologischen Analyse des Phänomens Massentourismus, Frankfurt/M. 1990.
8.
Vgl. Hans-Werner Prahl/Albrecht Steinecke, Der Millionen-Urlaub, Bielefeld 1989.
9.
Vgl. Hansruedi Müller/Dieter Kramer/Jost Krippendorf, Freizeit und Tourismus. Eine Einführung in Theorie und Politik, Bern 1991.