APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Thomas Herdin
Kurt Luger

Der eroberte Horizont

Tourismus und interkulturelle Kommunikation

V. Rezeption von Fremdheit

Menschen handeln Dingen oder Menschen gegenüber auf der Grundlage von Bedeutungen, die im Prozess der sozialen Interaktion auch verändert werden. Fremdes wird zuerst als etwas Andersartiges wahrgenommen, markiert eine Differenz, einen Unterschied, der auf verschiedene Weisen erfahren werden kann: als räumlich fremd, als Kontrast zum Eigenen und Normalen, als das noch Unbekannte, als letztlich Unerkennbares und als Gegensatz zum Vertrauten, als das Unheimliche. [17] In jedem Fall verlangt es vom Touristen eine Auseinandersetzung, es entsteht ein Bedarf an Ordnungsleistung im Kopf. Ortfried Schäffter unterscheidet vier Ordnungsschemata, so genannte "Modi des Fremdverstehens", die das Spektrum von Erfahrungsmöglichkeiten zwischen Faszination und Bedrohung abdecken:

- Das erste Schema interpretiert Fremdheit als Resonanzboden des Eigenen und geht von einem fundamentalen Gleichklang von Unterschiedlichem aus. Die Deutung des Anderen besagt, dass dieser zwar anders ist als ich selbst, aber der gleichen Wurzel entstammt, somit eine gemeinsame Allgemeinheit teilt.

- Das zweite Schema versteht die Fremdheit als Gegenbild, als Negation von Eigenheit, das auf die Ausgrenzung des Andersartigen hinausläuft. Es stört als Fremdkörper die Integrität der eigenen Ordnung oder stellt sie in Frage, wirkt daher bedrohend. Dieser Modus ruft notwendigerweise konflikthafte Gegensätzlichkeiten hervor, das Fremde wird zum "natürlichen Feind". Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht auf das Gemeinsame, sondern auf das Gegensätzliche, auf die Grenzlinien.

- Das dritte Schema interpretiert Fremdheit als Chance zur Ergänzung und Vervollständigung. Das Deutungsmuster der Dualität wird angesichts der komplexen Realität mit ihrer Vielzahl unterschiedlicher Umwelten als unzureichend empfunden. Damit verflüchtigt sich die Eindeutigkeit in der Abgrenzung des Eigenen nach außen. Für die Identitätsbildung werden Assimilation und Akkomodation (Anpassung) wichtiger, das Fremde wird als strukturelle Ergänzung funktionalisiert. Dem geht ein Selbsterfahrungsprozess voraus, in dem eigene Mängel und Lücken aufgedeckt werden, das Fremde wird als Lernfeld gesehen und die "relevante" Fremdheit in Form von Informations- und Lernprozessen, die eine gewisse Neugierde und Risikobereitschaft voraussetzt, zur Entfaltung latenter Potenziale genützt.

- Das vierte Schema fasst Fremdheit als Komplementarität auf und geht von einer prinzipiellen Andersartigkeit und Nichtaneignungsfähigkeit aus. Es bleibt bei einer Fixierung auf den internen Standpunkt bei gleichzeitiger Anerkennung einer komplementären Ordnung wechselseitiger Fremdheit. Das Fremde wird als Ergebnis einer Dauerreflexion des Fremderlebens, einer Unterscheidungspraxis in wechselseitiger Interaktion erkenn-, wenngleich nie endgültig bestimmbar. Gegenseitige Fremdheit bezieht sich auf das Verhältnis zwischen einander auf fremdartige Weise fremde Positionen. Es bleibt letztendlich nur die Möglichkeit, die Verwurzelung in der eigenen Kultur klar zu erkennen, und ein Gespür zu entwickeln für die Abhängigkeit von den eigenen gesellschaftlichen Normen, im Denken, Empfinden und Handeln. Der eigenen Perspektivität bewusst, kann man das Fremde als Fremdes belassen. Erst so lernt man verstehen, was man nicht versteht. Aus dieser Erkenntnis des Andersseins und dessen Akzeptanz entstehen möglicherweise neue Formen von Gemeinsamkeit.

Fußnoten

17.
Vgl. Ortfried Schäffter, Modi des Fremderlebens: Deutungsmuster im Umgang mit Fremdheit, in: ders. (Hrsg.), Das Fremde: Erfahrungsmöglichkeiten zwischen Faszination und Bedrohung, Opladen 1991, S. 11-44.