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26.5.2002 | Von:
Thomas Herdin
Kurt Luger

Der eroberte Horizont

Tourismus und interkulturelle Kommunikation

VI. Die Einverleibung des Fremden: exotisches Erleben in der heutigen Zeit

In der Fremde zu sein bedeutet nicht mehr, von der Heimat abgeschnitten zu sein. Die Dichotomie Fremde - Heimat hat sich aufgelöst. Die Fremde hat an Exotik eingebüßt. Heute ist es möglich, beide Plätze gleichzeitig einzunehmen, zumindest in der Fremde die Heimat zu erleben. Der Tourist wird von der Heimat eingeholt, zum Teil freiwillig, zum Teil unfreiwillig. Der Grund dafür liegt in der Zeit-Raum-Verdichtung. [18] Die Beschleunigung globaler Prozesse lässt die Welt immer kleiner werden und die Distanzen schrumpfen. Verantwortlich dafür sind insbesondere drei Faktoren: neue Kommunikationstechnologien, globale Produkt- und Distributionspolitik und die fortschreitende kulturelle Homogenisierung. [19]

Billige und schnelle Kommunikationstechnologien haben die interpersonelle Kommunikation nachhaltig beeinflusst. E-Mail, SMS (short message service), sinkende Telefongebühren, Telefonieren via Internet und das weltweit funktionierende mobile Telefon vereinfachen die Kontakte zur Heimat und lassen sie dadurch zahlreicher werden, wo auch immer man im Ausland ist. Die tägliche Kontaktaufnahme mit den Lieben zu Hause wird auch an der weit entfernten "Playa von Pattaya" so normal wie der tägliche Telephontratsch zwischen dem 7. und 17. Wiener Gemeindebezirk. Auch die Mediatisierung der Gesellschaften trägt zu ihrer Ent-Exotisierung bei. Satelliten-TV bringt die Katastrophen und Großereignisse in die Wohn- oder Hotelzimmer, ein Druck auf die TV-Steuerung, und man ist bei den aktuellen Nachrichten auf der "Deutschen Welle", bleibt im Ausland à jour mit den Spielständen in der Fußball-Bundesliga. Weltweite Distribution bringt nicht nur grüne Bohnen aus dem Sahel im deutschen Winter auf die hiesigen Speisekarten, sondern ermöglicht den Genuss von Wachauer Weinen und französischem Weichkäse unter dem Stern des Südens. In den Supermärkten von Bangkok findet man deutsche Mettwurst und in Kathmandu Manner Waffeln, "german bread" und Leberkäse. Verbleibt der Gast zwei Wochen auf der fernen Urlaubsinsel, kann er sich den neuesten Bestseller von einem deutschen Buchladen via Internet ordern. [20] Auslöser für diese Annäherung der Kulturen sind Immigrationsprozesse, technologische Entwicklungen, die Konsumkultur und die Unterhaltungs- und Freizeitindustrie. Es gibt kein striktes Fremdes, aber auch kein striktes Eigenes mehr, die Trennschärfe ist verloren gegangen. Gleichartige Lebensformen durchziehen die Kulturen. Lebens- und Arbeitsformen der Manager in Wien und Buenos Aires ähneln sich, wie sich auch die exzentrischen Ausdrucksformen österreichischer Künstler denjenigen aus dem frankophonen Raum angleichen. Durch internationale Moden lässt sich auch eine Homogenisierung von Konsum- und Freizeitstilen ausmachen, die Generation der "Nike Kids" mit ihren Markenuniformen zwischen New York und Hongkong visualisieren dies uniform und eindeutig.

Diese drei Faktoren, vor allem das vermeintliche Wissen um die globalen Abläufe und Geschehnisse sowie das Vertrauen in eigene Weltläufigkeit wiegen die Touristen in Sicherheit, irgendwie scheint das Fremde ja bekannt. Sie fühlen sich in der Fremde zu Hause, und sie sind der Annahme, das Lebensumfeld und das Land durch die medialen Imagekampagnen zu kennen. Die Notwendigkeit, sich auf das "echte" Fremde vor Ort einzulassen, erscheint gering.

Fußnoten

18.
Vgl. dazu u. a. Stuart Hall, Die Frage der kulturellen Identität, in: ders.: Rassismus und interkulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2, Hamburg 1994, S. 180-222.
19.
Vgl. Robin Mansell/Uta Wehn (Hrsg.), Knowledge Societies - Information Technology for Sustainable Devel"opment, New York 1998.
20.
Der dritte genannte Faktor bedarf einer Erläuterung. Wolfgang Welsch prägte die Begrifflichkeit der Transkulturalität. Er hält den Begriff Interkulturalität für überholt, da er von einem Bild hermetisch wohlabgegrenzter und eigenständiger Kulturen ausgeht. Durch Globalisierung kommt es aber zu Assimilationsprozessen, was zu einer massiven Durchdringung der Kulturen untereinander und zur Bildung von Mischformen, so genannten "Dritten Kulturen", geführt hat. Es kommt zu Monadisierungen, weil in den Kulturen fortan auch Aspekte anderer Kulturen enthalten sind, sich diese also tendenziell annähern. Vgl. Wolfgang Welsch, Transkulturalität. Lebensformen nach der Auflösung der Moderne, in: K. Luger/R. Renger (Anm. 16), S. 147-169.