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26.5.2002 | Von:
Thomas Herdin
Kurt Luger

Der eroberte Horizont

Tourismus und interkulturelle Kommunikation

VII. Ist die Fremde doch zu fremd?

Mit Hilfe der Sprache werden individuelle wie kulturelle Einstellungen gegenüber Anderen zum Ausdruck gebracht. Verbale Äußerungsformen, die sich auf soziale Gruppen beziehen, werden als Stereotype bezeichnet. Sie haben die logische Form eines Urteils, vereinfachen in ungerechtfertigt generalisierender Weise und sprechen einer Klasse von Personen bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen zu oder ab. [21] Stereotype sind hilfreich bei der Einordnung und nicht notwendigerweise negative Einschätzungen. Sie besitzen die Eigenschaft, schwer korrigierbar zu sein, da sie schon vor der Begegnung mit Fremden bestehen und - der Theorie der kognitiven Dissonanz zufolge - eher eine Bestärkung finden, weil Menschen ihre Einstellungen lieber bestätigt und in Übereinstimmung mit neuer Erkenntnis sehen als in Widerspruch dazu, was eine Umorientierung nach sich ziehen könnte. Stereotype dienen dazu, Komplexität zu reduzieren. William Gudykunst und Young Yun Kim folgern, dass eine Stereotypisierung das "natürliche" Resultat jedes Kommunikationsprozesses ist. "We cannot not stereotype." [22] Negative Zuschreibungen mit Stereotypen dienen dazu, Meinungen und Zweifel ihrer Benutzer und damit das "Wir-Gefühl" zu stärken, da gemeinsam geteilte Werte verbinden.

Helfen Stereotype im Diskurs der Differenzierung als kognitive Formeln der Umweltbewältigung und damit zur Verhaltensstabilisierung, so drücken Vorurteile [23] in affektiv-emotionaler Weise eine Antipathie gegenüber einer Gruppe oder einzelnen ihrer Mitglieder aus. Vorurteile sind dann auf negativen Einstellungen basierende, hochgradig verfestigte, generalisierende und nur auf Minimalinformation beruhende Urteile und Aussagen über Personen, Gruppen oder Objekte. [24] Im Vorurteilsdiskurs wird soziale Diskriminierung sprachlich manifest. Die persönliche Kommunikation bildet in der Vermittlung von Vorurteilen die wichtigste Quelle. Erzählungen und Alltagsgespräche bilden die Grundlage von vorurteilsverzerrten Einstellungen gegenüber Anderen, die in vielen Fällen den Kontakt mit der Fremdgruppe ersetzen. Je weniger unmittelbarer Kontakt mit einer solchen besteht, umso besser können sich Vorurteile in "reiner" Form erhalten. Auch der unmittelbare Kontakt führt nicht grundsätzlich zu ihrem Abbau. Das zweitwichtigste Medium der Vorurteilsvermittlung stellen die Massenmedien dar, da sie via gesellschaftliche Eliten (Politiker, Journalisten usw.) Formen und Intensität des Vorurteilsdiskurses mitbestimmen. Fast immer ist die Vorurteilskommunikation mit positiver Selbstdarstellung verbunden. [25]

Durch die Begegnungen mit einer anderen Kultur kann beim Touristen ein Gefühl der Hilflosigkeit, der Angst und Aggression hervorgerufen werden. Es prallen verschiedene kulturelle Perspektiven aufeinander, die eigenen vertrauten Codes haben plötzlich keine Gültigkeit mehr. Die Handlungen der Fremden scheinen kaum Sinn zu geben, und die eigenen Möglichkeiten, sich auszudrücken, schlagen noch fehl. Es kommt zu Missverständnissen, solange nicht die Abstimmung aufeinander möglich ist. [26] Dieses Phänomen, das als "Kulturschock" bezeichnet wird, definiert Dietmar Larcher als "mein unvermitteltes Bekanntwerden mit jedem sozialen Phänomen in einer mir wenig vertrauten Gesellschaft oder Teilgesellschaft, das in mir spontan alle möglichen Arten von Irritation, Erschrecken und Abwehr hervorruft, weil es meinen tiefsitzenden Vorstellungen über die angemessene Deutung der Welt, die Normen des vernünftigen Zusammenlebens und des richtigen Handelns ziemlich genau entgegengesetzt ist" [27] . Gleichzeitig ist die sozialwissenschaftliche Interpretation des Kulturschock-Konzeptes ein wichtiger Weg zur verstehenden Deutung von Alltagskultur. Kulturschock kann zu einer positiven Herausforderung werden, die ein Nachdenken über das Eigene und Fremde in Gang setzt und vorantreibt. Dieser Lernprozess führt zu einem psychischen Wachstum und größerem Selbstverständnis.

Unbeholfenheit im Umgang mit Menschen anderer Kulturen und Angst vor dem Fremden, die Auslöser von Kulturschock sein können, schlagen sich als Xenophobie nieder, die Gegenstand ethnopsychoanalytischer Forschung ist. Mario Erdheim zufolge wurzeln diese Angstphantasien bereits in der frühkindlichen Entwicklung. Säuglinge bauen ein Bild der Mutter auf, aber auch ein solches der Nicht-Mutter, d. h. des Fremden, das als Bedrohung empfunden werden kann und mit Trennung in Verbindung gebracht wird. Das Fremde kann als etwas Anziehendes, Begehrenswertes, Exotisches interpretiert werden, wenn eine grundsätzliche Vertrauensbasis gelegt wird. Aber es kann auch als etwas Furcht erregendes empfunden werden, als Böses von außen. So wird schon früh der Grundbaustein für eine offene oder geschlossene Geisteshaltung gelegt. Erhalten sich in der Ablösung von der Mutter die Grundmuster der psychischen Abwehr, baut sich die Fremdenrepräsentanz zum Monsterkabinett auf. Das Fremde wird zum Inbegriff des Bösen, Gemeinen, Hässlichen, das Verhältnis zu ihm in erster Linie ein Macht- und Verteidigungsverhältnis, als ob vom Fremden nur Zerstörung drohen könnte. [28] Angstphantasien, die auf Fremde projiziert werden, gehören zu den Ursachen für die Produktion von Fremd- und Feindbildern, von deren Existenz man auf die Veränderungspotenziale einer Gesellschaft schließen kann. Je stärker sie historisch verwurzelt sind und durch den Sozialisationsprozess eingeübt wurden, desto schwieriger werden Vergangenheits- und in der Folge Gegenwartsbewältigung.

Im Exotismus hingegen übt das Andere eine (exotische) Anziehungskraft aus, in der Phantasie wird das Fremde zum Schönen und Besseren. Eine solche Grundhaltung entwickelt sich während der Adoleszenz mit der Ablösung vom Elternhaus, in das eine Rückkehr aber jederzeit möglich ist. Im Tourismus findet sich diese Haltung als zentrales Reisemotiv wieder. Die Überschreitung der eigenen Kulturgrenzen, aber doch im Rahmen des Sicherheitsnetzes, das die organisierte Reise bildet, die affektive Zuneigung zu den fabelhaftesten und attraktivsten Seiten der Fremde, ohne diese in ihrem vollen Umfang mit allen möglichen negativen Seiten akzeptieren zu müssen - das ist die Verheißung der touristischen Illusionsproduktion. Nicht eine "dichte Beschreibung", wie der amerikanische Anthropologe Clifford Geertz als Methode der Erkenntnis vorschlägt, sondern plakative Abbildung von vermarktbaren Sensationen prägt daher die Tourismuswerbung. Fremde Kulturen werden aus Marketinggründen als "Gegenwelt" exotisiert, damit sie als Reiseziel und als ästhetische Faszination verwertbar bleiben. Die Chance, sein Gegenüber zu "erfahren", wird damit verkleinert. Denn das Verstehen der Kultur eines Volkes führt dazu, seine Normalität zu enthüllen, ohne dass seine Besonderheit dabei zu kurz kommt. Es macht sie gewissermaßen "erreichbar". In den Kontext ihrer eigenen Alltäglichkeit gestellt, schwindet ihre Unverständlichkeit. [29]

Fußnoten

21.
Vgl. Uta Quasthoff, Soziales Vorurteil und Kommunikation - Eine sprachwissenschaftliche Analyse des Stereotyps, Frankfurt/M. 1973, S. 28 ff.
22.
William Gudykunst/Young Yun Kim, Communicating with Strangers: An Approach to Intercultural Communication, New York 1992, S. 91.
23.
Der Terminus "Vorurteil" leitet sich aus dem lateinischen "prae-judicium" ab und bezog sich im juristischen Zusammenhang auf eine "Zwischen-Erkenntnis in einem längeren Prozess der End-Urteilsfindung". (Vgl. Konrad Ehlich, Vorurteile, Vor-Urteile, Wissenstypen, mentale und diskursive Strukturen, in: Margot Heinemann [Hrsg.], Sprachliche und soziale Stereotype, Frankfurt/M. u. a. 1998, S. 11-24, hier S. 17.) Das "Vor-Urteil" zielt auf Erkenntnis ab, ist in den Prozess der Erkenntnisgewinnung eingebunden und verdient daher nicht die pejorative Wertung, die es heute besitzt. Die negative Konnotation erfährt der Begriff "Vorurteil" erst ab dem Zeitpunkt, wenn die Bereitschaft zum Verstehen aufgegeben wird und das Vorurteil anstelle des Endurteils tritt.
24.
Vgl. Ruth Wodak/Bernd Matouschek/Franz Janusch, Österreichs Einstellung zu seinen ostmitteleuropäischen Nachbarn, Wien 1993.
25.
Vgl. Ruth Wodak/Teun van Dijk (Hrsg.), Racism at the Top, Klagenfurt 2000.
26.
Wird dies in Urlaubssituationen durchaus als lustig empfunden, z. B. beim Handel im Bazar, so führt diese Empfindung in der Migration oder im Asyl zu schwierigen persönlichen Konflikten und traumatischen Erfahrungen.
27.
Dietmar Larcher, Kulturschock. Fallgeschichten aus dem sozialen Dschungel, Bozen 1992, S. 24.
28.
Menschen mit einer xenophoben Grundstimmung begegnen nicht nur anderen Kulturen feindlich und ablehnend, sondern auch jenen Bereichen der eigenen Kultur, die "anders" sind - was Freud als "inneres Ausland" bezeichnete - oder als "entartet" betrachtet werden, wie etwa tabuanrührende Kunst, weil eine damit stattfindende Auseinandersetzung eine Identitätsbedrohung bilden und das "Volksempfinden" stören könnte. Xenophobie hat daher eine Psychogenese und eine Soziogenese, wobei Letztere im Rahmen des Enkulturationsprozesses erst erworben wird, weil z. B. Vorurteile als Teil der Erziehung von den Eltern an die Kinder weitergegeben werden. Vgl. Mario Erdheim, Zur Ethnospsychoanalyse von Exotismus und Xenophobie, in: ders., Die Psychoanalyse und das Unbewusste in der Kultur, Frankfurt/M. 1988, S. 258-265.
29.
Vgl. Clifford Geertz, Dichte Beschreibung, in: ders., Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt/M. 1991.