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26.5.2002 | Von:
Thomas Herdin
Kurt Luger

Der eroberte Horizont

Tourismus und interkulturelle Kommunikation

IX. Tourismus als Modernisierungsfaktor

Vor wenigen Jahren noch lief täglich ein "mail-runner" vom Sherpa-Hauptort Namche Bazar, dem Zermatt Nepals, hinunter zum kleinen Airstrip, um die Briefe der Einheimischen und ein paar Postkarten von Touristen zum Flugzeug zu bringen. Post für die Bewohner des Sherpa-Landes und die neuesten Gerüchte aus der Hauptstadt brachte er am nächsten Tag ins Dorf zurück. In den achtziger Jahren galt der Mount Everest Nationalpark als geographischer Ort der Hoffnung für einige tausend Expeditionsbergsteiger und Wanderer, die von der Faszination des einfachen Lebens hingerissen waren. Heute suchen jährlich rund 20 000 Touristen diesen Ort des Glücks auf, und sie finden auch 120 Telefonleitungen, 20 Satellitentische, nagelneue Computer stehen in einigen Sherpahotels und in den drei Cyber-Cafés. Die "Kids of Khumbu" kommunizieren mit ihren Freunden in Australien, USA oder Europa per E-Mail. Ein mit österreichischer Hilfe erbautes Kleinkraftwerk beliefert seit kurzem die Ortschaften mit Strom, Voraussetzung für das Surfen im Cyberspace. Die Dörfer des Sherpa-Landes haben sich mit dem Strom und mit den Touristen verändert. Besonders die Kinder der Tourismuspioniere sind glücklich über den Anschluss an die moderne Welt.

Ganz ähnlich sehen das auch die Jugendlichen in den österreichischen Alpen. Die Generation der Heranwachsenden wird einmal die Pensionen, Hotels und Seilbahnen weiterführen. Es ist interessant zu hören, wie sie die Begegnung mit den Touristen einschätzen, mit der ständigen Präsenz von Fremden umgehen und wie sie im touristischen Umfeld ihre spezifischen Lebensformen entwickelt haben. [34]

"Im Winter ist einfach viel mehr los und man lernt endlich auch mal andere Leute kennen", ist Maria, eine 17jährige Schülerin aus dem Rauristal im österreichischen Nationalpark Hohe Tauern, überzeugt. Auch in den Alpen ist die Welt des Tourismus viel bunter und aufregender als der Alltag eines Dorfes oder einer Kleinstadt. Salzburger oder Tiroler Jugendliche erleben den Tourismus als Dienstleistungsindustrie, vielerorts profitabel, aber auch mit Verlierern und unerwünschten Konsequenzen. Der Tourismus war schon da, als sie zur Welt kamen, also ist er für sie eine Selbstverständlichkeit wie der Mikrowellenherd und der Fernseher. All seine Facetten sind Bestandteile ihres Lebens, gehören zu ihnen wie die Spice Girls oder der Alpenräp. Jene Welt ohne Tourismus, in der die göttliche Ordnung herrschte und die Jahreszeiten den Rhythmus der Menschen regulierten, kennen sie - wie die jungen Sherpas - nur aus Erzählungen.

Die Jugendlichen in den Tourismusregionen der Alpen wie im Himalaya sind die Interaktion mit Fremden gewöhnt. Sie leben zwar in ländlichen Regionen, aber durch die Medien, moderne Kommunikationstechniken, eine Wirtschaftsentwicklung, die zu Wohlstand und quasi städtischen Lebensformen geführt hat, und nicht zuletzt durch die Interaktion mit Touristen, die zumeist Städter aus dem wohlhabenden Teil Europas sind, erfolgte im Laufe der letzten Jahrzehnte eine Urbanisierung im Kopf, eine Verstädterung der Landbevölkerung hinsichtlich ihrer Lebensformen und -ansprüche. Im Tourismus sehen sie einen Garanten für weiteren Wohlstand, obwohl die Jobs wegen der Arbeitsbedingungen nicht besonders geschätzt werden. Freundschaften kommen in der Saison zu kurz, die Belastung steigt, und das Toleranzniveau gegenüber der Kollegenschaft sinkt, psychische Störungen und Krankheiten erfassen nur die ganz Robusten erst nach Saisonende. Jugendliche, die nicht im elterlichen Betrieb tätig sind, sehen nur geringe Aufstiegs- und Karrierechancen, sind mit der Bezahlung und ihrer Tätigkeit oft unzufrieden, bleiben aber in der Branche aus Mangel an Alternativen.

Alle Jugendlichen der beiden Salzburger Bezirke haben Kontakt mit Touristen - und den meisten ist das recht. Auch in Skiorten mit touristischer Monostruktur wie Flachau, Heimat des Ski-Idols Hermann Maier, sind zwei Drittel der Jugendlichen der Meinung, es wären durchaus mehr Touristen zu verkraften, denn in die Orte käme durch sie erst Leben und sie selbst könnten die touristische Infrastruktur mitbenutzen. Die Burschen schätzen v.a. die Kurzkontakte zu skandinavischen Skiamazonen, und auch die heimischen Mädchen pflegen den Diskurs mit den großen Blonden aus dem Norden. Fremdenverkehr, so plakatierte vor Jahren einmal die Österreich-Werbung, funktioniere dann, wenn Kai-Uwe schon bei der Auffahrt auf die Resi abfährt. Im Tourismus sieht man einen Förderer interkultureller Kommunikation oder zumindest Sympathie. Auf der interpersonellen Ebene wird somit wettgemacht, was durch die braunen Schatten über dem Land und den Antritt der rechtskonservativen Regierung zerstört wurde. Bis zur "Schubumkehr" durch die Präsidentschaft Kurt Waldheims und die Partei-Führerschaft Jörg Haiders galten die Österreicher als die "enfants chéris de la terre", und dazu hatten vor allem die unbeschwerten Urlaubserlebnisse der Europäer beigetragen.

Ein kleiner Teil der Jugendlichen kritisiert, dass Bürgermeister und andere Entscheidungsträger zu sehr nach der Pfeife der Gäste tanzten und zuerst deren Bedürfnissen nachkämen. Während der Saison bliebe für sie nur eine zugige Ecke in der Gaststube, obwohl sie ihren nicht unerheblichen Alkoholkonsum über das ganze Jahr verteilten, also "Ganzjahres-Stammgäste" wären. Je nach Ortschaft meint bis zu einem Drittel der befragten Jugendlichen, dass der Tourismus das Dorfleben beeinträchtige. Er verursache Verkehrsprobleme, und das Brauchtum würde nur noch für die Gäste inszeniert, verkomme zur Musikantenstadl-Folklore. Der Tourismus sei auch ein Umweltzerstörer, aber seitdem der Ausbau neuer Skigebiete eingeschränkt wurde und die schneearmen Winter die Beschneiungsanlagen auch in höheren Lagen wirtschaftlich rechtfertigen, ist das ökologische Argument kein massiver Kritikpunkt mehr.

Die Kinder von Khumbu-Lodgebesitzern verfügen wie die Kinder von Hotelbesitzern im Pinzgau gegenüber den im Tourismus Angestellten zumeist über wesentlich mehr Geld und können dadurch ihre Vergnügungspraktiken ausleben. Die Sherpa-Jugendlichen sind besonders stolz darauf, in den USA gewesen zu sein, der Trip nach Übersee gehört zu den ultimativen Statussymbolen. Zu solchen gehören im Pinzgau die modische Kleidung, der Sportwagen oder ein exotisches Urlaubsziel, Trendsportarten und das Neueste auf dem Mediensektor. Seit einigen Jahren haben auch Sherpa-Haushalte Satellitenfernsehen und damit Anschluss an die globale Kulturindustrie. Während die Jugendlichen im Pinzgau durch Musik und Bilder ziemlich genau wissen, was "cool" und "in" ist, scheint der Einfluss der Medien im Sherpa-Land noch relativ gering zu sein. Seit fünf Jahren kommt Strom aus der Steckdose, die blauen Nietenhosen haben die herkömmliche Sherpakleidung jedoch schon vor längerer Zeit abgelöst. Zweifellos bringen die Touristen und die Medien neue Ideen in eine Kultur ein. Sie verändern damit die "Software" der Gesellschaft, und der Einfluss westlicher Kulturen wird dadurch wachsen. Dieser kulturelle Wandel wäre aber undenkbar ohne die Meinungsführer, meist junge Erwachsene, die zwischen den Städten und den Dörfern am Fuße des Mount Everest pendeln und urbane Lebensentwürfe wie Konsumgüter in die Sherpa-Dörfer bringen.

Fußnoten

34.
Die hier sehr stark zusammengefassten Befunde beziehen sich auf empirische Studien, die im Pinzgau (Bezirk Zell am See) und im Pongau (Bezirk St. Johann, beide Bundesland Salzburg, Österreich) sowie - zum Kontrast - im Mount Everest Nationalpark, Khumbu/Nepal, unter jungen Sherpas durchgeführt wurden. In beiden Gebieten spielt der Tourismus eine zentrale Rolle. Vgl. Akzente Salzburg (Hrsg.), Gratwanderung zwischen Tradition und Modernität. Studie über die Lebenssituation der Jugendlichen im Pinzgau, Salzburger Land, Salzburg 1996; ders., Freizeitmöglichkeiten der Jugendlichen im Pongau. Studie über die Lebenssituation der Jugendlichen im Pongau, Salzburger Land, Salzburg 1999; Kurt Luger,Kids of Khumbu. Sherpa Youth on the Modernity Trail, Kathmandu 2000.