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26.5.2002 | Von:
Reinhard Bachleitner

Alpentourismus: Bewertung und Wandel

Die Alpen haben im Zuge ihrer touristischen Erschließung neue Funktionszuweisungen und damit einen neuen Stellenwert in Europa erfahren. Wandel und Veränderung werden dabei kritisch beleuchtet.

I. Einleitung

Tourismus in den verschiedenen Alpenräumen und -regionen stieß und stößt auch heute noch auf unterschiedlichste Entwicklungsmöglichkeiten und Bedingungen. Wohl auch deshalb kommt es zu konträren Bewertungen. Diese reichen von euphorischer Zustimmung - die Alpenräume seien kaum anderweitig nutzbare Räume - über stille Akzeptanz und Duldung bis zu vehementer Ablehnung. So spricht etwa Hans Haid - ein österreichischer Volkskundler mit bekannt spezifischer Ideologie - vom heutigen Tourismus in den Alpen als einem "Goa in den Alpen" und meint konkret: "Auf einer Fläche von knapp über 180 000 Quadratkilometer leben zwischen 11 und 13 Millionen Alpenbewohner. Sie werden heimgesucht, genährt und kahl gefressen von 120 Millionen Gästen mit 500 Millionen Übernachtungen in fünf Millionen Gästebetten. (...) Die Alpenmenschen sollen dienen, Wiesen mähen, braungebrannte Holzhäuser konservieren, in Tracht jodeln, Baugründe verkaufen, auf Gäste warten, Schnäpschen kredenzen, den Pornostadl eröffnen, heil und geil am Jägerzaun warten, geduldig alles ertragen ... ." [1]

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  • Auf einer abstrakten inhaltsbezogenen Ebene umfasst heute das Bewertungsspektrum des (Alpen-)Tourismus eine ökologische, eine ökonomische, eine soziale sowie aktuell eine kulturelle Dimension. [2] Jede dieser Bewertungsdimensionen zeigt eine deutliche Polarisierung: Die(sozio)kul-turelle Bewertung bewegt sich etwa zwischen kultureller Bereicherung und Identitätsstärkung der Region und Entfremdung/Überfremdung einschließlich kultureller Prostitution.

    Diese in ihrer Grundtendenz kritische Ab- und Verurteilung des Tourismus hat eine ihrer Wurzeln - wie uns die Geschichte des Antitourismus zeigt [3] - in der protestantischen (puritanischen) Ethik, die gegenüber dem Handlungsfeld des Genießens und Vergnügens negativ eingestellt ist und mit einer Reflexionsblockade reagiert: In den Bereich der Wissenschaften gehörten nur Ernsthaftes und Leistungsbezogenes.

    Eine jüngere Ursache der Tourismuskritik liegt darin, dass das Bild, das der Einzelne vom Tourismus entwirft, vorrangig auf dem Wege des Vergleichs mit dem Bisherigen, dem Gewohnten und Vertrauten entsteht. Der Wandel vom romantischen Bergtourismus zum erschließungsintensiven (automobilen) Alpentourismus, der Bergdörfer und Tallandschaften verändert, liegt erst knapp 30 Jahre zurück.

    Bevor wir - und dies soll das Ziel der vorliegenden Ausführungen sein - ansatzweise das Bewertungsbild des Alpentourismus skizzieren, sollen die vier Hauptdimensionen beschrieben werden, die auch den Bewertungswandel mitgestalten.

    Fußnoten

    1.
    Hans Haid, Goa in den Alpen - Mit Mut, Witz und Widerstand für eine ökologische Regionalentwicklung, in: Yörn Kreib/Angela Ulbrich (Hrsg.), Gratwanderung Ökotourismus. Strategien gegen den touristischen Ausverkauf von Kultur und Natur (Ökozid, 13), Gießen 1997, S. 30-43.
    2.
    Vgl. u. a. Thomas Petermann unter Mitarbeit von Chris"tina Hutter und Christine Wennrich, Folgen des Tourismus. Band 1: Gesellschaftliche ökologische und technische Dimensionen, Berlin 1998, sowie Band 2: Tourismuspolitik im Zeitalter der Globalisierung, Berlin 1999.
    3.
    Vgl. Christoph Hennig, Trottel unterwegs. Zur Geschichte des Anti-Tourismus, in: Gruppendynamik. Zeitschrift für angewandte Sozialpsychologie, 27 (1996) 1, S. 7-10.