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Tourismus und Nachhaltigkeit


26.5.2002
Wie "Waldsterben" oder "Ozonloch" gehört "Nachhaltigkeit" zu den Hybriden. Diese Zwischenwesen oder Grenzobjekte vermitteln zwischen Natur und Gesellschaft - hier Tourismus.

I. Einleitung



Wenn man die vielen Definitionen und Praktiken von Nachhaltigkeit aufführen wollte, entstünde ein Bände umfassendes Werk. Ein konstitutiver Faktor würde indes immer wieder darin enthalten sein: Kontinuität. Sustainability oder Durée verweisen im englisch- und französischsprachigen Raum gleichermaßen auf den Kern von Kontinuität, wonach zeitlich und räumlich Zusammenhänge nicht unterbrochen sind. Nachhaltigkeit als ununterbrochene Fortdauer der Weltzusammenhänge schließt dann vieles ein, was - wie insbesondere die Zielsetzungen eines Schutzes der Ökosphäre, einer stabilen wirtschaftlichen Entwicklung und der gerechten Verteilung der Lebenschancen - unstrittig ist. [1] Werden diese drei Ziele zusammen in einem Raum erreicht, ist eine kontinuierliche Entwicklung auf Dauer sichergestellt.

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  • Da sie nicht nur gleichrangig sind, sondern auch gleichzeitig erreicht werden sollen, d. h. in dem einen Prinzip "Nachhaltigkeit" vereinbar erscheinen, stellt sich die (Problem-) Frage, wer denn diese Vereinigung bzw. Vermittlung leisten solle. Will man nicht Nachhaltigkeit als eine wünschbare Versöhnung des Menschen mit der Naturwelt begreifen und dadurch die "Sehnsucht nach der verlorenen Kontinuität" erfüllt sehen [2] sowie die Schließung der komplexen Welt auf der Basis eines alleinigen Strukturprinzips als "irrwitzige Illusion" [3] diagnostizieren, dann muss das Problem der Nachhaltigkeit ganz eindeutig benannt werden: Die Trennung bzw. Dichotomisierung von Kultur(-Gesellschaft) und Natur soll mit dem Konzept "Nachhaltigkeit" wenn nicht aufgehoben, so doch aber überbrückt werden. Nachhaltigkeit beinhaltet demzufolge beides - Kultur und Natur. Nachhaltigkeit ist ein "Quasi-Objekt", das zwischen Natur und Kultur vermittelt.

    Vermittelnde "Quasi-Objekte" oder auch "Grenzobjekte" und "Zwischenwesen" wie "Biodiversität", "Waldsterben", "Ozonloch" und eben auch "Nachhaltigkeit" stellen Hybride dar. [4] Die Natur-Gesellschaft-Dichotomien werden mit diesen jedoch nicht aufgehoben. Indem die Ziele stabile wirtschaftliche Entwicklung und gerechte Verteilung der Lebenschancen mit dem Ökosphärenschutz korrespondieren (sollen), dienen Hybride wie Nachhaltigkeit idealiter dazu, konfligierende Interessen zu befriedigen. Da sich wirtschaftliche Interessen stets vor dem Hintergrund des Ökosphärenschutzes legitimieren müssen, liegt es auf der Hand, dass sie den Nachhaltigkeitsdiskurs strategisch so anlegen, dass sie das als "Naturschutz" definieren, was sie ökonomisch effizient bewerkstelligen können. Natur bzw. Ökosphäre wird in diesem Diskurs ständig neu definiert und somit abgegrenzt, d. h. dem eigenen Zuständigkeits- und Verantwortungsbereich zugeordnet. Wie der Schutz der Ökosphäre im Gleichklang mit der gerechten Verteilung von Lebenschancen steht, wird sich danach entscheiden, in welchem Maße Menschen sich in die Verantwortungs- und somit Kostenpflicht für den Ökosphärenschutz nehmen lassen. Je mehr Naturschutz sozialisiert, d. h. in die gesellschaftliche Zuständigkeit gelegt wird, desto entscheidender hängen die Lebenschancen von Grenzziehungen darüber ab, was "natürlich" ist und welcher soziale Anteil das "Natürliche" bedingt. Nachhaltigkeit als Diskurskonzept ist also ein Kommunikations- und Kooperationsmedium, das all diese strukturellen Spannungen und ungeklärten Verantwortungen sowie Interessen zusammenführt. Nachhaltigkeit integriert die soziale Welt im Namen "der Natur".


    Fußnoten

    1.
    Vgl. statt vieler Karlheinz Wöhler/Anja Saretzki, Umweltverträglicher Tourismus, Limburgerhof 1999, S. 71 ff. und die dort angeführte Literatur.
    2.
    Vgl. Georges Bataille, Der heilige Eros, Frankfurt/M. - Berlin - Wien 1974, S. 23.
    3.
    Vgl. Jean Baudrillard, Der symbolische Tausch, München 1982, S. 93.
    4.
    Vgl. hierzu insbesondere Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Berlin 1995.

     
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