Darknet: onion

10.11.2017 | Von:
Lorenz Abu Ayyash

Editorial

Spätestens nachdem im Juli 2016 ein 18-jähriger Schüler am Münchner Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen erschoss, ist auch der deutschen Öffentlichkeit das Phänomen "Darknet" bekannt. Hier soll der Attentäter den Kauf der Tatwaffe angebahnt haben. In den Schlagzeilen erschien das Darknet entsprechend als anrüchige, "dunkle" Seite des Internets: In seinen undurchsichtigen Weiten tummeln sich Kriminelle, die mithilfe von Verschlüsselungstechnologie Drogen, Waffen und kinderpornografisches Material kaufen und verkaufen. Gezahlt wird anonym mit sogenannten Kryptowährungen wie dem Bitcoin, der inzwischen das Image einer Schurkenwährung hinter sich gelassen hat.

In der Berichterstattung über das Darknet wird aber auch seine "helle" Seite betont: Die absolute Anonymität bietet Menschenrechtlern, Journalistinnen und Whistleblowern in repressiven Staaten Schutz vor politischer Verfolgung. Für sie ist das Darknet oft die einzige Möglichkeit, sich politisch zu engagieren und der staatlichen Überwachung zu entkommen. Dank derselben Verschlüsselungstechnologie, die digitale Drogen- und Waffenmärkte absichert, können Oppositionelle in Staaten wie Syrien, Iran und China im Verborgenen über Missstände berichten.

Auch in liberalen Demokratien ist Verschlüsselung existenziell. Entscheidend sind die Fragen, was "gute" von "schlechter" Verschlüsselung unterscheidet und wie viel Kryptografie für das Funktionieren einer offenen Gesellschaft notwendig ist. Starke Verschlüsselung schützt Bürgerinnen und Bürger vor Cyberkriminalität, aber ebenso Terroristen und Waffenhändler vor Ermittlungsbehörden. Absichtlich geschwächte Verschlüsselung erleichtert dem Staat die Strafverfolgung, aber zugleich weltweit agierenden Hackern Phishing und Diebstahl. Damit stehen im Kampf gegen Internetkriminalität nicht nur Freiheit und Sicherheit in einem Spannungsverhältnis, sondern auch zwei unterschiedliche Aspekte von Sicherheit: die innere Sicherheit und die moderne Cybersicherheit.

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