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26.5.2002 | Von:
Klaus W. Wippermann

Editorial

Der Terrorangriff auf die USA hätte kaum dramatischer ausfallen können. Jetzt wird sich erweisen müssen, ob aus einem drohenden "Kampf um die Kultur" ein "Dialog der Kulturen" werden kann.

Einleitung

Der Terrorangriff auf die USA hat zwei Gesichter voller Dramatik: Zum einen wird sich erweisen müssen, ob aus einem drohenden "Kampf um die Kultur" ein "Dialog der Kulturen" werden kann. Zum anderen war diese Tragödie ein globales "Medienereignis" wie noch keines zuvor. "Amerikanisierung" der Kulturen wie der politischen Kommunikation sind u. a. Aspekte dieses Heftes.

Nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation zeigt sich immer mehr die tiefe Kluft weltanschaulicher Positionen ganz anderer Art. Aber auch hier sind politische und ideologische Machtansprüche eng miteinander verwoben. Wie Jürgen Krönig in seinem Essay skizziert, reicht diese neue Problematik weit über Sicherheitsfragen hinaus.

Kritisch kommentiert Thomas Leif unseren bisherigen Umgang mit Werten in der "Mediengesellschaft". Er weist vor allem auf das vorherrschende Prinzip der Beliebigkeit und des "Infotainment" hin: Der Trend zur Personalisierung und Inszenierung sei unübersehbar. Diejenigen Themen hingegen, welche die Gesellschaft im Kern angehen, aber schwerer zu vermitteln sind, werden durch "agenda cutting" reduziert bzw. eliminiert.

Eine Gesellschaft, die sich im Wesentlichen durch die Medien konstituiert - eine solche "Mediengesellschaft" muss den eigenen Gesetzen des Medienmarktes folgen. Das aber bedeutet, dass die Gesellschaft den Medien eine Autonomie einräumt, die kaum noch zu kontrollieren ist. Damit aber haben sich, wie Otfried Jarren zu bedenken gibt, die traditionellen Verhältnisse umgekehrt, hat ein neuerlicher "Strukturwandel der Öffentlichkeit" (Habermas) eingesetzt. Nicht mehr die Medien kontrollieren die Politik, sondern die Kontrolle, die Kritik von Medienmacht ist in nicht wenigen Bereichen zur Herausforderung für Politik und Gesellschaft geworden.

Die Medien beeinflussen die Politik in der Weise, dass sie ihr zunehmend die medialen Eigengesetzlichkeiten aufdrängen. Angesichts einer immer härteren Kommerzialisierung eignet sich dafür bestens das Private in der Politik. Anstatt der Darstellung, Analyse und Diskussion politischer Themen, so Christina Holtz-Bacha, verfolgen die Medien immer mehr eine Strategie der Emotionalisierung, der Hervorhebung des Privaten in der Politik. Damit wird ein lange bestehendes Tabu gebrochen - leider auch durchaus im Einverständnis mit so manchem Politiker.

Die stärkere Betonung des Privaten in der politischen Kommunikation wird häufig als "Amerikanisierung" bezeichnet. Steckt darin mehr als nur ein Schlagwort? Barbara Pfetsch untersucht in ihrer empirischen Analyse für die Bundesrepublik und die USA sowohl Unterschiede wie Gemeinsamkeiten. Diese bezieht sie auch auf das jeweilige professionelle Selbstverständnis von Journalisten und Regierungssprechern. Hier gibt es zum Teil erhebliche Unterschiede zwischen beiden Ländern.

Eine "Amerikanisierung" der politischen Kommunikation ganz anderer Art findet derzeit aufgrund der geradezu rasanten Zunahme der Nutzung des Internet durch gesellschaftliche und politische Akteure statt. Claus Leggewie und Christoph Bieber gehen in ihrem Beitrag auf diese Entwicklung ein und stellen neue Formen internetspezifischer Präsentation und Diskussion von Politik dar. Diese reichen von virtuellen Ortsvereinen bzw. Parteitagen über Online-Wahlkämpfe oder entsprechend organisierte Protestbewegungen bis hin zu vielfältigen Möglichkeiten direkter Bürgerbeteiligung. Vieles davon befindet sich noch im Versuchsstadium, aber die Chancen intensiverer Politikvermittlung und gesellschaftlichen Engagements durch Nutzung des Internet sind doch schon sichtbar.