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Das Private in der Politik: Ein neuer Medientrend?


26.5.2002
Anders als in den USA und Großbritannien bewahrten bisher die deutschen Medien ein Tabu gegenüber der Privatsphäre von Politikern. Es sieht allerdings so aus, als ob die Gültigkeit dieses Tabus schwindet.

Einleitung



Was es bedeutet, unter den Bedingungen moderner Massenkommunikation Politik zu betreiben, hat uns die Präsidentschaft Bill Clintons in besonderer Weise vor Augen geführt. Seine Wahlkämpfe dienen als Lehrbeispiele professionalisierter Kampagnenorganisation, die sich die Medien bestmöglich zunutze macht, sich ihren Gesetzen dafür aber auch weitgehend unterwerfen muss. Außerdem gilt Clinton als der US-Präsident, der die permanent campaign, den andauernden Wahlkampf, zwar nicht erfunden, aber fürs erste doch perfektioniert hat. Auch im Amt schien der Wahlkampf immer weiterzugehen, bis zum Ende der zweiten Amtszeit, obwohl Clinton gar nicht mehr zur Wiederwahl anstand.

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  • Auf der anderen Seite hat die Lewinsky-Affäre nur zu deutlich gemacht, dass das innige Verhältnis des Politikers zu den Medien stets auch die Gefahr birgt, deren Opfer zu werden. In drastischer Weise wurden der Weltöffentlichkeit Details aus Privat- und Intimsphäre des amerikanischen Präsidenten vorgeführt. Die vom Fernsehen übertragene Anhörung schien den mächtigsten Politiker der Welt auf die Rolle eines armen Sünders zu reduzieren. Allerdings hat die Lewinsky-Affäre auch gezeigt, dass sich die Medien, die die Ereignisse auskosteten und versuchten, für sich daraus Profit zu schlagen, diesmal im Publikum und dessen Interesse an den Liebesbeziehungen des Präsidenten verrechnet hatten. Umfragen ließen erkennen, dass die amerikanische Bevölkerung das alles gar nicht so genau wissen wollte, der Sache überdrüssig wurde und zugleich das positive Urteil über die Präsidentschaft Clintons nur relativ wenig Einbuße erlitt. Für viele gab es also durchaus einen Unterschied zwischen der Privatperson und der Leistung im Amt.

    Amerikanische Politiker sind es gewohnt, dass die öffentliche Aufmerksamkeit auch ihrem Privatleben gilt. Die Watergate-Affäre, die die Frage nach der Moral in der Politik auf die Agenda brachte, gilt als das Ereignis, das der Diskretion der Presse, auf die etwa John F. Kennedy Anfang der sechziger Jahre noch bauen konnte, ein Ende gesetzt hat. Wer heute in den USA ein öffentliches Amt anstrebt und sich zur Wahl stellt, muss sich gefallen lassen, dass der Blick der Medien weit in die private Sphäre von Politikern hineinreicht. Die Politiker ihrerseits fördern das allerdings auch. Ehefrauen und Ehemänner, Kinder, Eltern und Geschwister bis hin zu Katze und Hund werden für die Kampagnen fest eingeplant und spielen eine gewichtige Rolle in der inszenierten Politikvermittlung. Die Kandidaten setzen darauf, dass die Demonstration privater, vor allem emotionaler Kompetenz sie auch für das angestrebte politische Amt empfiehlt. Wenn Al Gore im Präsidentschaftswahlkampf 2000 beim Parteitag der Demokraten seiner Frau Tipper einen langen und leidenschaftlichen Kuss vor laufenden Kameras gibt, soll das nicht nur zeigen, dass der spröde Kandidat auch eine weiche Seite hat, sondern er will damit außerdem speziell die Frauen ansprechen. Manche Familienmitglieder sind selbst so populär, dass sie mehr für den Kandidaten bewirken können, als nur glückliches Familienleben vorzuführen. So profitierte etwa George Bush bei seinen Wahlkämpfen 1988 und 1992 von der Beliebtheit seiner Frau Barbara, und Bob Dole setzte 1996 stark auf seine Frau Elizabeth, die vier Jahre später schließlich sogar selbst ins Rennen um das Präsidentenamt ging.

    Die amerikanische Presse - ohnehin der Politikinszenierung überdrüssig - macht an der von Kandidaten und Politikberatern errichteten Fassade nicht Halt. Das war nicht immer so. Die Diskretion ging einst so weit, dass Franklin D. Roosevelt, der von 1933 bis 1945 Präsident der USA war, auf Zeitungsfotos niemals in seinem Rollstuhl gezeigt wurde. Außereheliche Eskapaden der Politiker, wiewohl in Journalistenkreisen bekannt, waren kein Thema für die Medien. Konnte auch Kennedy während seiner Zeit im Weißen Haus (1961-1963) noch darauf bauen, dass seine Affären unkommentiert blieben, stolperte später mancher Kandidat über von den Medien aufgedeckte außereheliche Beziehungen. Eines der prominentesten Beispiele ist Gary Hart, Senator aus Colorado, der im Präsidentschaftswahlkampf 1988 antrat und aufgeben musste, als bekannt wurde, dass er eine Geliebte hatte. Er hatte sich so sicher gefühlt, dass er die Reporter geradezu herausgefordert hatte, ihm außereheliche Beziehungen nachzuweisen. Clinton machte sein character problem schon vor der Wahl 1992 zu schaffen. Nicht nur dass die Medien dieses thematisierten, auch der politische Gegner, Amtsinhaber George Bush, versuchte daraus Kapital zu schlagen, indem er in seinen Reden oder in der Fernsehwerbung Clintons Unzuverlässigkeit hintergründig zum Problem erklärte. Dieser konterte mit geschickter Medienarbeit, wobei vor allem die Rolle, die seine Frau Hillary dabei spielte, entscheidend war. Ähnlich sah die Strategie auch bei der Bewältigung der Lewinsky-Affäre aus.

    Weil in den USA gilt, dass das Privatleben eines Kandidaten durchaus Aufschluss über seine Befähigung zum politischen Amt gibt, findet seine Privatsphäre ganz selbstverständlich das Interesse der Medien, aber auch der anderen Bewerber. Direkte Angriffe auf den Konkurrenten mit Hinweisen auf seine vermeintlich fragwürdigen Eigenschaften sind in amerikanischen Wahlkämpfen keine Seltenheit. Nicht umsonst gehört zur Kampagnenorganisation der Präsidentschaftsbewerber auch ein Rapid Response- oder Instant Rebuttal-Team, das solche Angriffe in geeigneter Weise schnellstens abwehren, möglichst jedoch vorausahnen und im Vorfeld schon abfedern, aber womöglich auch entsprechende Schwachstellen des Gegners aufdecken soll.

    Dass die Medien vor der Privatsphäre eines Politikers nicht Halt machen, ist indessen keineswegs ein ausschließlich amerikanisches Phänomen. Auch in Großbritannien wird dem Privatleben von Politikern politische Bedeutung beigemessen. Hier findet nicht nur die aggressive britische Boulevardpresse Futter, sondern auch die seriösen Blätter beteiligen sich an der Ausbreitung intimer Details. Solche Enthüllungen haben bereits mehrmals zu Rücktritten von Regierungsmitgliedern geführt.