"Wem gehört die Stadt??!", steht am Bauzaun für ein gigantisches Shoppingcenter - das "Bikini" - in Berlin, Nähe Kudamm und Bahnhof Zoo

24.11.2017 | Von:
Wolfgang Kaschuba

Die Stadt, ein großes Selfie? Urbanität zwischen Bühne und Beute - Essay

Die Stadt als Bühne

In dieser Idee der Urbanität ist fast all das bereits angelegt, was heutige Städte in den vergangenen 20 Jahren zur Vollendung gebracht haben: sich als große Bühne einer urbanen Kultur zu präsentieren, die ihnen, den Städten wie ihren Bewohnern, Identität verleiht. Denn die Städte und ihre Bewohner treten heute als kollektive wie individuelle Akteure in einem gemeinsamen Spiel auf: Sie spiegeln sich bewusst gegenseitig wider in ihren jeweiligen Bildern und Inszenierungen.

Städte sind damit gleichsam große "Selfies", weil sie sich und ihren Bewohnern ermöglichen, sich in einen sinnhaften Bezug zueinander zu setzen: in verbindende Motive von Ich und Hier, von Personalität und Stadt – also in eine identitäre Symbiose. Dies geschieht täglich und millionenfach in der Gestalt fotografischer Selfies, technisch vollzogen mit dem Smartphone und physisch inszeniert in Form ebenfalls millionenfacher sozialer Posen und Gruppierungen. Diese Selfie-Epidemie ist längst für die großen fremden Städte und ihre touristische Aneignung gültig: ich allein vor dem Eiffelturm oder mit meiner Freundin vor dem Brandenburger Tor. Sie gilt mittlerweile aber als ebenso legitim in der eigenen Stadt, als Repräsentation des Einheimischen: ich vor meiner ehemaligen Schule oder mit Freunden vor unserer Stammkneipe. Inszeniert wird in beiden Fällen eine symbolische Aneignung städtischer Räume; die Köpfe im Vordergrund geben dem Hintergrund der fremden wie der eigenen Stadt eine andere und neue Bedeutung: kosmopolitisches Profil dort, lokale Authentizität hier. Mit "Selfie" meine ich also eine Strategie der symbolischen Produktion von kultureller Identität, die aus der alltäglichen Praxis als urbane Akteure bezogen wird: zu Besuch in einer anderen Stadt wie im Alltag zuhause. Und diese besondere symbolische Bühnenfunktion der Stadt erscheint heute bereits selbstverständlich – obwohl sie vergleichsweise jung und neu ist. Noch vor 30 Jahren ähnelten die Innenstädte nicht lebensweltlichen Bühnen, sondern eher arbeitsweltlichen Verkehrsräumen: als Schauplätze einer tiefen Krise der Stadt.

Daran ist zunächst zu erinnern: Wie bis 1945 Nationalsozialismus und Weltkrieg nicht nur die bauliche und architektonische Substanz vieler europäischer Städte zerstört hatten, sondern vor allem auch deren soziale Architektur und kulturelle Tradition. Wie vor allem Urbanität als Lebensstil und Lebensgefühl einer vielfältigen Stadtgesellschaft durch Terror und Krieg von Paris bis Moskau weitgehend ausgelöscht war. Und wie nach 1945 dann die neuen Stadtkonzepte oft kaum weniger zerstörerisch wirkten: namentlich die Idee einer sich aus den Ruinen phoenixhaft erhebenden modernen und dabei vor allem autogerechten Stadt. Denn sie wurde nun in Gestalt von Straßenschneisen und Parkhäusern, von Shopping Malls und Fußgängerzonen, von Bankenbunkern und Bürohäusern buchstäblich in den Raum hinein betoniert, meist auf Kosten der alten Quartiere und sozialen Milieus.[4]

Damit war zugleich der einsetzenden Privatisierung und Individualisierung der Lebensstile Vorschub geleistet. Die Freizeit verbrachte man nun gern zwischen den eigenen liebevoll eingerichteten vier Wänden: in der Sofaecke vor dem Fernseher, umgeben von Gummibaum und Schrankwand mit Hausbar. Im Resultat entstand daraus das, was Alexander Mitscherlich 1965 in seiner anklagenden Schrift als die neue "Unwirtlichkeit der Städte" bezeichnete: anonyme und zerrissene Stadtwelten, die ihre Menschen vielleicht noch beherbergten, jedoch nicht mehr beheimateten.[5]

In dieser doppelten Krisensituation der Zerstörung der Stadt – zunächst durch Krieg und Terror wie danach durch Planung und Konsum – sollte nun plötzlich "Kultur" antreten, um die Städte zu retten. "Kultur für alle!", lautete damals der Schlachtruf des Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann, der damit auf die besonderen sozialen Bindungs- wie auf die Bildungskräfte der Kultur aufmerksam machte, vor allem wenn sich dabei Hochkultur und Soziokultur neu mischten. So vollzog sich die "Kulturalisierung der Städte": Kulturelle Programme, Aktivitäten, Organisationen und Institutionen wurden systematisch in den Stadtraum implementiert.

Zunächst in der Gestalt einer Kulturalisierung "von oben", also von staatlichen wie kommunalen Kulturprogrammen. Dies begann in den 1970er Jahren mit der "Festivalisierung" der Stadtkultur. Jazz- und Folkfestivals, Literatur- und Dialekttage, Theater- und Filmfestivals schufen neue Anlässe, um im Stadtraum zusammenzukommen und kulturelle Interessen zu formulieren. In den 1980er Jahren folgte die "Institutionalisierung" dieser Stadtkultur. Denn die neuen kulturellen Ideen und Formate benötigten neue haushaltliche Strukturen und feste Häuser. So entstanden in den Innenstädten Tausende von neuen Stadtmuseen, Stadthallen und kulturellen Zentren. In den 1990er Jahren entwickelte sich die Tendenz zur "Eventisierung" der Stadtkultur: Größere und anspruchsvolle Kulturevents vom Konzert bis zur Ausstellung sollten die Attraktivität der Innenstädte erhöhen und dabei um die Einheimischen wie um internationale Touristen werben. Und in den 2000er Jahren formierte sich schließlich mein Lieblingstrend: die "Mediterranisierung" der Städte, also die systematische Verstrandung und Verpalmung der City. In Stadtstränden und Straßencafés, auf Marktplätzen wie Parkplätzen bietet sich eine urbane Outdoor-Landschaft an, liebevoll ausgestattet mit Liegestühlen, Sonnenschirmen, Beachvolleyball-Plätzen, Straßenbars, Latino-Pop und Caipirinha. Eben urlaubshaft und mediterran, auch wenn sich die klimatischen Umstände manchmal leicht fröstelig anfühlen.

Bei diesem dramatischen Wandel von Stadtkultur und Stadtraum spielten offenbar zwei wachsende Bedürfnisse eine wesentliche Rolle: zum einen der Wunsch nach mehr öffentlichem Leben in den Städten und zum andern die Suche nach neuen Formen sozialer Vergemeinschaftung. Diese Bedürfnisse als eine Kulturalisierung "von unten" wurden nun vorgetragen von städtischen Bewegungen, die ihrerseits die Kulturprogramme von oben aufnahmen, sie anwandten und veränderten. Es begann in New York. 1971 entwarf dort eine Kulturagentur zusammen mit der Stadtverwaltung jenes berühmte T-Shirt mit dem Herzen. "I love New York": Das war der Hilferuf einer sterbenden Stadt, die in Verkehr und Schmutz, in Spekulation und Kriminalität unterzugehen drohte. Dagegen trug das T-Shirt die Botschaft hinaus: "Lasst uns und die Stadt nicht allein!" In selben Jahr appellierte der Deutsche Städtetag in ähnlich dramatischer Weise: "Rettet unsere Städte – jetzt!"

Und dies geschah nun, weil sich seit den 1970er Jahren in der lokalen Gestalt von Sozial- und Geschichtsvereinen, von Musik- und Kunstinitiativen, von Ökologie- und Frauengruppen die Neuen Sozialen Bewegungen auf ihren Weg machten und aus dem neuen Kulturangebot auch neue Formen kommunaler Öffentlichkeit und lokaler Identität entwickelten. Auf denen wiederum setzt unsere heutige Zivilgesellschaft nun vielfach auf: räumlich wie institutionell, sozial wie symbolisch und in einem weiten thematischen Spektrum von Urban-Gardening bis Flüchtlingshilfe.

Entscheidend mitverantwortlich für diese neue Vielfalt und Öffnung der Stadtkultur in den vergangenen Jahrzehnten waren auch hier "Fremde": Migranten, Geflüchtete und Touristen. Alle drei Gruppen trugen ganz wesentlich dazu bei, dass die öffentlichen Räume in der Stadtlandschaft wiederentdeckt und neu belebt wurden. Weil sie als Neue in den Städten darauf angewiesen waren, Kommunikation mit und Kontakt zu den Einheimischen herzustellen, aufbauend auf ihren jeweilig eigenen kulturellen Traditionen: von Barbecue bis Picknick, von Boule bis Eiscafé, von Shisha-Bar bis Döner. Und weil die Einheimischen ebenfalls zunehmend touristisch unterwegs sind und Ideen aus anderen Städten mitbringen: vom Stadtstrand aus Paris bis zum Vegan-Imbiss aus New York, vom Museumsquartier aus Wien bis zum Flussbaden in Basel.

Fußnoten

4.
Vgl. Jane Jacobs, The Death and Life of Great American Cities, New York 1961.
5.
Vgl. Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit unserer Städte, Frankfurt/M. 1965.
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Autor: Wolfgang Kaschuba für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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