"Wem gehört die Stadt??!", steht am Bauzaun für ein gigantisches Shoppingcenter - das "Bikini" - in Berlin, Nähe Kudamm und Bahnhof Zoo

24.11.2017 | Von:
Wolfgang Kaschuba

Die Stadt, ein großes Selfie? Urbanität zwischen Bühne und Beute - Essay

Urbane Kulturrevolution: Zivilgesellschaft und Lebensstil

Die Zukunft in den Städten hat damit bereits gestern und heute begonnen als ein großes urbanes Experiment: der Verwandlung nämlich von reinen Job-, Verkehrs- und Wohnmaschinen in attraktive, offene und zunehmend auch grüne Lebens- und Freizeitwelten. Und diese aktive Rückeroberung der Stadträume durch die Stadtgesellschaft und ihre Stadtkultur markiert ökonomisch und sozial einen dramatischen Paradigmenwechsel: weg von der fordistischen, hin zur postfordistischen Stadt; weg von der Stadt des 20. Jahrhunderts, die allein dem Takt von Industrie und Verkehr folgte, hin zu jener des 21. Jahrhunderts, in der es auch um Lebensqualität und Hedonismus geht; weg also vom alten Ethos der Stadt als Arbeitswelt, hin zum neuen Ethos der Stadt als Lebenswelt.[6]

Dieser Paradigmenwechsel vollzieht sich so wirkmächtig und nachhaltig, dass selbst die Innenstädte wieder geeignet erscheinen als Räume für Familien und Kinder, als Orte für Erholung und Freizeit und als Bühnen für Lebensstile und Kulturexperimente:[7] von der Mode bis zu Musik, vom Körperstyling bis zu Esskultur, vom sozialen bis zum politischen Engagement.

Dies alles meint "urbane Kulturrevolution": Stadt als Lebenswelt statt Arbeitswelt, als Sozialraum statt Massensilo, als Kulturlandschaft statt Verkehrsfläche, als Heimat statt Fremde. Und deshalb gibt es inzwischen eine regelrechte Sucht nach einem urbanen Leben, in dem neue Vorstellungen von Individualität und Autonomie, von öffentlichen und gemeinsamen Stadträumen, von sozialer Mischung und kultureller Vielfalt, von Draußen-Sein und Naturnähe, von aufregenden Esskulturen und Events eine ganz zentrale Rolle spielen. Nichts spiegelt diese Bedürfnisse deutlicher wider als der Riesenmarkt der Stadt-Apps, die die neuen Stadtlandschaften als Erlebnisräume imaginieren und durch sie navigieren – zuhause wie unterwegs, als Einheimische wie als Touristen.[8]

Dabei sind zwei gegenläufige Entwicklungen zu beobachten: Einerseits fördern bepflanzte Baumscheiben und belebte Straßencafés, bunte Bürgerinitiativen und gepflegte Nachbarschaften die Attraktivität der Städte, machen sie noch lebens- und liebenswerter. Andererseits wertet genau dies den Stadtraum kulturell auf und macht ihn damit noch attraktiver für Hipster wie für Spekulanten, also für Gruppen, die urbane Räume und Kulturen eher rasch konsumieren als sie nachhaltig zu pflegen. Nicht umsonst ist "Gentrifizierung" zum Wort des Jahrzehnts im städtischen Alltagsvokabular geworden. Denn nun gilt vielfach: Wo der spekulative Zugriff auf die gemeinsame Ressource Stadt- und Wohnraum versucht wird, muss auch der Widerstand wachsen, müssen sich neue kulturelle wie zivile Formen stadtgesellschaftlichen (Über-)Lebens entwickeln.[9] Und dies geschieht in vielfältiger und kreativer Weise in Gestalt von Mieter- und Kiezaktionen, von Haus- und Platzbesetzungen, von Protestkonzerten und Kunstevents. Dabei gehen Party und Politik immer häufiger zusammen und ineinander über, weil offenbar gerade diese Mischung und Kreativität immer mehr Menschen zu mobilisieren vermag.

Zugleich wird in der Gentrifizierungsproblematik eine zweite Ambivalenz stadtgesellschaftlicher Entwicklung sichtbar: nämlich im "biografischen Modus" urbaner Räume und urbaner Akteure. Denn "Stadt" meint auch stets Lebensgeschichten: die der Räume wie die der Menschen, weil heute beide als subjekthafte Narrative daherkommen. Biografischer Modus meint somit zweierlei: Einerseits die Geschichten und Erzählungen, die in die Stadträume historisch eingeschrieben sind und die sie symbolisch kodieren – als Marktplatz, als Judenviertel, als Arbeiterkiez, als Flaniermeile. Wobei sich diese Einschreibungen verändern, sich modifizieren und unter dem Einfluss urbaner Lebensstile auch verschwinden. Aus diesen historischen Stoffen der Stadtbiografie wird zunehmend kulturelles Kapital geschlagen, wenn das ehemals proletarische oder migrantische Viertel zur Touristen- und Partymeile wird oder zum Museums- und Galerieviertel.[10]

Andererseits betrifft der biografische Modus auch die Bewohner und Besucher städtischer Orte und Räume. Denn auch sie leben und altern in und mit diesen Räumen. Und wollen diese Räume heute "mitaltern" sehen, wollen ihre biografischen Veränderungen in ihnen wiedergespiegelt finden und ihnen den Stempel ihrer jeweiligen Wünsche und Interessen aufdrücken. In Berlin gibt es die stehende Redewendung: "vom Besetzer zum Besitzer". Sie spielt auf die Erfahrung nicht weniger Berliner an, dass sie nach jungen und wilden Jahren in besetzten Häusern und studentischen WGs etwas später mit Familie und im genossenschaftlichen Verband plötzlich selbst Wohnungseigentümer geworden sind. Und dass sie dafür nun von der neuen autonomen Jugend als "Gentrifizierer" attackiert werden. Umgekehrt verspürt allerdings auch mancher dieser jugendlichen Barrikadenkämpfer wenig später und angesichts der kleinen schlafenden Tochter ebenfalls ein neues Bedürfnis nach Ruhe und Sicherheit, das sich mit Musik, Club und Randale um die Ecke nicht mehr verträgt. Und so mancher Kunstliebhaber, der sich stets als begeisterter Anhänger der Urban Art fühlte, betrachtet mit fortschreitendem Alter das Graffito an der eigenen Hauswand nicht mehr als Kunst, sondern bloß noch als Schmiererei. "Not in my backyard" – nicht in meiner Nachbarschaft, ist hier oft die Devise.

Die biografische Perspektive meint also, dass sich urbane Räume wie urbane Menschen stets bewegen, sich verändern, dass sie altern. Das war zwar schon immer so. Doch nie zuvor waren die Ansprüche von Stadtbewohnern so stark und massiv, dass ihre jeweilige biografische Situation im städtischen Raum Berücksichtigung finden müsse – und zwar subito! Die Stadt, der Kiez soll sich anpassen: den sich wandelnden Wünschen und Bedürfnissen aller Lebensabschnitte der Bewohner – je nachdem, ob sie mit Skateboard, Kinderwagen, Walking-Stöcken oder Rollator unterwegs sind.

Fußnoten

6.
Vgl. Wolfgang Kaschuba/Carolin Genz (Hrsg.), Tempelhof. Das Feld. Die Stadt als Aktionsraum, Berlin 2014.
7.
Vgl. Harald Bodenschatz (Hrsg.), Renaissance der Mitte. Zentrumsumbau in London und Berlin, Berlin 2005.
8.
Vgl. David Harvey, Rebel Cities. From the Right to the City to the Urban Revolution, New York 2012.
9.
Vgl. Konrad Hummel, Die Bürgerschaftlichkeit unserer Städte, Berlin 2009.
10.
Vgl. Helmut Kuhn, Gehwegschäden, München 2013.
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Autor: Wolfgang Kaschuba für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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