"Wem gehört die Stadt??!", steht am Bauzaun für ein gigantisches Shoppingcenter - das "Bikini" - in Berlin, Nähe Kudamm und Bahnhof Zoo

24.11.2017 | Von:
Wolfgang Kaschuba

Die Stadt, ein großes Selfie? Urbanität zwischen Bühne und Beute - Essay

Städtische Freiheit: Autonomie oder Gemeinwohl?

Auch insofern ist die heute so oft gestellte Frage danach, wem die Stadt denn nun gehört, zwar inzwischen vollmundig und politisch korrekt mit "Uns!" zu beantworten. Was dies jedoch bedeutet, vor allem im Blick auf das Spannungsverhältnis von Individualität und Autonomie einerseits und Gemeinwohl und Bürgergesellschaft andererseits, das ist noch längst nicht ausgemacht. Einheimisch oder Tourist, Bürgerin oder Partyvolk, Aktivist oder Egoist: Die Zuordnungen werden immer schwieriger, die Rollen oft getauscht und die Grenzen zwischen ihnen verwischen.

So ist es gerade dieser Prozess der Vermischung und Verwischung der sozialen Räume wie der kulturellen Formen, der heute spätmoderne Stadtlandschaften wie spätmoderne Sozialbewegungen charakterisiert. Denn anders als die herkömmlichen Parteien, Gewerkschaften und Vereine kommen diese Bewegungen unglaublich vielgestaltig daher. Da wird von Bürgerkomitees mehr lebensweltliche Qualität und soziale Mischung in der Stadtplanung eingefordert. Ökoinitiativen wollen Naturnähe auch in der Stadt neu hergestellt sehen durch Parks, Straßenbäume und Uferpromenaden. Nachbarschaftsinitiativen übernehmen Patenschaften für die Pflege von Baumscheiben, öffentlichen Plätzen und Urban-Gardening-Projekten. Kirchengemeinden organisieren Küchen für Geflüchtete wie Tafeln für Obdachlose. Und auch regionale und lokale Geschichte spielt eine neue Rolle, wenn sie von Bürgerinitiativen dazu benutzt wird, eigene Vorstellungen bei der Restaurierung von einzelnen Häusern wie ganzen Straßenzügen zu entwickeln. Selbst das traditionelle Vereinswesen taucht zunehmend aus dem Dunst seiner Stammtische auf und beginnt sich zivilgesellschaftlich zu engagieren: von den Fußball- bis zu den Gesangsvereinen, in der Stadtkultur wie in der Flüchtlingsarbeit. Kurz: Bürgergesellschaftliches Engagement stellt sich dem Diktat wachsender Ökonomisierung und Kapitalisierung der Stadträume kritisch entgegen mit Verweis auf eigene Bedürfnisse und lokale Identität.

Diese Breite und Vielfalt der zivilgesellschaftlichen Bewegungen zeugt damit zweifellos auch von gelingender Integration der Stadtgesellschaft. Freilich nur dann, wenn dies nicht reduziert ist auf die Vorstellung, dass sich Mobile, Migranten oder Geflüchtete eben in die lokale Ordnung einzupassen haben. Vielmehr muss sich Integrationspolitik an der Gesamtperspektive einer Stadtgesellschaft orientieren, in der die zentrifugalen Kräfte insgesamt stärker werden, aufgrund unterschiedlicher Bedürfnisse und Lebensstile in Gestalt von Werthaltungen und Glaubensfragen, von Wohnformen und Konsumstilen, von Musikgeschmack und Esskultur.[11]

Deshalb braucht diese Haltung der Beharrung auf dem Eigenen und der Abgrenzung vom Anderen ein Gegengewicht, eben eine umsichtig moderierende Integrationspolitik, die das Ganze im Blick behält. Da sind lokale Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft gleichermaßen gefragt, neue und verantwortungsvolle Formate der Bürgerbeteiligung zu entwickeln und deren Nutzung selbstkritisch zu begleiten.

Denn Stadt war und ist eine Lebenswelt der Gegensätze, in der sich das Einheimisch-Sein und ein Wir-Gefühl stets konfrontiert sieht mit dem Zugewandert-Sein und einem Misch-Gefühl, in der Konfrontation und Konflikt ebenso ihren alltäglichen Platz haben wie Kommunikation und Konsens, in der die Balance von Freiheit und Ordnung oft zwischen einem Zuviel und Zuwenig schwankt. Unter den Bedingungen globaler Wanderung und aktueller Fluchtbewegungen wird diese gleichsam "genetische Desintegration" der Stadtgesellschaft heute noch deutlicher spürbar und in Diskussionen um Geflüchtete und Migranten, um Öffnung oder Schließung städtischer Räume, um mehr oder weniger Freiheit und Autonomie in den Lebensstilen auch immer heftiger thematisiert.

Auch in den Städten zeigen sich Tendenzen zur sozialen Spaltung, wenn es um Flüchtlingsheime oder Sozialwohnungen, um Straßenneubauten oder Parkanlagen geht. Max Webers "Duft der städtischen Freiheit" scheint heute nicht mehr für alle attraktiv, weil manche darunter offenbar nicht die eigene Freiheit verstehen, sondern eine für sie nicht akzeptable Freiheit der Anderen. Jener Fremden, Jungen, Frauen, Muslime, Kreativen, die sich nun in "ihren" Vierteln und Nachbarschaften breitmachen. Ihnen ist dieses neue und freie urbane Leben längst zu viel, weil sie sich so viel Freiheit ökonomisch nicht leisten können oder kulturell nicht leisten wollen. Sie wünschen sich ihre Stadt eher konventionell, geprägt von lebensweltlicher Vertrautheit und Homogenität, von Kontrolle und Sicherheit. Und sie ziehen diese Sichtweise deutlich jener Vision der Stadt als Raum von Vielfalt und Offenheit, von Freiheit und Erlebnis vor, wie sich dies andere Gruppen und Generationen wünschen.

Es gibt insofern eine soziale Spaltung mit Blick auf die Visionen von unserer Gesellschaft, die sich in den Debatten um Urbanität als "Zukunft" oder "Zumutung" äußern und die ernst zu nehmen sind. Denn es geht dabei vor allem um die neuen städtischen Freiheiten, die in den vergangenen Jahren durch das aktive Zusammenwirken von Stadtkultur und Zivilgesellschaft, von Kunst- und Kulturpolitik und eben auch von Flucht und Migration entstanden sind. Ständig neue Gesichter und neue Sprachen auf der Straße, laute Touristen und Musik-Events, immer mehr Moscheen neben den Kirchen, immer mehr vegane Lokale und gleichgeschlechtliche Paare: Diese Vielfalt der Lebensstile und Alltagszumutungen scheint viele zu überfordern, vor allem dort, wo die Erfahrungen mit dieser neuen Lebensstil- und Einwanderungsgesellschaft noch begrenzt sind.

Fußnoten

11.
Vgl. Gudrun Quenzel (Hrsg.), Entwicklungsfaktor Kultur. Studien zum kulturellen und ökonomischen Potential der europäischen Stadt, Bielefeld 2009.
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Autor: Wolfgang Kaschuba für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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