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26.5.2002 | Von:
Uwe H. Bittlingmayer

"Spätkapitalismus" oder "Wissensgesellschaft"?

II. Individuelle Teilnahmevoraussetzungen für Wissensgesellschaften

Einen fruchtbaren Anknüpfungspunkt für die Frage nach den unmittelbaren Konsequenzen des skizzierten Wandels für soziale Akteure bieten neuere arbeits- und industriesoziologische Untersuchungen. Die wissensinduzierten und politisch katalysierten Umstrukturierungen im ökonomischen Feld begannen bekanntlich in den siebziger Jahren, aber erst seit den neunziger Jahren haben sie als betriebliche Reorganisationsprozesse eine bislang unbekannte Qualität und Reichweite erlangt. [21] Diese betrieblichen Reorganisationsprozesse zielen vor allem auf die erweiterte Eigenverantwortung und Selbstorganisation der Arbeitenden, und das in dreifacher Hinsicht:

Erstens ist durch den Wegfall der stabilen lebenslangen Berufs- bzw. Arbeitsperspektive und die mittlerweile massenhaft verbreitete Erfahrung von Arbeitslosigkeit sowie die damit einhergehenden empfindlichen Einkommenseinbußen eine stete Orientierung am und Beobachtung des Arbeitsmarktes für alle sozialen Akteure erforderlich geworden. [22] Wenn diese erfolgreich den Arbeitsmarkt beobachten und von sich aus den Arbeitsplatz wechseln, resultiert daraus meistens eine Verbesserung ihrer sozialen Lage. Das bedeutet, dass sehr wohl eine Optionssteigerung durch die Flexibilisierung in der Arbeitswelt zu konstatieren ist. Wenn hingegen durch äußere Umstände wie Stellenabbau, Betriebsschließung oder -auslagerung berufliche Mobilität erzwungen wird, sind in aller Regel eine berufliche Verschlechterung oder infolge längerer Arbeitslosigkeit Selektions- und Marginalisierungsprozesse die Folge. Dabei gibt es einen klaren statistischen Zusammenhang zwischen den vorhandenen Bildungsressourcen und der Richtung der Mobilität: "Je höher das Bildungs- und Qualifikationsniveau . . ., umso erfolgreicher verlaufen die beruflichen Wechselprozesse." [23]

Zweitens werden von den sozialen Akteuren erweiterte Kompetenzprofile erwartet. Immer wichtiger wird die Fähigkeit zur Kommunikation und zur Teamorientierung, und zwar bis in den unmittelbaren Produktionsprozess hinein. Dabei werden fundierte Fachkenntnisse nicht etwa ersetzt, sondern erhalten den Status einer selbstverständlichen Handlungsressource. Zentral ist weiterhin die Beherrschung von Metakompetenzen im Rahmen eines Wissens zweiter Ordnung, das darauf abzielt, die eigenen Fähigkeiten ständig im Sinne eines Kompetenzmanagements zu erweitern. In der Literatur sind Konzepte zur aktiven und selbstbewussten Begegnung der gesamtgesellschaftlich gestiegenen biografischen Unsicherheit benannt worden: Dazu zählen beispielsweise eine "umfassende Selbstökonomisierung", "Selfdevelopment", "Selbstvermarktung", "aktive Biografisierung", "Emotionsmanagement zur Selbstmotivation" und "individuelle Sinngebung" [24] .

Drittens wird im Zuge neuer betrieblicher Organisationsformen der Zwang zur Errichtung eines flexiblen Zeitmanagements externalisiert. So genannte "new forms of work", zu denen eine Renaissance der Heimarbeit wie auch Arbeitsbefristungen oder Werkverträge, Leiharbeit oder Teilzeitarbeit, Subunternehmertum und Outsourcing zu zählen sind, zwingen den Menschen ein Zeitregime auf, das die mit der klassischen Industriegesellschaft verbundene Trennung zwischen heteronomer Arbeit und mehr oder weniger selbstbestimmter Freizeit faktisch aufhebt. Stabile zeitliche Strukturierungen innerhalb der Arbeitswelt werden immer stärker betrieblich zurückgefahren, Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse entgrenzt. Das hat erhebliche Konsequenzen für die Alltagsorganisation, weil auf der Ebene der Lebensstile oder Lebensführung die Planung der Freizeit stärker als bislang die Kompatibilität mit flexiblen betrieblichen Zeitregimen berücksichtigen muss. Günter G. Voß spricht in diesem Zusammenhang sehr treffend von der "Verarbeitlichung des Alltags" [25] .

Auch diese Entwicklung hält Optionen bereit, allerdings lediglich für diejenigen, die es verstehen, mit Zeit souverän umzugehen, und welche die hierfür erforderlichen Unsicherheitsbewältigungskompetenzen im Sinne Peter A. Bergers [26] erworben haben. Die systematisch gestiegene Zunahme von Unsicherheit und Flexibilitätszumutungen gilt es zu verarbeiten. Entscheidend dabei ist, ob damit eine individuelle Mobilität oder aber die Reproduktion des sozial ungleichen Status quo einhergeht. Im Kontext der skizzierten Folgen des Wandels für jede/n Einzelne/n nimmt die individuelle Verfügung über Bildung offenbar eine Schlüsselstellung ein. Sie ist eine notwendige Voraussetzung für die Ausbildung von in Wissensgesellschaften wichtigen Kompetenzen zur Bewältigung von Unsicherheiten. Damit rückt die Frage nach schulischen Bildungsvermittlungsprozessen in den Mittelpunkt.

Fußnoten

21.
Vgl. G. Günter Voß/Wolfgang Pongratz, Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft?, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 50 (1998) 1, S. 133.
22.
Nach Richard Sennett muss beispielsweise ein jüngerer Amerikaner mit zweijährigem Studium in seinen vierzig Arbeitsjahren wenigstens elfmal die Stelle wechseln und dreimal seine Kenntnisbasis austauschen. Vgl. Richard Sennett, Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Darmstadt 1998, S. 25.
23.
Ursula Hecker, Berufliche Mobilität und Wechselprozesse, in: Werner Dostal/Rolf Jansen/Klaus Parmentier (Hrsg.), Wandel der Erwerbsarbeit: Arbeitssituation, Informatisierung, berufliche Mobilität und Weiterbildung, Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 231, Nürnberg 2000, S. 97.
24.
Vgl. Günter G. Voß, Die Entgrenzung von Arbeit und Arbeitskraft. Eine subjektorientierte Interpretation des Wandels der Arbeit, in: Mitteilungen zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (MittAB), (1998) 3, S. 483Äff.
25.
Ebd., S. 482.
26.
Der Begriff der Bewältigungskompetenzen lässt sich anders als der coping-Begriff, der vor allem in der Armutsforschung Verwendung findet, an gesellschaftliche Erfolgszuschreibungen, d.Äh. an die Akkumulation von Bildungs-ressourcen rückbinden. Vgl. Peter A. Berger, Individualisierung. Statusunsicherheit und Erfahrungsvielfalt, Opladen 1996, S. 42-45; ders., Sozialstruktur und Lebenslauf, in: "Jürgen Mansel/Klaus-Peter Brinkhoff (Hrsg.), Armut im Jugendalter. Soziale Ungleichheit, Gettoisierung und die psychosozialen Folgen, Weinheim - München, S. 17-28.