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26.5.2002 | Von:
Paul B. Baltes

Das Zeitalter des permanent unfertigen Menschen: Lebenslanges Lernen nonstop?

IV. Das Zeitalter der permanten Unfertigkeit des Menschen: Die wesentlichen Faktoren

Die gesellschaftliche Utopie einer lebenslangen Entwicklung und der Ruf nach lebenslangem Lernen nonstop hören sich also gut an, sind aber bisher mehr Wunsch als Realität. An sich war doch das frühere Gefühl, im fertigen "Sein" des Erwachsenenalters zu leben, ganz angenehm. Nun soll dieser Seinsstatus keine Berechtigung mehr haben? Soll der Mensch sich dies wirklich antun, sich lebenslänglich als unfertig zu erleben? Lebenslänglich gefangen im Entwicklungsexpress ohne Ende?

Sicherlich ist die Einsicht in die permanente Unfertigkeit und die hieraus entstehende mangelnde Geborgenheit des Menschen nicht neu. Sie war auch in der Vergangenheit ein Kennzeichen jeglichen kulturellen Fortschritts. Ich erinnere nur an Arnold Gehlens Konzeption vom Menschen als "biologisches Mängelwesen" und dessen produktive Kompensation durch Kultur.

Was verleiht der objektiven und subjektiven Unfertigkeit des Menschen im 21. Jahrhundert eine neue Qualität? Die Hauptursachen liegen in einem Ensemble von Faktoren. Keiner davon ist neu. Neu ist deren Intensivierung, Häufung und Macht im Alltag. Wegen dieser wechselseitigen Verquickung kann man von einem neuen Jahrhundertgefühl der permanenten Unfertigkeit sprechen; einem Jahrhundert, in dem die Vollendung der menschlichen Lebensentwicklung immer schwieriger sein wird. Alt ist nicht alt, die hohen Alter haben es in sich.

1. Über die Alter des Alters: Das radikal unfertige vierte Lebensalter



Wie schon erwähnt, ist der erste die Unfertigkeit des Menschen massiv beschleunigende Faktor das Älterwerden der Bevölkerung. Das Alter ist die radikalste Form des Mängelwesens Mensch. [9] Im Folgenden greife ich diesen Punkt auf, erweitere ihn aber auch, um auf die besondere Lage und die Schwierigkeiten des hohen Alters und seiner künftigen Optimierung hinzuweisen.

Länger zu leben ist in der Tat auf den ersten Blick wünschenswert. Dass sich aber hierbei, gerade wenn es auf die 90 und 100 zugeht, eine immer größer werdende Kluft zwischen Gewinnen und Verlusten des längeren Lebens auftut, kann man schon daran erkennen, dass fast 50 Prozent der über 90-Jährigen an der einen oder anderen Form von Demenz leiden. Aber auch andere psychische Kapazitäten wie die Schnelligkeit und Güte des Lernens neuer Dinge oder die Fähigkeit, seine Emotionen zu regulieren und lebenszufrieden zu sein, werden deutlich geringer.

"Wer das Alter preist, hat ihm noch nicht ins Gesicht gesehen", schreibt der Philosoph Norberto Bobbio. [10] Nach ihrem Wunschalter gefragt, sagen Berliner 90-Jährige, dass sie am liebsten so um die 65 geblieben wären (siehe Abbildung 2). [11]

Aber können diese Nachteile des hohen Alters nicht genauso gut mit sozialen, psychologischen, ökonomischen und medizinisch-technologischen Stützsystemen angegangen werden, wie dies auf das junge Alter zutrifft? Wahrscheinlich nicht. Die biologische "Natur" steht der Verzauberung des hohen Alters durch Kultur im Wege.

Dass das Alter die radikalste Form der Unfertigkeit ist, liegt vor allem daran, dass die evolutionär gewachsene Biologie keine Freundin des Alters ist. Das Kerngeschäft der Evolution war die Reproduktionsfähigkeit im Erwachsenenalter und nicht die Optimierung des darauf folgenden Alterns. Unter anderem, weil es früher so wenige alte Menschen gab, war das, was später im Leben geschah, während der Evolution weitgehend selektionsneutral. [12]

Man könnte sicherlich vereinfacht sagen, dass das Alter von der evolutionär gewachsenen Biologie nicht nur allein gelassen wurde, sondern vor allem als Abladeplatz für den biologischen Müll der ersten Lebenshälfte diente. Und da es sich beim biologischen Altwerden um ein hoch komplexes Zusammenspiel vieler Gene und Gen-Expressionen handelt, ist es höchst unwahrscheinlich, dass es hierfür eine gentechnologische Lösung geben wird.

Wie in den rechten Teilen von Abbildung 3 dargestellt, gibt es noch weitere Gründe, warum das Alter und das Altern als unvollendete Architektur der Humanontogenes bezeichnet werden kann (vgl. Anm. 5). Die menschliche Ontogenese konnte nämlich vor allem dadurch ein immer höheres Niveau an Funktionstüchigkeit erreichen, dass gleichzeitig eine Weiterentwicklung und Ausbreitung der Kultur und damit zusammenhängender Opportunitätsstrukturen stattfanden. Und wenn sich die menschliche Ontogenese immer weiter auf spätere Lebensalter ausdehnen soll, werden weitere gesellschaftlich-kulturelle Kräfte und Ressourcen dafür benötigt werden; und dies umso mehr als es mit dem Alter zunehmender kompensatorischer Faktoren bedarf, um den Verlust im biologischen Potenzial des Alters auszugleichen.

Der rechte Teil von Abbildung 3 verdeutlicht die Schwierigkeit, das hohe Alter in der Zukunft so zu optimieren, wie dies auf das junge Alter zutraf. Wegen der weiteren Abnahme des biologischen Potenzials im hohen Alter reduziert sich die Wirkkraft oder Effektivität kultureller Faktoren und Ressourcen. In einer gewissen Weise exemplifiziert dieses Prinzip das Dilemma der modernen Zeit. Gutes Altern hat einen Mehrbedarf an Kultur, aber deren Wirkkraft zeigt einen Altersverlust. Diese reduzierte Wirkkraft kann am Beispiel des Lernens verdeutlicht werden. Mit zunehmendem Alter braucht man immer mehr Zeit, Übung und kognitive Unterstützung, um denselben Lernerfolg zu erreichen, vor allem, wenn es um das Erlernen neuer Dinge geht. Dasselbe gilt für die Plastizität auf neurobiologischer Ebene.

Die biologisch-genetische Architektur des hohen Alters ist also in einem sehr fundamentalen und robusten Sinn unfertig. [13] Sie ist keineswegs mit der schönen Unvollendetheit vergleichbar, die man einer Schubert'schen Symphonie zugestehen mag. Die Bedeutung dieser in der Evolution angelegten Unfertigkeit des Alters wird umso größer, je länger wir leben und je schneller der gesellschaftliche Wandel sich vollzieht.

2. Schneller gesellschaftlicher Wandel und frühe Obsoleszenz



Damit ist eine zweite Perspektive angedeutet, die das Umfeld des Themas lebenslanges Lernen bestimmt. Der zweite Faktor einer in der Gegenwart zu beobachtenden objektiven und subjektiven Zunahme in der Unfertigkeit des Menschen sind die atemraubende Schnelligkeit, die riesige Spannweite und die Unvorhersagbarkeit gesellschaftlicher Wandlungsprozesse - am deutlichsten zu erkennen an den so genannten Halbwerts- und Entwertungszeiten beruflicher Qualifikationen. Man denke nur an die Computerwelt. Aber auch die Halbwertszeiten von Lebensformen des Alltags scheinen sich zu verkürzen. Eine der Konsequenzen ist der Verlust an Prestige und Sicherheit im Erwachsenenalter.

Und weil die grundlegende Lernfähigkeit für das Neue im hohen Alter in Quantität und Qualität so deutlich reduziert ist, fällt es auch der Kultur immer schwerer, diesen Nachteil durch verstärkten Einsatz gesellschaftlicher Bildungsressourcen zu kompensieren. Im hohen Alter wird die "Effizienz" kultureller Innovationen deutlich geringer. Eine der unabdingbaren Konsequenzen eines rapiden gesellschaftlichen Wandels ist also die lebenslaufbezogene Verstärkung des Prozesses der Obsoleszenz des einmal Gelernten. Je schneller der Zeittakt des Wandels, je umfassender, alltags- und berufsrelevanter die betroffenen Inhalte, umso größer die objektiv vorhandene und subjektiv erlebte Unfertigkeit.

3. Die Ausdifferenzierung des Lebensverlaufs: Neue Lebensaufgaben des Alters  

Der dritte die permanente Unfertigkeit verursachende Faktor ist die weitere Ausdifferenzierung des Lebensverlaufs. Mit dieser geht eine Weiterentwicklung der Aufgaben des Lebens einher, der "developmental tasks", wie dies der Amerikaner Havighurst vor nunmehr 50 Jahren nannte. In der Entwicklungspsychologie der Lebensspanne spricht man beispielsweise inzwischen bereits von fünf Etappen der zweiten Lebenshälfte: dem frühen, dem mittleren und dem späten Erwachsenenalter, gefolgt vom jungen (dem dritten) Alter und dem hohen, dem vierten Alter.

Jede dieser Lebensetappen hat ihre eigenen herausfordernden Lebensaufgaben, die es zu meistern gilt. Vor 50 Jahren pensioniert zu werden war qualitativ etwas anderes als heute. Es waren deutlich weniger, die diese Lebensphase erreichten, und die Zeit im Ruhestand war damals kürzer, wie auch der normative gesellschaftliche Druck geringer war, aus dieser Lebensphase etwas Produktives zu machen. Der heutige Ruheständler ist damit konfrontiert, diese Lebensphase mit Sinn und Neuem anzufüllen. Auch im Ruhestand gilt es also, nicht nur zu sein, sondern auch weiterhin zu werden. Vor allem im Übergang zwischen diesen Etappen liegen Quellen der Unfertigkeit und neuer Sinnkrisen. Selbst vor und auf dem Sterbebett gilt es, sich adaptiv und lernfähig zu verhalten.

4. Die Säkularisierung des Lebens



Der vierte und oft auch in der Wissenschaft übersehene Faktor für das Anwachsen eines Zeitgefühls der permanenten Unfertigkeit scheint mir die Säkularisierung des Lebens zu sein.

Der zunehmend praktizierte Verzicht auf die Möglichkeit, sich im Jenseits weiterzuentwickeln, ist ein Verlust an Gestaltbarkeit und emotionaler Regulationspotenz. Unfertigkeit im diesseitigen Leben ist das Endgültige. Hic Rhodus, hic salta!

Es immer weniger möglich, unerledigte Handlungen und Entwicklungsmöglichkeiten durch eine Verschiebung in die Grauzone einer postirdischen Zukunft unter psychologische Kontrolle zu bringen. Ebenso scheint es mir weniger möglich, die Verantwortung für das Unerledigte und den Misserfolg außerhalb der eigenen Person etwa im Schicksal oder der göttlichen Vorsehung zu suchen.

5. Globalisierung und Unfertigkeit



Der fünfte die chronische Unfertigkeit des Menschen vorantreibende Faktor hängt mit der Globalisierung zusammen. Der Wettbewerb um den am besten entwickelten und leistungsfähigsten Menschen, um das beste Humankapital, ist zunehmend ein übernationaler geworden. Ein wichtiger Faktor bei der Bewertung des eigenen Lebenspotenzials ist, beispielsweise, mit wem man sich vergleicht, und die Zahl der potenziellen Konkurrenten.

Zwar ist der globale Wettbewerb eine Chance für Innovation, er ist aber auch eine chronische Bedrohung des Selbstwertgefühls und der persönlichen Sicherheit. Die globale Ausweitung des sozialen Netzwerks und der Mitkonkurrenten im Beschäftigungssystem auf andere Länder schafft eine neue Wettbewerbssituation.

Fußnoten

9.
Vgl. Georg Elwert, Alter im interkulturellen Vergleich, in: Paul B. Baltes/Jürgen Mittelstraß (Hrsg.), Zukunft des "Alterns und gesellschaftliche Entwicklung, Berlin 1992, S. 260-282.
10.
Vgl. Norberto Bobbio, Vom Alter - De senectute, Berlin 1996.
11.
Vgl. K. U. Mayer/P. B. Baltes (Anm. 2).
12.
Vgl. George M. Martin/S. N. Austad/T. E. Johnson, Genetic analysis of ageing: Role of oxidative damage and environmental stresses, in: Nature Genetics, (1996) 13, S. 25-34.
13.
Vgl. P. B. Baltes (Anm. 5); ders., Round Table: Visionen zur Zukunft des Alterns, MPG-Schering-Symposium, Biomolecular aspects of aging - The social and ethical implications, Max-Planck-Forum; 4, Max-Planck-Gesellschaft, München (in Druck).