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26.5.2002 | Von:
Paul B. Baltes

Das Zeitalter des permanent unfertigen Menschen: Lebenslanges Lernen nonstop?

VI. Lebenslange Entwicklung: Adaptive Ich-Plastizität als Schlüsselkompetenz

Eines der Schlagworte der gegenwärtigen Bildungsdiskussion ist das der Schlüsselkompetenz. Damit meint man das Wissen und die Fertigkeiten, die langfristig und für die meisten Qualifikationsprofile bedeutsam sind. Lesen, Schreiben, Rechnen, logisches Denken gehören dazu; aber auch Computer Literacy.

Lebenslanges Lernen nonstop und das Szenario des permanent unfertigen Menschen suggerieren allerdings auch eine andere Art von Schlüsselkompetenz, die weniger im intellektuellen Fertigkeitsbereich als vielmehr im emotionalen und motivationalen Bereich liegt. Es geht um die Eigen-schaften, die eine Person so ausstatten, dass sie sich als Dauerteilnehmer im Prozess des lebenslangen Lernens gut positionieren, dass sie die Unfertigkeiten kompensieren kann, die ihr durch die Unvollendetheit der biologisch-genetischen und gesellschaftlich-institutionellen Architektur des Lebensverlaufs mit auf den Lebensweg gegeben wurden.

Der aus meiner Sicht wichtigste Eckpfeiler einer guten psychologischen Architektur lebenslanger Entwicklung und des produktiven Umgangs mit Unfertigkeit ist das, was ich als die Plastizität oder auch die adaptive Flexibilität des Ichs bezeichne. [15] Damit meine ich das Ausmaß, in dem Einzelne sich als veränderbar, als resistent, entwicklungsfähig und entwicklungswillig erleben. In der Sprache der Psychologie handelt es sich dabei um Eigenschaften wie Optimismus, positives Denken, Offenheit gegenüber dem Neuen, adaptive Selbstwirksamkeit und persönliche Handlungskontrolle. Wissenschaftlich ist jedes dieser Konzepte mit einem umfangreichen Forschungsfeld verknüpft. Es geht um mehr als Worte, es geht um wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse. So wissen wir aus der Forschung, dass jede dieser Eigenschaften und Fähigkeiten zu einem wesentlichen Teil erlern- und lebenslang erneuerbar ist. [16]

Bislang gehören negative Altersstereotype, der erzwungene Ruhestand sowie das Fehlen von positiven Zielen und Rollen des Alters [17] zu den wichtigsten Hindernissen der Entwicklung einer guten Ich-Flexibilität im Erwachsenenalter. Ein weiteres Hindernis ist der allzu starke Glaube, dass Intelligenz, Persönlichkeit und Begabung vor allem genetisch determiniert und daher fixiert seien. Die psychologische Forschung jedoch zeigt, dass Menschen, die ein hohes Gefühl von Optimismus, Offenheit für das Neue, Selbstwirksamkeit und Handlungskontrolle haben, ihre Lebenschancen besser nutzen, und zwar unabhängig davon, wie gut ihre objektiv vorhandenen Ressourcen sind.

Fußnoten

15.
Vgl. Albert Bandura, Self-efficacy in a changing society, New York 1995; Martin E. P. Seligman, Pessimisten küsst man nicht. Optimismus kann man lernen, München 1993; Shelly E. Taylor, Positive illusions, New York 1989.
16.
Vgl. Margret M. Baltes/L. Montada (Hrsg.), Produktives Leben im Alter, Frankfurt/M. 1996; Ursula M. Staudinger, Selbst und Persönlichkeit aus Sicht der Lebensspannen-Psychologie, in: Werner Greve (Hrsg.), Psychologie des Selbst, Weinheim 2000, S. 133-148; Ursula M. Staudinger/Paul B. Baltes, Entwicklungspsychologie der Lebensspanne, in: Hanfried Helmchen/F. A. Henn/H. Lauter/N. Sartorius (Hrsg.), Psychiatrie der Gegenwart 3: Psychiatrie spezieller Lebenssituationen, Berlin 2000, S. 3-17.
17.
Vgl. Phyllis Moen, Recasting careers: Changing references groups, risks, and realities, in: Generations, (1998) 22, S. 40-45; Vgl. Leopold Rosenmayr, The culture of aging, in: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, (2001) 34, S. 2-8.