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26.5.2002 | Von:
Paul B. Baltes

Das Zeitalter des permanent unfertigen Menschen: Lebenslanges Lernen nonstop?

VII. Deutschland: Kein Land für adaptive Ich-Plastizität ?

Für Deutschland wird oft vermutet, dass wir an einer Art Entwicklungspessimismus leiden. In un-serer besonders ausgeprägten kritischen Reflexionskraft stehen antizipierte Verluste eher im Vordergrund als euphorische Gewinnerwartungen. Kulturvergleichende Untersuchungen stützen die-se These: Deutsche Kinder sind weniger optimistisch, was ihr Schulleistungspotenzial angeht. Sie orientieren sich stärker an der objektiven Schulleistung und glauben weniger an sich selbst und ihre eigene Wirksamkeit. Zumindest zu Beginn der deutschen Einigung war dieser Effekt in Ostberlin noch größer als in Westberlin. [18]

Diese enge Verknüpfung von Subjektivität und Objektivität ist beispielsweise bei amerikanischen Schulkindern deutlich geringer. Die amerikanische Gesellschaft fördert, auch jenseits der Kindheit, die Plastizität des Ichs und die Trennung von subjektivem und objektivem Leistungspotenzial in der schulischen Lebenswelt. "Who cares about what I did in school? School ist just one place in life. I still can change and be successful" ist ein unter Amerikanern häufiger gehörtes Motto. Viele Amerikaner versuchen immer wieder, ihrem Leben eine neue Wende zu geben. Dies trifft auch auf das Erwachsenenalter zu, etwa wenn es um die Gestaltung neuer Berufs- und Lebensmöglichkeiten in der zweiten Lebenshälfte geht.

Von der Kindheit bis ins hohe Alter ist der Glaube an sich selbst und die eigene Gestaltungskraft also eine Kern- oder Schlüsselqualifikation. Wir Deutsche sind vielleicht mehr als andere gefordert, uns auf den Weg zu machen, die motivationalen und emotionalen Facetten von Ich-Plastizität in unsere primären und lebenslangen Bildungsaktivitäten zu integrieren; und dies muss früh beginnen und darf vor allem nicht nur dem formalen Bildungssystem auferlegt werden. Alle Institutionen unserer Gesellschaft sind gefragt, an diesem Projekt zu arbeiten.

Es fällt leicht, die "typisch deutsche" Kritik am Konzept der adaptiven Ich-Plastizität zu antizipieren. Ist dies nicht der allzu flexible und wertschwache Mensch, der hier beschrieben wird? Oder auch der negativ deutbare Musil'sche "Mann ohne Eigenschaften"? Dies soll natürlich nicht die Zielorientierung sein. Es muss darum gehen, adaptive Ich-Plastizität im Kontext eines Grundkanons von Werten zu praktizieren, wie dieser etwa im Konzept der Weisheit und damit zusammenhängender Tugenden enthalten ist. [19]

Fußnoten

18.
Vgl. Todd D. Little/G. Oettingen/A. Stetsenko/P. B. Baltes, Children"s action-control beliefs about school performance: How do American children compare with German and Russian children?, in: Journal of Personality and Social Psychology, (1995) 69, S. 686-700; Gabriele Oettingen/Ulman Lindenberger/Paul B. Baltes, Sind die schulleistungsbezogenen Überzeugungen Ostberliner Kinder entwicklungshemmend?, in: Zeitschrift für Pädagogik, (1992) 38, S. 299-324.
19.
Vgl. Paul B. Baltes/Alexandra M. Freund, The intermarriage of wisdom and selective optimization with compensation (SOC): Two meta-heuristics guiding the conduct of life, in: C. L. M. Keyes (Hrsg.), Flourishing: The positive person and the good life, American Psychological Association Washington, i.ÄE.; Alexandra M. Freund, Das Selbst im hohen Alter, in: W. Greve (Anm. 16), S. 115-131; Ursula M. Staudinger/Paul B. Baltes, Weisheit als Gegenstand psychologischer Forschung, in: Psychologische Rundschau, (1996) 47, S. 57-77.