APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Detlef Josczok

Bildung - kein Megathema

Ein Zwischenruf

Bildung ist zur Zeit kein Thema. Entweder geht es dabei nur um die feiertäglich-symbolische Überhöhung von Bildung oder um Ausbildung und Qualifizierung zur Beförderung aktueller Standortanforderungen.

I. Bildung - Mittel zum einzigen Zweck?

Bildung - obwohl in aller Munde - ist kein großes Thema. Natürlich ist das paradox: Es vergeht kein Tag, an dem nicht von Wissen und Lernen, dem Aufbruch in die Informations- und Wissensgesellschaft die Rede ist. Zudem wird die Notwendigkeit lebenslangen Lernens, permanenter Weiterbildung, wird Wissen als wichtigster Rohstoff und Produktionsfaktor beschrieben. Bildung ist ein Lieblingsthema der veröffentlichten Meinung und sogar "kampagnefähig" - mit Bildung kann (wieder) Politik gemacht, können Wahlkämpfe bestritten werden. In der Tat: Nie waren in den letzten Jahren Fragen von Schule und Hochschule - den institutionellen Fixpunkten von Bildung - in der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung präsenter. Und der vormalige Bundespräsident Herzog hat mit seinem Diktum vom "Megathema Bildung" (1997) ganz augenscheinlich den Nerv getroffen bzw. einen allgemeinen Trend bestätigt. Wieso kann dann das Gegenteil behauptet werden: Bildung - kein Megathema?

  • PDF-Icon PDF-Version: 51 KB





  • Bildung ist kein Thema, weil es - jenseits rituell-feiertäglicher Beschwörungen [1] - im öffentlichen Disput und in der Praxis ausschließlich um das "Fitmachen", den raschen Erwerb verwertbaren Wissens, um (berufliche) Ausbildung und Qualifizierung, geht. Wollte man ein Megathema benennen, dann hieße es Ökonomie. Die "kollektive Konversion zur neoliberalen Sichtweise" hat längst den Bildungsbereich erreicht und beschreibt eine Perspektive, die auch hier lediglich den Markt als Legitimationsinstanz anerkennt. [2] Schließlich ist kaum zu übersehen, dass wir es mit einer "neue(n) Begeisterung für die Ökonomie" [3] zu tun haben. Bildung ist dabei zum semantischen Beiwerk geschrumpft; über sie wird zwar fortwährend geredet, nur wird sie nirgendwo mehr gemeint.

    Nun mag das wenig aufregend und nur ein Reflex des Zeitgeistes sein. Ich plädiere dennoch dafür, einen Moment innezuhalten und eine Vergewisserung dieses Zustandes, mithin eine (auf)klärende bildungspolitische Debatte einzufordern. Denn es geht um eine, nicht nur semantische, Differenz: In der Tat bräuchte es heute einen Diskurs, eine lebhafte Erörterung, über Bildung - geführt werden aber nur Effizienzdebatten. Das ist ein Unterschied, und das Interesse gälte dann einer durchaus prinzipiellen Nachfrage: Ist bereits das letzte Wort gesprochen, reicht jene ökonomische Begeisterung, der Paradigmawechsel zur Effizienz, als ausschließliches Zukunftsprogramm? Anders formuliert: Sollen wir uns noch einen Begriff von Bildung machen? Brauchen wir eine "Besinnung auf den Sinn von Bildung" [4] ? Die Antwort lautet: Ja! Aber dann muss das Thema zu Wort kommen, und zwar zur Gänze.

    Wenn von Bildung die Rede sein soll, muss mehr als Ausbildung und Qualifizierung in den Blick genommen werden. Bildung besitzt einen "Mehr-Wert", der allerdings immer wieder grundsätzlicher Vergewisserung bedarf. An dieser Stelle geht es aber nicht um eine Untersuchung des Bildungsbegriffs, vielmehr um einige Beobachtungen, welche die ökonomische Verengung des Themas betreffen. Die Überlegungen nehmen hier ihren Ausgang: Bildung ist stets mehr gewesen, hat stets mehr als nur den funktionalen, ökonomischen (Ausbildungs-)Aspekt bedeutet. Auf eine knappe Formel gebracht: Der Begriff wird hier als Chiffre dafür gelesen, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt "sich nicht auf Marktbeziehungen" reduzieren lässt. [5] Bildung meint damit einen umfassenderen ökonomischen, soziokulturellen und politischen Zusammenhang, der nicht zuletzt mit Blick auf Fragen der Globalisierung Aufmerksamkeit verlangt. Zu Recht ist etwa darauf hingewiesen worden, dass den Bedingungen innergesellschaftlicher Integration - was hält die Gesellschaft zusammen? - in dieser Zeit besonderes Interesse gelten muss. [6] Bildung ist ein solcher Integrationsfaktor, der allerdings bei einseitig ökonomischer Akzentsetzung ins Abseits gerät.

    Fußnoten

    1.
    Vgl. Karlheinz A. Geissler, Vom Beten zum Lernen. Die ,Wissensgesellschaft` oder: Der neue Glaube des 21. Jahrhunderts, in: Frankfurter Rundschau vom 23. Dezember 1999 sowie Gerd Steffens, Wiederkehr der Fetische. Begriffs- und Ideenmoden im Bildungsdiskurs, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 45 (1999), S. 1123-1132.
    2.
    Vgl. Pierre Bourdieu, Das Elend der Welt, Konstanz 1998, S. 208, und ders., Über das Fernsehen, Frankfurt/M. 1998, S. 36.
    3.
    Uwe Jean Heuser, In den Zeiten der Wirtschaft, in: Die Zeit, Nr. 44 vom 26. Oktober 2000, S. 1.
    4.
    Bundespräsident Johannes Rau im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14. Juli 2000: "Es müsste eine Besinnung auf den Sinn von Bildung stattfinden." "Ich wünschte mir mehr ganzheitliche Gesichtspunkte in der Bildungspolitik."
    5.
    Vgl. Wolfgang Thierse, Dankesrede zur Verleihung des Ignatz-Bubis-Preises, in: Frankfurter Rundschau vom 17. Januar 2001, S. 7.
    6.
    Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Autoritärer Kapitalismus, Demokratieentleerung und Rechtspopulismus. Eine Analyse von Entwicklungstendenzen, in: Dietmar Loch/Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Schattenseiten der Globalisierung. Rechtsradikalismus, Rechtspopulismus und separatistischer Regionalismus in westlichen Demokratien, Frankfurt/M. 2001, S. 497-530.