Ausschnitt aus dem Gemälde "Der Chasseur im Walde" von Caspar David Friedrich aus dem Jahr 1814.
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Natur der Nation. Der "deutsche Wald" als Denkmuster und Weltanschauung


1.12.2017
    "Auch wenn wir keines Holzes mehr bedürften, würden wir doch noch den Wald brauchen. Das deutsche Volk bedarf des Waldes wie der Mensch des Weines."

    Wilhelm Heinrich Riehl, Land und Leute (1854)
Dieses vielzitierte Bekenntnis des Kulturhistorikers und Volkskundlers Wilhelm Heinrich Riehl schreibt der deutschen Baumwelt unverblümt eine nationalpolitische Bedeutung zu. Im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen stehen in diesem Sinne nicht ökologische, soziale oder wirtschaftliche Funktionen des tatsächlich existierenden Waldes. Vielmehr fokussieren sie auf den Wald als Projektionsfläche für kulturelle Vorstellungen und fragen insbesondere: Wie wollten Poeten, Philologen, Publizisten und Propagandisten kollektive Identität in einer imaginierten Waldnatur begründen? Dafür wird der ideenhistorische Werdegang des "deutschen Waldes" in drei Zeitabschnitten dargestellt: nach einem knappen Blick auf die Vorgeschichte die Romantik um 1800 als weltanschauliche Inkubationsperiode, das NS-Regime von 1933 bis 1945 als ideologische Kulminationsphase sowie die Entwicklungen von der Nachkriegszeit bis heute.[1]

Romantische Wälder



Am Anfang standen ein lateinisch schreibender Historiker und scheinbar unendliche nordische Wälder. Tacitus (ca. 55–120 n. Chr.) schilderte um das Jahr 100 in seiner "Germania" das Gebiet östlich des Rheines wenig vorteilhaft als "durch seine Wälder grauenerregend"; die dort lebenden Stämme verehrten demnach ihre Götter im "heiligen Hain" statt in steinernen Tempeln.[2] Seine späteren "Annalen" berichteten über eine Schlacht in einem "Teutoburger Wald" zwischen Römern und germanischen Stämmen, deren siegreicher Anführer Arminius – heute besser bekannt als Hermann der Cherusker – zum "Befreier Germaniens" geworden sei.[3] Nach Wiederentdeckung dieser Schriften im 15. Jahrhundert fanden deutschsprachige Humanisten die vorgeschichtlichen Ursprünge ihres Volkes in der nun positiv gesehenen Waldnatur.[4] Der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803) schließlich beschrieb in seinem Bühnenstück "Hermanns Schlacht" die Stammeskrieger als "wie die Eiche eingewurzelt", um weitergehend das Vaterland mit der "höchsten, ältesten, heiligsten Eiche" zu vergleichen.[5]

Auf solche älteren Denkbilder konnten unter gänzlich anderen Zeitumständen prominente Poeten, Philologen und Publizisten zurückgreifen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Natur des Waldes mit Nation und Deutschtum verknüpften. Ihr politisches Bewusstsein war bestimmt von Nachwirkungen der Französischen Revolution wie dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806, der sich anschließenden Besatzungspolitik Napoleons sowie den Kriegen gegen Frankreich von 1813 bis 1815. Angesichts der erlebten Umwälzungen suchten sie in klarer Abgrenzung vom westlichen Nachbarland intensiv nach möglichen Bestandteilen einer historischen und kulturellen Identität. Dabei verstanden sie den "deutschen Wald" als geeignetes Symbol für Tradition und Kontinuität: Seine vorgeblichen Prinzipien von Unterordnung und Ungleichheit dienten als Gegenbild zur Gesellschaftsordnung der Französischen Revolution mit ihren Werten von liberté und égalité. Somit können die "Befreiungskriege" als weltanschaulicher Nährboden des deutschen Waldpatriotismus gelten, in dem sich die Denkmuster von Nationalnatur und Naturnation folgenreich verbanden.[6]

Als eigentlicher "Sänger des deutschen Waldes" gilt bis heute der vielgelesene Poet Joseph von Eichendorff (1788–1857).[7] Da er nach seiner auf einem schlesischen Adelsgut verbrachten Kindheit in Städten wie Berlin und Königsberg lebte, lässt sich seine Naturpoesie als temporäre Flucht zurück in eine Gegenwelt fernab urbaner Verpflichtungen lesen. 1813 meldete sich der angehende Beamte als Freiwilliger zum Kampf gegen Frankreich, der für ihn eine Neuauflage des antiken Konflikts der Germanen mit Rom bedeutete.

Explizit politisch waren insbesondere Eichendorffs "Zeitlieder" aus den Jahren 1806 bis 1815: Hier erschien der Wald unter anderem als "Deutsch Panier, das rauschend wallt" – mithin als symbolische Nationalfahne.[8] In einem weiteren Gedicht geriet die scheinbare Eintracht der Baumwelt zum erklärten Vorbild für die Menschenwelt, um innere Spaltungen zu überwölben und überwinden: "Gleichwie die Stämme in dem Wald/Woll’n wir zusammenhalten,/Ein’ feste Burg, Trutz der Gewalt,/Verbleiben treu die alten."[9] Die sich abzeichnende Niederlage Napoleons verstand Eichendorff dann als Wiedererringung nationaler wie naturaler Souveränität: "Es löste Gott das lang verhaltne Brausen/Der Ströme rings – und unser ist der Rhein!/Auf freien Bergen darf der Deutsche hausen/Und seine Wälder nennt er wieder sein."[10] Nach den gescheiterten Einheitsplänen von 1848 schließlich erhob er die Heimat zum "Land der Eichen", in dem dieses Sinnbild verwurzelter Tradition den nationalen Zusammenschluss vorwegnehmen sollte.[11]

Ein wichtiges Symbol für Identität wie Kontinuität wurde die Baumnatur auch im Werk der bedeutenden Philologen Jacob (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859).[12] Während die beiden Mitbegründer der Germanistik ihr Berufsleben in Residenz- und Universitätsstädten wie Kassel und Berlin verbrachten, erschufen sie auf dem Papier einen umfänglichen Wald der Märchen und Metaphern. Besonders in der Zeit der französischen Besatzung sollte die intensive Arbeit an der germanisch-deutschen Überlieferung dazu dienen, der tagespolitischen Wirklichkeit deutlich glorreichere Vergangenheitsvorstellungen entgegenzusetzen.

So erschienen 1812/15 in zwei Bänden die von den Brüdern Grimm edierten "Kinder- und Hausmärchen", deren Einleitung aus der Feder Wilhelms die "Wälder in ihrer Stille" als Herkunftsregion des gesammelten Kulturgutes pries.[13] Die siebente Auflage von 1857 als letzte zu Lebzeiten der Herausgeber bot in fast der Hälfte der 200 Stücke Märchenwälder, von denen viele durch teils erhebliche Textarbeit dichtere und dunklere Formen angenommen hatten.

Auch die wissenschaftlichen Veröffentlichungen wiesen zahlreiche Bezüge zur Baumwelt auf: Jacob verstand in seiner bald breit rezipierten "Deutschen Mythologie" heilige Eichen und Haine als Orte eines ursprünglichen "altdeutschen waldcultus".[14] Andernorts nutzte er mannigfache Sprachbilder des Organischen und Verwurzelten, wenn er das "Holz" der Sage oder den "Baum" der Sprache als durch die Jahrhunderte prägende Bestandteile der Volkskultur beschwor.[15]

Die Idee vom Wald als Garant der Tradition durchzieht ebenso die Schriften des einflussreichen Publizisten Ernst Moritz Arndt (1769–1860).[16] Der hauptberufliche Geschichtsprofessor an der Greifswalder und später Bonner Universität bezog Landschaftsumgebung und Volkscharakter eng aufeinander, etwa indem er dem nordisch imaginierten "Vaterlande grüner Eichen" kategorisch Italien als südliches "Land der Citronen und der Banditen" gegenüberstellte.[17] Während der antifranzösischen "Befreiungskriege" schufen seine radikalnationalistischen Gedichte ein eingängiges Reimschema von Eichen und Leichen, für den Sieg forderte er das Pflanzen einer "deutschen Freiheitseiche" als einzig angemessenes Erinnerungszeichen.[18]

Ausgesprochen wirkmächtig war Arndts 1815/16 veröffentlichte Artikelfolge "Ein Wort über die Pflegung und Erhaltung der Forsten und der Bauern", die bereits in ihrem Titel zwei für ihn ähnlich naturnahe und potenziell stabilisierende Elemente verband. Er sah Waldgebiete gewissermaßen als nationalen Wurzelgrund, den es für den Erhalt des eigenen Volkes und zum Schutz vor gesellschaftlichen Veränderungen gegen Kahlschläge zu verteidigen gelte. Ferner verlangte er in detailreichen Ausführungen umfängliche Aufforstungen und bemühte dafür unter anderem Argumente des Bodenschutzes, aber die Sorge um die Naturumgebung war hier weit weniger relevant als die um das durchgängig verherrlichte nationale Kollektiv – denn seine wahre Befürchtung war, die Axt im Walde werde "häufig zu einer Axt, die an das ganze Volk gelegt wird".[19]

Nach 1848 blieb der "deutsche Wald" angesichts des fortbestehenden Partikularismus ein wichtiges Symbol kollektiver Zugehörigkeit, etwa für den eingangs zitierten Arndt-Schüler Wilhelm Heinrich Riehl (1823–1897). Sein mehrbändiges Hauptwerk "Naturgeschichte des Volkes" erklärte die Baumwelt gegen den englischen Park und das französische Feld zur stereotypischen Nationalnatur: "Wir müssen den Wald erhalten, (…) damit Deutschland deutsch bleibe."[20] Im Kontext der Reichsgründung 1870/71 kam es dann zur politisch motivierten Pflanzung von "Kaisereichen" beziehungsweise "Sedaneichen" sowie zur Veröffentlichung zahlreicher patriotischer Eichengedichte.[21]

Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg und dem Ende des Kaiserreiches geriet der "deutsche Wald" für das radikalnationalistische Spektrum noch verstärkt zum Inbegriff organisch verstandener Identität. Außerordentlich aktiv war dabei der 1923 gegründete Deutscher Wald e.V. – Bund zur Wehr und Weihe des Waldes, dem es aber weniger um die Bäume selbst als um die Bedürfnisse der Menschen ging: "Kommt, Deutsche, in den Wald hinein und lasst uns alle, alle einig sein!"[22] Klar definiert wurden auch die vermuteten Feinde von Wald und Volk zugleich, vor allem das französische "Schlächtergesindel" und der jüdische "Wüstensprößling".[23] Damit zeigte das Denkmuster "deutscher Wald" bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme explizit rassistische und antisemitische Tendenzen.


Fußnoten

1.
Der Beitrag beruht auf der Monografie Johannes Zechner, Der deutsche Wald. Eine Ideengeschichte zwischen Poesie und Ideologie 1800–1945, Darmstadt 2016. Als Überblicksdarstellungen siehe auch Bernd Weyergraf (Hrsg.), Waldungen. Die Deutschen und ihr Wald, Berlin 1987; Albrecht Lehmann/Klaus Schriewer (Hrsg.), Der Wald – Ein deutscher Mythos? Perspektiven eines Kulturthemas, Berlin–Hamburg 2000; Landschaftsverband Westfalen-Lippe (Hrsg.), Mythos Wald, Münster 2009; Ursula Breymayer/Bernd Ulrich (Hrsg.), Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald, Dresden 2011.
2.
Publius Cornelius Tacitus, Germania (ca. 98), in: ders., Agricola/Germania, München–Zürich 1991, V, S. 83 bzw. XXXIX, S. 123. Zum Kontext vgl. Marcus Nenninger, Die Römer und der Wald. Untersuchungen zum Umgang mit einem Naturraum am Beispiel der römischen Nordwestprovinzen, Stuttgart 2001.
3.
Publius Cornelius Tacitus, Annales, Düsseldorf 1982 (ca. 110–120), I 60, S. 87 bzw. II 88, S. 203. Zur Rezeption vgl. Klaus Kösters, Mythos Arminius. Die Varusschlacht und ihre Folgen, Münster 2009.
4.
Siehe etwa Conrad Celtis, De situ et moribus Germaniae additiones (ca. 1500), in: Gernot Michael Müller, Die "Germania generalis" des Conrad Celtis, Tübingen 2001, S. 101ff.
5.
Friedrich Gottlieb Klopstock, Hermanns Schlacht (1769), in: ders., Hermann-Dramen, Berlin–New York 2009, S. 30 bzw. S. 80. Zum Kontext vgl. Martina Wagner-Egelhaaf (Hrsg.), Hermanns Schlachten. Zur Literaturgeschichte eines nationalen Mythos, Bielefeld 2008.
6.
Vgl. auch Johannes Zechner, From Poetry to Politics. The Romantic Roots of the "German Forest", in: William Beinart/Karen Middleton/Simon Pooley (Hrsg.), Wild Things. Nature and the Social Imagination, Cambridge 2013, S. 185–210.
7.
Vgl. Klaus Lindemann, "Deutsch Panier, das rauschend wallt". Der Wald in Eichendorffs patriotischen Gedichten im Kontext der Lyrik der Befreiungskriege, in: Hans-Georg Pott (Hrsg.), Eichendorff und die Spätromantik, Paderborn u.a. 1985, S. 91–130.
8.
Joseph von Eichendorff, Der Jäger Abschied (wohl 1810), in: ders., Gedichte, Erster Teil: Text, Berlin–Boston 1993, S. 151.
9.
Ders., Der Tyroler Nachtwache (1810), in: ebd., S. 148.
10.
Ders., An die Freunde (1814), in: ders., Gedichte, Zweiter Teil: Verstreute und nachgelassene Gedichte. Text, Berlin–Boston 1997, S. 49.
11.
Ders., Libertas Klage (1849), in: ebd., S. 4.
12.
Vgl. Hisako Ono, Waldsymbolik bei den Brüdern Grimm, in: Fabula. Zeitschrift für Erzählforschung 1–2/2007, S. 73–84.
13.
Wilhelm Grimm, Vorrede zu den "Kinder- und Hausmärchen" (1812), in: ders., Kleinere Schriften I, Hildesheim u.a. 1992, S. 320.
14.
Jacob Grimm, Deutsche Mythologie I, Göttingen 18442, S. XLIV.
15.
Ders., Gedanken wie sich die Sagen zur Poesie und Geschichte verhalten (1808), in: ders., Kleinere Schriften I, Hildesheim u.a. 1991, S. 402; ders., Über die wechselseitigen Beziehungen und die Verbindung der drei in der Versammlung vertretenen Wissenschaften (1846), in: ders., Kleinere Schriften VII, Hildesheim u.a. 1991, S. 557.
16.
Vgl. Caroline Delph, Nature and Nationalism in the Writings of Ernst Moritz Arndt, in: Catrin Gersdorf/Sylvia Mayer (Hrsg.), Nature in Literary and Cultural Studies. Transatlantic Conversations on Ecocriticism, Amsterdam–New York 2006, S. 331–354.
17.
Ernst Moritz Arndt, Scharnhorst der Ehrenbote (1813), in: ders., Gedichte, Berlin 1860, S. 253; ders., Reisen durch einen Theil Teutschlands, Italiens und Frankreichs in den Jahren 1798 und 1799 I, Leipzig 1801, S. 66.
18.
Ders., Gesang zu singen bei Pflanzung einer deutschen Freiheitseiche (1814), in: ders. 1860 (Anm. 17), S. 291.
19.
Ders., Ein Wort über die Pflegung und Erhaltung der Forsten und der Bauern im Sinne einer höheren, d.h. menschlichen Gesetzgebung I, in: Der Wächter. Eine Zeitschrift in Zwanglosen Heften 3–4/1815, S. 375.
20.
Wilhelm Heinrich Riehl, Land und Leute, Stuttgart–Tübingen 1854, S. 32.
21.
Siehe etwa Ernst Wachsmann (Hrsg.), Sammlung der Deutschen Kriegs- und Volkslieder, Berlin 1870, S. 13, S. 70, S. 87, S. 149, S. 154, S. 269, S. 297 und S. 310; Emanuel Geibel, Heroldsrufe. Aeltere und neuere Zeitgedichte, Stuttgart 1871, S. 97, S. 146 und S. 168.
22.
O.A., Sinnspruch, in: Deutscher Wald 20/1926, S. 1.
23.
August Meier-Böke, Wald und Wehrwolf, Hamburg 1924, S. 6; ders., Deutscher Wald und deutscher Friedhof, Hamburg 1925, S. 8.
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Autor: Johannes Zechner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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