Ausschnitt aus dem Gemälde "Der Chasseur im Walde" von Caspar David Friedrich aus dem Jahr 1814.

1.12.2017 | Von:
Thomas Kirchhoff

Sehnsucht nach Wald als Wildnis

Zur Bedeutungsgeschichte von Waldwildnis

Im Folgenden sollen einige grundlegende positive Wahrnehmungsmuster von Waldwildnis in groben Zügen idealtypisch skizziert werden.[14] Diese Wahrnehmungsmuster sind nicht spezifisch "deutsch", allenfalls spezifisch "europäisch".[15] Der Darstellung liegt die Hypothese zugrunde, dass auch ältere Bedeutungen von Wildnis – insbesondere solche aus der Zeit der Aufklärung und Romantik – noch heutzutage wirksam sind. So bildete sich im Laufe unserer Kulturgeschichte ein immer vielfältigeres Spektrum positiver Bedeutungen von Waldwildnis heraus, in dem sich zwei Grundbedeutungen identifizieren lassen: zum einen Waldwildnis als Ort der Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen, Konventionen und Entfremdungsprozessen und damit als Möglichkeitsraum für Authentizität; zum anderen Waldwildnis als Ort guter ursprünglicher Ordnung, die der gesellschaftlichen Ordnung überlegen ist. Mit "Freiheit" und "Ordnung" ist dabei allerdings, je nach Menschenbild oder Gesellschaftsideal beziehungsweise politischer Philosophie, sehr Unterschiedliches gemeint.

Bereits im christlichen Denken des Mittelalters finden sich neben den negativen, die überwiegen, erste positive Bedeutungen von Waldwildnis: Insbesondere ist sie erstens Zufluchtsort für Verfolgte und Geächtete, die sich – wie Robin Hood – einer ungerechten Obrigkeit entgegenstellen, zweitens analog zur Wüste arider Gebiete der Ort, an den sich Eremiten aus einer verweltlichten Kirche beziehungsweise vor den Versuchungen des weltlichen Lebens zurückziehen, um ihr Leben in Stille und Abgeschiedenheit ganz Gott zu widmen, sowie drittens der Ort der Bewährung und Reifung von Helden im Kampf gegen das Böse.

Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts werden rationalistische Philosophien formuliert, denen zufolge die Welt – weil Gott, ihr Schöpfer, allmächtig, weise und gütig ist – eine vollkommene Ordnung darstellen muss. Auf dieser Basis entsteht eine Wertschätzung von Wildnis als Ort, an dem die ursprüngliche göttliche Ordnung der Welt noch nicht durch den Menschen verändert, also noch nicht beeinträchtigt ist. Diese vollkommene göttliche Ordnung sei, so etwa der Philosoph Shaftesbury, wegen ihrer unendlichen Komplexität für den Menschen zwar nicht wissenschaftlich, aber doch ästhetisch-intuitiv erkennbar, wenn er von seinen endlichen Nutzenkalkülen und Ordnungsvorstellungen absehe; dann gelte: "Disorder becomes regular" und "the Wildness pleases".[16] Solche Theorien entstanden zwar vor allem in Bezug auf Hochgebirge, in denen man "natural cathedrals" sah.[17] Aber zum Beispiel Shaftesbury nennt in diesem Zusammenhang auch einen riesigen, finsteren Wald. Später notiert der Universalgelehrte John Muir in diesem Sinne: "The clearest way into the Universe is through a forest wilderness." Und der Philosoph Holmes Rolston konstatiert: "The forest is a kind of church."[18]

Im Denkrahmen des politischen Liberalismus symbolisiert Wildnis primär zwar den vorgesellschaftlichen Naturzustand des Menschengeschlechts, der in einen Krieg aller gegen alle mündet (Thomas Hobbes) und durch einen Gesellschaftsvertrag überwunden werden muss. Sobald dieser Gesellschaftsvertrag geschlossen ist, erhält (Wald-)Wildnis jedoch die positive Bedeutung eines symbolischen und auch tatsächlichen Ortes, an dem das Individuum vorübergehend vollkommen frei von gesellschaftlichen Regeln und Zwängen und damit gemäß seiner eigenen individuellen Natur leben kann. Dieses Bedeutungsmuster motiviert heutzutage viele Formen der Suche nach individuellen Abenteuern in der Wildnis.

Im Übergang zur Aufklärungskritik entwickelt sich, maßgeblich durch Jean-Jacques Rousseau, die Bedeutung von Waldwildnis als Ort des Naturzustandes, in dem die Menschen noch nicht durch die Zivilisation verdorben sind, noch in Harmonie miteinander und mit der äußeren Natur leben, weil sie sich noch an sich selbst orientieren statt entfremdet an zivilisatorischen Äußerlichkeiten und Scheinbedürfnissen. Waldwildnis und die dort lebenden "edlen Wilden" symbolisieren für die zivilisierten Menschen authentische Individualität und eine auf natürlichem Mitgefühl beruhende Gemeinschaft. Nach Rousseau ist beides mit dem Zivilisationsprozess unwiederbringlich verloren gegangen, es kann aber auf höherer Stufe – die berühmte Formel "Zurück zur Natur" stammt nicht von Rousseau – ein Analogon mittels Vernunft und Tugend realisiert werden.

Auf Edmund Burke, einen der geistigen Väter des britischen Konservatismus, lässt sich die folgende Theorie zurückführen: Der Anblick erhabener Natur – gemeint sind Naturphänomene, die wegen ihrer Undeutlichkeit, Gewalt oder Unermesslichkeit im Betrachter Furcht, Schmerz oder Erstaunen hervorrufen und das Vernunftvermögen lähmen – könne statt "horror" auch "delightful horror" hervorrufen, weil er physiologisch unsere Nerven stärke und so die Funktionsfähigkeit unseres Körpers und letztlich die Selbsterhaltung fördere. So könne ein "gloomy forest" und eine "howling wilderness"[19] ein Heilmittel gegen kulturelle Verweichlichungstendenzen und Vergnügungssucht sein.

Die Romantik stellt der aufklärerischen Vernunftorientierung die Idee und individuelle Praxis der ästhetischen Neuschaffung einer zauberhaften Wirklichkeit entgegen, die jenseits der durch Vernunft versachlichten Alltagswelt liegt. So soll das vereinzelte Individuum zumindest ästhetisch wieder eine Entgrenzung des Ichs erfahren und ein Gefühl der Eingebundenheit in eine ursprüngliche Ganzheit empfinden können. Ein klassischer Topos dieser romantischen Wiederverzauberung der Welt ist der Blick über das Meer oder über waldbedeckte Hügel und Berge zum Horizont, an dem Erde und Himmel, Materielles und Immaterielles verschmelzen. Innerhalb eines Waldes sind, sofern er nicht vernünftig geordnet, sondern wild erscheint, ähnliche ästhetische Wiederverzauberungen möglich: wenn sich im Spiel der Blätter Licht und Schatten vermischen, wenn sich der Blick in die Ferne irgendwo zwischen den Baumstämmen verliert oder wenn in der Ferne zwischen den Stämmen das Sonnenlicht erstrahlt.

Im romantischen Topos der Waldeinsamkeit ist der Wald ein Rückzugsort in einer sich wandelnden Gesellschaft, eine zeitlose heile (Traum-)Welt inneren und äußeren Erlebens, ein Symbol für Dauerhaftigkeit, ein Schutzraum, in dem alte Märchen, Sagen und Werte noch lebendig erscheinen. "Waldeinsamkeit, Die mich erfreut, So morgen wie heut In ewger Zeit. O wie mich freut Waldeinsamkeit./Waldeinsamkeit Wie liegst du weit! O Dir gereut Einst mit der Zeit. Ach einzge Freud Waldeinsamkeit!/Waldeinsamkeit Mich wieder freut, Mir geschieht kein Leid, Hier wohnt kein Neid Von neuem mich freut Waldeinsamkeit." (Ludwig Tieck)

Im Rahmen des klassischen deutschen Konservatismus entwickelt der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl die Ansicht, Wildnis, insbesondere Waldwildnis, könne in den Menschen, die vereinzelt, ungesund und sündig in der Großstadt lebten, das instinktive Wissen um die Prinzipien einer guten Ordnung erneuern.[20] Diese Ordnung sei im Naturzustand bereits latent (von Gott gegeben) vorhanden, müsse aber noch vom Menschen zur vollkommenen Form einer hierarchisch-organischen Gemeinschaft entwickelt werden, die auf den natur- beziehungsweise gottgegebenen Talenten und Ungleichheiten beruht.[21] Die Gemeinschaft der Waldwildnis wird zum Vorbild gelingender menschlicher Vergesellschaftung, womit – zirkulär – ein in den Wald hineinprojiziertes Gesellschaftsideal wieder aus ihm herausgelesen wird und damit als naturgegeben erscheint.

Mit dem Aufkommen der Umweltbewegung in den 1960er Jahren wird Waldwildnis zum Inbegriff vollkommener natürlicher Ordnung. Die ökologische und evolutionäre Selbstorganisation der Natur habe dort im Laufe von Jahrtausenden zu einer Organisationsweise geführt, deren Komplexität, Effizienz und Stabilität die aller anthropogenen Organisationsformen – seien es menschliche Gesellschaften oder technische Artefakte – bei Weitem überschreite. Der Umweltökonom David Rapport behauptet sogar, "that natural evolution of ecosystems represents the best of all possible worlds".[22] So wird Waldwildnis zum Objekt "ökologischer Ehrfurcht", das vor der Zerstörung durch den Menschen geschützt werden muss. Der exotische Dschungel, in dem die Männer der Kolonialzeit den zu erobernden "jungfräulichen Wald" (virgin forest) sahen, wird zum bedrohten Paradies.[23]

Etwa seit den 1970er Jahren wird Waldwildnis auch zum Inbegriff unregulierter Prozessualität, von Wildheit. Diese Wildnisbedeutung kann man als Ausdruck einer kulturell bedingten Sehnsucht nach Freiheit von der "Zähmung" der Instinktnatur und Triebhaftigkeit des Menschen durch die Gesellschaft interpretieren: Waldwildnis fasziniert als Ort unreglementierter, triebhafter Aktivität und Überraschung, als Ort der Entlastung von Rationalität, Konventionen, Regeln, Scham- und Ekelgefühlen zivilisierten Lebens, aus dem man vorübergehend ausbrechen möchte. So sieht der deutsche Survival-Experte Rüdiger Nehberg im Regenwald nicht wie viele andere eine "grüne Hölle", sondern eine "Herausforderung: kein Meter ohne Überraschung, gefüllte Speisekammer, action pur – grünes Paradies".[24]

Zuletzt soll noch erwähnt werden, dass Waldwildnis statt als Gegenwelt mit bestimmten gegenkulturellen Bedeutungen auch wertgeschätzt werden kann als Ort jenseits (gegen)kultureller Symboliken: als Ort der Freiheit von intersubjektiven Sinngehalten überhaupt.[25] Hierzu zuzuordnen sind vermutlich "Visionssuchen" zur individuellen Selbstheilung und Sinnsuche in der Wildnis, sofern sie die Quelle der "Vision" nicht in der Wildnis, sondern im Selbst sehen.

Zunehmendes Unbehagen in der Kultur?

Gemäß der hier entwickelten Interpretation, was Waldwildnis ist und warum sie wertgeschätzt wird, müsste die in den vergangenen Jahren offenbar zunehmende Sehnsucht nach ihr Ausdruck eines wachsenden "Unbehagens in der Kultur" sein. Dieses Unbehagen dürfte vor allem für ihre Grundbedeutung "Ordnung" zutreffen, insofern in unserer Gesellschaft Gefühle sozialer, politischer, ökonomischer und kultureller Verunsicherung zunehmen und eine problematische Individualisierung, Entsolidarisierung und Beschleunigung gesellschaftlichen Wandels empfunden wird.[26] Spiegeln müssten sich diese Gefühle in einem zunehmenden Interesse vor allem an "Waldwildnis als Ort guter ursprünglicher Ordnung": Bücher, die natürliche Wälder als dauerhaft stabile, solidarische Gemeinschaften von Bäumen und anderen Organismenarten beschreiben, sind derzeit Bestseller.

Für die Grundbedeutung "Freiheit" könnte man spekulieren: Der "Freiheitsindex Deutschland 2017" konstatiert eine seit 2011 insgesamt zunehmende Wertschätzung von Freiheit, aber auch, dass die Bürgerinnen und Bürger in den vergangenen Jahren verstärkte staatliche Einschränkungen von privaten Freiheiten angesichts von Bedrohungen wie Terrorismus und Extremismus in Kauf nehmen.[27] Diese Entwicklung könnte eine Sehnsucht nach "Waldwildnis als Ort der Freiheit" fördern, an dem solche Einschränkungen praktisch nicht existieren.

Fußnoten

14.
Für eine ausführlichere Darstellung, die auch negative Bedeutungen behandelt, siehe Kirchhoff/Vicenzotti (Anm. 3 und 6), auf die ich mich im Folgenden stütze, sowie die dort zitierte Literatur.
15.
Zum "deutschen Wald" siehe den Beitrag von Johannes Zechner in diesem Heft.
16.
Anthony A. Cooper, 3rd Earl of Shaftesbury, Characteristicks of Men, Manners, Opinions, Times, Bd. 2, Indianapolis 2001 (1732), S. 40–43, S. 217–228, Zitat S. 218.
17.
Marjorie H. Nicolson, Mountain Gloom and Mountain Glory. The Development of the Aesthetics of the Infinite, Seattle 1959.
18.
John Muir, Alaska Fragments, June–July, 1890, in: Linnie M. Wolfe (Hrsg.), John of the Mountains, Madison 1979, S. 311–322, hier S. 313; Holmes Rolston III, Aesthetic Experience in Forests, in: Journal of Aesthetics and Art Criticism 2/1998, S. 157–166, hier S. 164.
19.
Edmund Burke, A Philosophical Inquiry into the Origin of Our Ideas on the Sublime and Beautiful, London 1757, Part II, Section V.
20.
Vgl. Wilhelm Heinrich Riehl, Die Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer deutschen Social-Politik, Bd. 1: Land und Leute, Stuttgart 1854, S. 31–34, S. 202.
21.
Kirchhoff/Trepl (Anm. 3), S. 49f.; Vera Vicenzotti, Der "Zwischenstadt"-Diskurs. Eine Analyse zwischen Wildnis, Kulturlandschaft und Stadt, Bielefeld 2011, S. 145ff.
22.
David J. Rapport, Answering to Critics, in: ders. et al. (Hrsg.), Ecosystem Health, Malden 1998, S. 41–50, hier S. 46.
23.
Dieser Wertschätzung liegt eine perfektionistisch-organizistische Naturauffassung zugrunde, die keine Basis in – heutzutage noch anerkannten – naturwissenschaftlichen Theorien hat. Vgl. Thomas Kirchhoff, Die Konzepte der Ökosystemgesundheit und Ökosystemintegrität. Zur Frage und Fragwürdigkeit normativer Setzungen in der Ökologie, in: Natur und Landschaft 9–10/2016, S. 464–469. Somit liegt es nahe, diese Wildnisauffassung als eine verwissenschaftlichte Reformulierung der oben beschriebenen rationalistischen Philosophien zu deuten.
24.
Rüdiger Nehberg/Target, Abenteuer Urwald, o.D., http://www.target-human-rights.com/HP-07_vortraege/index.php?p=vortrag02«.
25.
Vgl. Martin Drenthen, The Paradox of Environmental Ethics. Nietzsche’s View of Nature and the Wild, in: Environmental Ethics 2/1999, S. 163–175.
26.
Siehe z.B. Heinz Bude, Das Unbehagen in der bürgerlichen Mitte, in: APuZ 49/2014, S. 44–48.
27.
Vgl. Ulrike Ackermann (Hrsg.), Freiheitsindex Deutschland 2017, Frankfurt/M. 2017.
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