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26.5.2002 | Von:
Ludwig Watzal

Editorial

Nach der Abwahl des Regierenden Berliner Bürgermeisters Eberhard Diepgen mit den Stimmen der PDS entbrannte eine intensive Diskussion. Ihr kontroverser Gegenstand war der Umgang mit der DDR-Geschichte.

Einleitung

Seit der Abwahl des Regierenden Berliner Bürgermeisters Eberhard Diepgen mit den Stimmen der PDS ist eine intensive Diskussion über den Umgang mit der DDR-Geschichte entbrannt. Wie soll mit der DDR-Vergangenheit und dem Erbe der SED umgegangen werden? Aufgeregt wird die Frage diskutiert, ob die Partei des Demokratischen Sozialismus nach der Wahl im Herbst auch in der Hauptstadt Regierungsverantwortung übernehmen dürfe. Daran scheiden sich die Geister. Halten konservative Kräfte von CDU und CSU eine Beteiligung der PDS unter den gegebenen Umständen für unannehmbar, betonen die Befürworter den einheitsstiftenden Charakter eines Eintritts der PDS in den Berliner Senat. Mit der Regierungsbeteiligung der PDS würde jedenfalls die Kluft zwischen Ost und West um einiges kleiner: Deutschland würde ein Stück "normaler" und käme der inneren Einheit näher. Die Emotionalität in der Debatte wirft unwillkürlich Fragen auf: Geht die deutsche politische Elite mit diesem Problem deshalb so emotional um, weil bei der Aufarbeitung der Nazi-Diktatur versagt wurde? Es drängt sich der Eindruck auf, als solle dieses Mal gründlich Remedur geschaffen werden: Auch der kleinste "Inoffizielle Mitarbeiter" muss enttarnt werden. Dabei bleibt ein bitterer Nachgeschmack: Westliche Politikgrößen erhalten "Persönlichkeitsschutz" in Bezug auf die Veröffentlichung ihrer Stasi-Akten.

Bei der Aufarbeitung der DDR-Geschichte darf man sich nicht nur auf den Osten konzentrieren, wie Christoph Kleßmann in seinem Essay betont, sondern die ganze deutsche Nachkriegsgeschichte stehe zur Debatte, inklusive des westdeutschen Teils. Termini wie "Unrechtsstaat" und "Totalitäre Diktatur" erklärten die Komplexität moderner Staatsgebilde nicht hinreichend. Sie erfassen auch nicht die Grauzonen der Diktatur. Kleßmann tritt zugleich für eine Horizonterweiterung bei der Aufarbeitung nach Ostmitteleuropa ein, weil die DDR ein Teil dieses sowjetischen Imperiums war.

Wie mit der eigenen DDR-Vergangenheit nicht umgegangen werden sollte, zeigt Karl Wilhelm Fricke anhand einer Analyse der Memoiren der ehemaligen Stasi-Generäle Markus Wolf, Werner Großmann und Josef Schwarz auf. Alle drei gehen mit der Wahrheit selektiv um. Die Memoiren seien ein Konvolut aus Halbwahrheiten, Legenden, Stasi-Verklärung und Selbstrechtfertigung. Ihr Erkenntniswert liege in den Einschätzungen und Eingeständnissen. Sie lieferten keinen Grund zu einer Revision der Historie. Die DDR-Geschichte müsse nicht umgeschrieben werden.

Zur Aufarbeitung der Vergangenheit gehört aber auch ein Verständnis der Mechanismen der totalen Durchdringung einer Gesellschaft und des vorhandenen Widerstandspotenzials. Andreas Malycha zeigt auf, wie sich das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik von den Anfangsjahren der DDR bis zum Mauerbau 1961 darstellte. Ilko-Sacha Kowalczuk beschreibt die Reaktionen von Hochschulangehörigen auf den Arbeiteraufstand 1953, die Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes 1956 und den Bau der Berliner Mauer im Jahre 1961. Malycha stellt den zunehmenden Einfluss der SED auf die Wissenschaft dar. Dieser kam insbesondere in den so genannten Gesellschaftswissenschaften zum Tragen. Forschungsgegenstände wurden vorgegeben und ein Monopol über die Ausbildung, Rekrutierung und den Einsatz der Wissenschaftler wurde beansprucht. Nach Kowalczuk kam Widerstand aus dem Hochschulbereich noch verstärkt bis 1953, danach ebbte er ab. In der finalen Krise des Systems 1989 seien die Universitätsangehörigen nicht nur stumm geblieben, sondern sogar eher als konterrevolutionäre Potenziale wahrgenommen worden.