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26.5.2002 | Von:
Christoph Kleßmann

Der schwierige gesamtdeutsche Umgang mit der DDR-Geschichte

Das Interesse an der DDR-Geschichte ist gewissen Schwankungen unterworfen. Gleichfalls stellt sich die Frage, wie man mit ihr korrekt umgehen solle?

I. Abschnitt

Dass die DDR nach ihrem Ende größere öffentliche Aufmerksamkeit gefunden hat als zu ihren Lebzeiten, ist zu Recht häufig betont worden. Aber das allgemeine Interesse hat ein Jahrzehnt nach der deutschen Vereinigung abgenommen. Die Konjunktur der Beschäftigung mit der DDR-Geschichte verzeichnet einen Abschwung, wenn auch noch keine Rezession. Angesichts einer fast unüberschaubaren Zahl von Publikationen und Forschungsprojekten sind gewisse Ermüdungserscheinungen unübersehbar. Die beiden Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages zur "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur" und zur "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit" haben ein riesiges Material an Zeitzeugenbefragungen und Expertisen zu nahezu allen Bereichen der DDR-Geschichte zu Tage gefördert und damit auch dokumentiert, dass sich die fatale Verzögerung einer intensiven politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur in Westdeutschland nicht wiederholen sollte. In Teilen der ostdeutschen Öffentlichkeit entstand aber zugleich der Eindruck, hier säßen Westdeutsche über die Geschichte der Ostdeutschen zu Gericht. Dieser Eindruck war ohne Zweifel falsch, hatten doch gerade ostdeutsche Bürgerrechtler und Bürgerrechtlerinnen das Zustandekommen der Enquete-Kommissionen wesentlich angestoßen und ihre Schwerpunkte und Debatten geprägt. Dennoch gab es ein verbreitetes Unbehagen und eine nachlassende Resonanz.

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  • Konjunkturen sind aber labile Größen. Die Neubildung des Berliner Senats mit Tolerierung durch die PDS, die gewundenen und halbherzig wirkenden Erklärungen der PDS zum Mauerbau, schließlich das Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts in Sachen Stasi-Akten über Helmut Kohl haben plötzlich wieder die Aufmerksamkeit der Medien gesteigert und der DDR-Geschichte erneut politische Aktualität verliehen. Zwar ist die Geschichte des zweiten deutschen Staates nicht in ähnlicher Weise wie die des "Dritten Reichs" eine "Vergangenheit, die nicht vergehen will", und sie hat auch keinen vergleichbaren Historikerstreit ausgelöst wie den des Jahres 1986. Die inhaltlichen Dimensionen sind zu verschieden. Dennoch bestimmen die Nachwirkungen der SED-Diktatur mental und politisch in erheblichem Ausmaß die Gegenwart. Geschichtswissenschaft und Zeitgeschichte insbesondere waren und sind immer anfällig für politische Instrumentalisierung. Der bereits mit harten Bandagen begonnene Berliner Wahlkampf macht das erneut deutlich. Der 40. Jahrestag des Mauerbaus ist in der früher brutal zerschnittenen Stadt ein Thema, das geradezu politische Konfrontation herausfordert. Der Satz des PDS-Vostandsmitglieds Peter Porsch von der friedenserhaltenden Rolle des Mauerbaus, wie isoliert er auch immer aus einem kritischen Gesamttext zitiert wurde, ist so absurd, dass er keine weitere Diskussion lohnte, schiene dahinter nicht ein Stück vergangener SED-Interpretation auf, deren Wirkung offensichtlich immer noch nicht ganz verschwunden ist. Die PDS-Führung hat das Grenzregime der DDR dann zwar als "inhuman" verurteilt, eine Entschuldigung für den Mauerbau jedoch abgelehnt.

    Entschuldigungen für historische Ereignisse und Vorgänge sind in jüngster Zeit en vogue. Ob sie ein angemessenes Instrument im Umgang mit einer schwierigen Vergangenheit sind, lässt sich durchaus bezweifeln, weil die Gefahr einer Ritualisierung nicht von der Hand zu weisen ist. Andererseits ist nicht zu leugnen, dass etwa die Entschuldigung des Papstes für die Haltung der Katholischen Kirche gegenüber den Juden oder die kürzlich vorgetragene Entschuldigung des Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft (in Anwesenheit von noch lebenden Opfern) für medizinische Experimente der Vorgänger-Institution an Menschen in Osteuropa politisch bedeutsame Gesten sind. Dass sich die PDS jetzt schwer tut, hat aber wohl weniger mit durchaus diskutablen grundsätzlichen Vorbehalten zu tun, sondern eher mit dem Dilemma, das sich bereits bei der Entschuldigung zur Zwangsvereinigung von KPD und SPD 1946 gezeigt hat. Die dezidiert kritische Position der Führung fand nur ein sehr geteiltes Echo bei der Basis der Parteimitglieder und löste im Gegenzug Forderungen nach Entschuldigungen für sozialdemokratisches Verhalten gegenüber Kommunisten in der Weimarer Republik aus. Wie auch immer die Berechtigung solcher Forderungen zu beurteilen ist, die Kette von Entschuldigungen führt schnell in Sackgassen. Vorstandserklärungen können begründete Zweifel daran, dass die PDS in der parlamentarischen Demokratie wirklich angekommen ist, solange nicht ausräumen, wie diese nicht von einer breiten Mehrheit mitgetragen werden. Eben das scheint auch im Hinblick auf das historische Urteil über den Mauerbau der Fall zu sein. Alte Rechtfertigungsstrategien scheinen hier nachzuwirken, auch wenn die groteskeste Form eines Legitimationsversuchs durch die monströse Wortschöpfung vom "antifaschistischen Schutzwall" selbst auf dem äußersten linken Flügel aus dem Verkehr gezogen ist. Ein glaubwürdiger Umgang mit der SED-Vergangenheit muss anders aussehen und breiter ansetzen. Hinweise auf den Kalten Krieg erklären vieles, aber er kann nicht als "Deus ex Machina" konkret benennbare politische Verantwortlichkeiten beiseite schieben.