APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Karl Wilhelm Fricke

Memoiren aus dem Stasi-Milieu

Eingeständnisse, Legenden, Selbstverklärung

In den vergangenen Jahren haben ehemalige Generäle und Offiziere aus dem Staatssicherheitsdienst der DDR ihre Memoiren veröffentlicht. Trotz aller Apologetik und Selbstverklärung gewähren sie durchaus interessante Einblicke.

I. Einleitung

Früher durften sie entweder gar nicht erscheinen oder sie erschienen unter Ausschluss der Öffentlichkeit - die Memoiren der Stasi-Prominenz. Hervorstechendes Beispiel: die Erinnerungen Ernst Wollwebers, der 1957 als Minister für Staatssicherheit abgesetzt wurde. Seine Erinnerungen diktierte er 1964 seiner Frau Erika, drei Jahre vor seinem Tode, die das Manuskript 1974 an Erich Honecker übergab. Der hielt es bis zu seinem Sturz unter Verschluss. Erst nach der friedlichen Revolution in der DDR kamen dank einer Kopie Auszüge an die Öffentlichkeit [1] , aber nun wurden sie kaum mehr beachtet. Wären sie zu Wollwebers Lebzeiten publiziert worden, hätten sie wegen seiner kritischen Äußerungen über Walter Ulbricht für erhebliches Aufsehen gesorgt. Nachgelassene Aufzeichnungen Wilhelm Zaissers, des ersten Chefs im Ministerium für Staatssicherheit (MfS), existieren nicht. Auch Erich Mielke dürfte keine Memoiren hinterlassen haben. Gegenteiliges ist bislang jedenfalls nicht bekannt.

  • PDF-Icon PDF-Version: 58 KB





  • Erinnerungen anderer hoher DDR-Repräsentanten wurden zu Zeiten, als die SED an der Macht war, zwar auch verfasst, aber sie waren nur MfS-intern zugänglich wie etwa die Erinnerungen des einstigen Obersten Richard Stahlmann alias Artur Illner [2] , der übrigens 1950 die Entführung des KPD-Bundestagsabgeordneten Kurt Müller in die DDR organisierte. Auch die von einem anonymen Autor verfasste Biographie von Paul Laufer, letzter Dienstgrad ebenfalls Oberst, gehört in dieses Genre [3] . Da sie über den ehemaligen Führungsoffizier des Kanzleramtsspions Günter Guillaume eine Reihe vielsagender Details speziell über die Ausspähung der SPD und des DGB durch das MfS enthielt, hätte sie sich bei einer Veröffentlichung politisch gegen die DDR verwenden lassen. Das sollte vermieden werden. Entsprechendes gilt auch für die Memoiren von Gustav Szinda, ehedem Generalmajor im MfS, die von Helmut Sakowski niedergeschrieben wurden [4] . Auch er, zuletzt Chef der Staatssicherheit im Bezirk Neubrandenburg, war mehrere Jahre lang im Spionageapparat tätig gewesen. Interne Editionen dieser Art dienten in der Hauptsache der Traditionspflege im MfS und der politischen Selbstverklärung.

    Seit dem Ende der zweiten Diktatur und der Liquidierung des Ministeriums für Staatssicherheit ist derlei Geheimniskrämerei unnötig geworden. In den zwölf Jahren, die seither vergangen sind, haben daher zahlreiche ehemalige MfS-Nomenklaturkader ihre Memoiren und Aufzeichnungen niedergeschrieben, um nach all den Enthüllungen über die Untaten der DDR-Staatssicherheit darzulegen, wie es "wirklich" war.

    Zutreffend ist in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam gemacht worden, dass "dabei eine gewisse Ungleichverteilung zugunsten der Auslandsspionage zu verzeichnen ist, während Angehörige des inneren Repressionsapparates nur ausnahmsweise an die Öffentlichkeit treten" [5] . Au-thentisches aus den konspirativen Aktivitäten der "Aufklärung" ist tatsächlich eher geeignet, Eindruck zu machen, als Schilderungen aus dem düsteren und tristen Überwachungs- und Unterdrückungsalltag der "Abwehr".

    Zu nennen sind vor allem die Erinnerungen dreier ehemaliger Stasi-Generäle, die ungeachtet aller skeptischen Vorbehalte durchaus lesenswert sind, weil sie begrenzte Einblicke in ihre frühere Tätigkeit und ihre heutige Sicht darauf bieten. Zudem geben sie bedingt Auskunft über ihre Lebenswege und Motivation, wenngleich sie durchweg von selbstgerechter Apologetik durchtränkt sind. Den Anfang machte Generaloberst a. D. Markus Wolf (Jahrgang 1923), Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit und Chef der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) bis 1986, der schon 1990 von ihm autorisierte Gespräche [6] veröffentlichen ließ. 1991 legte Wolf ein Buch [7] vor, das gleichsam Vorarbeit zu seinen Erinnerungen [8] leistete, die 1997 auf den Markt kamen. Auf der Woge der Konjunktur ließ er 1998 flugs noch einen Sammelband von Dokumenten, Gesprächen und Interviews [9] folgen, den er nicht einmal selbst herausgegeben hat.

    Zuvor hatte Generalmajor a. D. Josef Schwarz (Jahrgang 1932), letzter Chef der MfS-Bezirksverwaltung Erfurt, als erster Entscheidungsträger aus dem Apparat der "Abwehr" mit Memoiren [10] aufgewartet. Jüngstes Opus dieses Genres sind endlich die Erinnerungen [11] von Generaloberst a. D. Werner Großmann (Jahrgang 1929), Wolfs Nachfolger als Vize-Minister und Chef der HVA, der bis 1990 im Amt gewesen ist.

    Darüber hinaus haben ehemalige Obristen und Oberstleutnants der Staatssicherheit zur Feder gegriffen und mehr oder minder interessant Rückschau auf ihre Tätigkeit gehalten. Im Rahmen dieser Betrachtung können sie getrost vernachlässigt werden [12] . Die Lebensbeschreibungen der drei ehemaligen Generäle genügen, um das Charakteristische und für Stasi-Memoiren Typische sowie die Mentalität ihrer Autoren kenntlich zu machen.

    Gewiss sind die Autoren klug genug, keine allzu offenkundigen Unwahrheiten zu Papier zu bringen. Gleichwohl ist Skepsis geboten. Die Autoren arbeiten nach dem Prinzip der selektiven Wahrheit, das heißt, sie legen längst nicht ihr ganzes Wissen auf den Tisch. Zumeist breiten sie eine zuweilen geradezu simple Mischung aus Halbwahrheit, Legende, Stasi-Verklärung und Selbstrechtfertigung aus. In scheinbar Nebensächlichem flunkern sie gelegentlich auch schon mal.

    Wenn Schwarz zum Beispiel behauptet, der in Dienstanweisungen und Richtlinien des Ministers für Staatssicherheit wiederholt auftauchende Begriff der "Zersetzung" habe "keinesfalls physische oder psychische Zerstörung einer Persönlichkeit" bedeutet, "sondern Auflösung oder Desorganisation einer Gruppe, indem man Personen aus diesen Gruppen zu beeinflussen versucht" [13] , so ist eben dies unzutreffend. Man braucht nicht einmal nachzulesen, was Jürgen Fuchs dazu geschrieben und dokumentiert hat. Es genügt, in die MfS-Richtlinie Nr. 1/76 zur Entwicklung und Bearbeitung Operativer Vorgänge [14] zu schauen, in der als "bewährt" charakterisierte "Formen der Zersetzung" u. a. die "systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes", die "systematische Organisierung beruflicher und gesellschaftlicher Misserfolge", die "Verwendung anonymer und pseudonymer Briefe, Telegramme, Telefonanrufe" sowie "kompromittierender Fotos" und "die gezielte Verbreitung von Gerüchten" [15] ausdrücklich empfohlen werden. Sie wurden in der "politisch-operativen Arbeit" des MfS in der DDR wie im westlichen Operationsgebiet auch gezielt angewandt.

    Solche und ähnliche Versuche, die Ränke und Machenschaften der Staatssicherheit zu beschönigen, zu bagatellisieren oder zu leugnen, machen indes nicht die wesentlichen Aussagen in den Stasi-Memoiren aus. Wichtiger sind ihre Eingeständnisse und Einschätzungen, wobei es Wolf und Großmann im Vergleich zu Schwarz fraglos leichter haben, weil sie nicht ohne selbstgefällige Genugtuung schildern können, wie sie jahrzehntelang in der Spionage gegen den Westen beneidenswert erfolgreich operiert haben. Die Ursachenanalyse ihrer Erfolge, mit denen westliche Nachrichtendienste, zumal der Bundesnachrichtendienst, in der DDR tatsächlich nicht mithalten konnten, bleibt allerdings vordergründig. Auch bedienen Wolf und Großmann von den Fakten unbekümmert das Klischee vom "Kundschafter für den Frieden", der Spionage aus hehrer Überzeugung beging.

    Fußnoten

    1.
    Vgl. Ernst Wollweber, Aus Erinnerungen. Ein Porträt Walter Ulbrichts. Mit einem Kommentar von Wilfriede Otto, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, (1990) 3, S. 350-378.
    2.
    Vgl. Aus dem Leben eines Berufsrevolutionärs. Erinnerungen an Richard Stahlmann, Leipzig 1986.
    3.
    Vgl. Deckname Stabil. Stationen aus dem Leben und Wirken des Kommunisten und Tschekisten Paul Laufer, Leipzig 1988.
    4.
    Vgl. Das Leben eines Revolutionärs. Gustav Szinda erinnert sich - aufgeschrieben von Helmut Sakowski, Leipzig 1989.
    5.
    Jens Gieseke, Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit. Personalstruktur und Lebenswelt 1950-1989/90, Berlin 2000, S. 47.
    6.
    Vgl. Irene Runge/Uwe Stellbrink, "Ich bin kein Spion". Gespräche mit Markus Wolf, Berlin 1990.
    7.
    Vgl. Markus Wolf, In eigenem Auftrag. Bekenntnisse und Einsichten, München 1991.
    8.
    Vgl. ders., Spionagechef im geheimen Krieg. Erinnerungen, München 1997.
    9.
    Vgl. ders., Die Kunst der Verstellung. Dokumente, Gespräche, Interviews, herausgegeben von Günther Drommer, Berlin 1998.
    10.
    Vgl. Josef Schwarz, Bis zum bitteren Ende. 35 Jahre im Dienst des Ministeriums für Staatssicherheit. Eine DDR-Biographie, Schkeuditz 1994.
    11.
    Vgl. Werner Großmann, Bonn im Blick. Die DDR-Aufklärung aus der Sicht ihres letzten Chefs, Berlin 2001.
    12.
    Vgl. Günter Bohnsack/Herbert Brehmer, Auftrag Irreführung. Wie die Stasi Politik im Westen machte, Hamburg 1992; Günter Bohnsack, Hauptverwaltung Aufklärung. Die Legende stirbt. Das Ende von Wolfs Geheimdienst, Berlin 1997; Klaus Eichner/Andreas Dobbert, Headquarters Germany. Die USA-Geheimdienste in Deutschland, Berlin 1997; Hans Eltgen, Ohne Chance. Erinnerungen eines HVA-Offiziers, Berlin 1995; Heinz Günther, Wie Spione gemacht wurden, Berlin o. J. (1990); Heinz Hesse, Ich war beim MfS, Berlin 1997; Peter Richter/Klaus Rösler, Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report, Berlin 1992; Helmut Wagner, Schöne Grüße aus Pullach. Operationen des BND gegen die DDR, Berlin 2000.
    13.
    J. Schwarz (Anm. 10), S. 142.
    14.
    Wortlaut bei Karl Wilhelm Fricke, MfS-intern. Macht, Strukturen, Auflösung der DDR-Staatssicherheit, Köln 1991, S. 93-136.
    15.
    Ebd., S. 126 f.