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26.5.2002 | Von:
Andreas Malycha

Das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik in der SBZ/DDR von 1945 bis 1961

In den Nachkriegsjahren bildete sich im Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft ein stark verändertes Selbstverständnis heraus. Es distanzierte sich vom traditionellen bürgerlichen Wissenschaftsverständnis.

I. Die Aufbau- und Rekonstruktionsphase 1945 bis 1951

In diesem Beitrag sollen speziell die Determinanten und Merkmale des bestimmenden Wissenschaftsverständnisses in der SBZ/DDR erörtert werden [1] . Das meint konkret: Welches Wissenschaftsverständnis war den wissenschaftspolitischen Entscheidungen unterlegt, und welche Wandlungen bzw. Veränderungen sind im Wissenschaftsverständnis der SED-Führung in den Jahren von 1945 bis 1961 nachweisbar? Damit werden grundsätzliche Fragen des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Politik berührt.

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  • 1. Überwiegende Autonomie der Wissenschaften



    In der Aufbau- und Rekonstruktionsphase kann durchaus noch von einem diskursiven Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik gesprochen werden, wenngleich es sich dabei nicht um eine Diskursgemeinschaft von Gleichberechtigten und Chancengleichen handelte. Die Politik trat allenfalls punktuell als direkter Weisungsgeber der Wissenschaft in Erscheinung. Verbindliche normative Vorgaben an die Wissenschaft waren in den ersten Jahren nicht zu erkennen. Formal und auch in weiten Teilen inhaltlich verlief der Wissenschaftsbetrieb in weitgehend traditionellen Bahnen. Nicht nur an den Universitäten und Hochschulen, auch an den Forschungsinstituten der Akademien fand Wissenschaft institutionell in den Jahren bis 1951/52 überwiegend im Rahmen alter Forschungsstrukturen statt. Wissenschaftliche Arbeitsweisen, Tätigkeitsmerkmale und Normen blieben vorerst unangetastet.

    Die wissenschaftspolitischen Lenkungseinrichtungen im politisch-administrativen System (Parteiapparat, Hochschulausschuss, Deutsche Zentralverwaltung für Volksbildung, Deutsche Wirt-schaftskommission, Länderministerien für Volksbildung) versuchten zunächst, Wissenschaft in sich wandelnde gesellschaftspolitische Strukturen (Wirtschaftsplanung, Bildung und Kultur) einzubinden. Die am Anfang zur Verfügung stehenden Instanzen ließen sich lediglich für indirekte Anleitungsmechanismen einsetzen. Für Wissenschafts- und Hochschulpolitik existierte zunächst ein vergleichsweise kleiner bürokratischer Apparat, der sich im Laufe der Zeit allerdings rasch erweiterte.

    Das Fehlen externer Funktionszuweisungen und effektiver politischer Steuerungsinstrumente war vor allem der Tatsache geschuldet, dass die politischen Entscheidungsträger 1945/46 über kein stringentes wissenschaftspolitisches Konzept verfügten. Das politische Verständnis von Wissenschaft pendelte zwischen einer auch ideologisch fundierten Wissenschaftsgläubigkeit und einem eher politisch motivierten Misstrauen gegenüber den Trägern bürgerlicher Wissenschaft [2] . Die maßgebenden wissenschaftspolitischen Aktivitäten fanden an den Universitäten statt. Hier wurden einschneidende wissenschaftspolitische Eingriffe in Forschung und Lehre auf der personellen Ebene vollzogen. Dem Selbstverständnis und der sozialen Organisation tradierter Wissenschaft stand die Parteibürokratie in der ersten Phase weitgehend alternativlos gegenüber.

    Zugleich trat Wissenschaftspolitik als Förderpolitik in Erscheinung: durch materielle Privilegierung von Wissenschaftlern sowie durch finanzielle Unterstützung bzw. Wiedereröffnung und Neugründung wissenschaftlicher Institutionen [3] . Im Rahmen dieser Förderung konnte die Wissenschaftsautonomie weitgehend gesichert werden, während andere Bereiche der Gesellschaft wie Wirtschaft, Verwaltung, Schule und Justiz rigiden Eingriffen unterlagen und konsequent umgestaltet wurden. Das lag u. a. daran, dass der Grad der Institutionalisierung wissenschaftspolitischer Ap-parate niedriger war als der des Wissenschaftssektors. Zudem konzentrierte sich die SED-Führung auf die Etablierung und Sicherung von Macht und die dafür notwendigen Politikbereiche, zu der die Wissenschaft zu dieser Zeit noch nicht gehörte. Für eine "führende Rolle" der Partei gegenüber Wissenschaft und Intellektuellen fehlten die politischen und ideologischen Argumente. Eine Inanspruchnahme der gesellschaftlichen Funktion der Wissenschaften, neues Wissen - Problemlösungen - zu produzieren, gab es (noch) nicht. Die Frage nach der Wissensbedürftigkeit der Gesellschaft begann das Politbüro erst Anfang der sechziger Jahre im Zusammenhang mit den Debatten über die Herausforderungen der Hochindustrialisierung und Technologisierung zu stellen.

    2. Ansätze zu einem marxistischen Wissenschaftsverständnis



    Das Wissenschaftsverständnis der leitenden Funktionäre im Parteiapparat und in den Länderverwaltungen beruhte auf der Überzeugung, mit dem "konsequenten Marxismus" [4] über eine Weltanschauung zu verfügen, die wissenschaftlichen Kriterien standhält und die Voraussetzungen für den Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung bietet. Dabei wurden grundsätzlich zwei voneinander getrennte Bereiche unterschieden. Für den ideologienahen Bereich ging man von einem absolut sicheren, gegen jede Revision zu schützenden Wissensgebäude aus, das auch nicht durch neue Erkenntnisse und Erfahrungen zu erschüttern sei. Hier, und das betraf insbesondere die am Marxismus orientierten Gesellschaftswissenschaften, wa-ren die Grundlagen des Wissens unantastbar. In ideologiefernen Bereichen, vor allem den Naturwissenschaften, hielten führende SED-Politiker das vorhandene Wissen für kritisierbar und offen für Veränderungen auf der Grundlage neuer Erkenntnisse. Das entsprach wissenschaftlicher Normalität, galt jedoch einschränkend nicht für jenen naturwissenschaftlichen Erkenntniszuwachs, der die Grundlinien des politischen Kurses in Frage zu stellen drohte. Dieses zweigeteilte Wissenschaftsverständnis hatte weitreichende Auswirkungen auf die Wissenschaftspolitik der SED [5] .

    Marxismus als Wissenschaft bedeutete in erster Linie, durch die über den dialektischen und historischen Materialismus gewonnenen Erkenntnisse über Einsichten in die Gesetzmäßigkeit historischer Abläufe und damit über ein politisch nutzbares Instrumentarium zur Etablierung des Sozialismus zu verfügen. In den ersten Nachkriegsjahren bezog sich das Verständnis vom Marxismus als eine Wissenschaft, die "richtiges" politisches Handeln ermöglicht, insbesondere auf die politische Programmatik der SED. Vom Primat des Marxismus in der Wissenschaft bzw. von verbindlicher Methodologie war in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre noch nicht die Rede. Erst im Verlaufe der fünfziger Jahre erhob die SED-Führung den Anspruch, selbst die oberste wissenschaftliche Instanz in grundlegenden theoretischen Fragen zu sein, durch Parteibeschlüsse den Marxismus-Leninismus als allein gültige Theorie zu interpretieren.

    Der von SED-Funktionären frühzeitig artikulierte Anspruch, ein gänzlich neues Geschichtsbild zu entwickeln, wurde als eine Möglichkeit gesehen, theoretische Grundlagen der marxistischen Ideologie und Methode zu propagieren und im Theoriegebäude der Wissenschaften einen anerkannten Platz zu verschaffen. In der Geschichtswissenschaft begann exemplarisch die Überprüfung bisheriger Wissensbestände, ihre Aktualisierung und ihre Neuerarbeitung, in erster Linie des Wissens über Geschichtsziele und gesellschaftliche Bewegungsgesetze [6] . Mit einem selektiven Geschichtswissen, das vermeintlich progressive und humanistische Teile des kulturellen Erbes in Deutungsmuster transformierte, sollten politische Entscheidungen legitimiert sowie Werte und Orientierungen vermittelt werden. Mit diesem Konzept wurde die sich bereits 1948 abzeichnende Wende zur Politisierung der Wissenschaft vorbereitet, mit der sich die Absicht verband, Wissenschaft steuerbar zu machen und auf politische und ökonomische Aufgaben auszurichten [7] .

    Im Allgemeinen waren bei den für die Wissenschaft verantwortlichen SED-Führern hinsichtlich der Forschung zunächst noch Spuren eines "bürgerlichen" Wissenschaftsverständnisses sichtbar. Das schloss die pragmatische Duldung einer relativen Autonomie der wissenschaftlichen Forschung und des Pluralismus als Bestandteil wissenschaftlicher Auseinandersetzung ein. Das trifft in erster Linie auf den Bereich der Naturwissenschaften, aber für die ersten Jahre auch auf weite Teile der Gesellschaftswissenschaften zu. Sobald sich aber wissenschaftspolitische Diskussions- und Beratungsgremien zu institutionalisieren begannen - beispielsweise der im Mai 1947 konstituierte "Ausschuss für Hochschulfragen beim Zentralsekretariat der SED" -, wuchs das Risiko bei der Äußerung unorthodoxer Ansichten. Innerparteiliche Repression gegen "Abweichler" in den Reihen von parteigebundenen Wissenschaftlern und politische Indoktrination nahmen seit 1948 deutlich zu.

    Das Verständnis von Wissenschaft, wie es SED-Politiker in der ersten Phase artikulierten, war stets mit wissenschaftspolitischen Absichten gekoppelt. Entsprechend ihrem Führungsanspruch versuchte die SED zunächst über ihre Hochschulgruppen politischen Einfluss an den Universitäten und Hochschulen auszuüben. Das nur längerfristig zu realisierende Vorhaben zielte auf die Schaffung eines akademischen Wissenschaftsbetriebes, der von politisch loyalen bzw. parteigebundenen Professoren beherrscht wird und den Bedürfnissen eines zentral gelenkten Bildungs- und Wissenschaftssystems entspricht. Als erster Schritt hin zu dieser Perspektive galt es zunächst, die Rekrutierung des wissenschaftlichen Nachwuchses politisch und sozial zu steuern. Allerdings scheiterten die anfänglichen Versuche, den traditionellen Weg zur Hochschullehrerkarriere unter politische Kontrolle zu bringen, d. h., die beherrschende Stellung der alten Professorenschaft bei der Auswahl, Ausbildung sowie Prägung von Mentalitäten und Verhaltensnormen der nachwachsenden Generation zu brechen [8] . Bis Anfang der fünfziger Jahre war es der SED-Führung auch nur partiell gelungen, die einstmals relativ autonomen universitären Körperschaften, wie beispielsweise die akademischen Senate und Fakultätsräte, in nachgeordnete Organe der administrativen Hierarchie umzuwandeln. Trotz aller Bemühungen konnte die SED in den ersten Nachkriegsjahren ihren politischen Einfluss auf den Lehrkörper der Universitäten nicht entscheidend ausbauen.

    Es kam den für Wissenschaft verantwortlichen SED-Funktionären zunächst darauf an, der marxistischen Gesellschaftswissenschaft, namentlich dem historischen und dialektischen Materialismus, einen respektablen Platz im ostdeutschen Wissenschaftsbetrieb zu verschaffen. Betrachtet man die dazu von Anton Ackermann und Fred Oelßner zu verschiedenen Anlässen intern und öffentlich gehaltenen Reden und Äußerungen, so zeugen diese von einem hohen Grad von Theoriegläubigkeit und sind von der Überzeugung durchdrungen, dass sich parallel zu den gesellschaftspolitischen Veränderungen und dem politischen Machtwechsel auch das politische Denken bzw. das - wie es hieß - gesellschaftliche Bewusstsein der Wissenschaftler im Sinne des Marxismus und des historischen Materialismus wandeln werde. Dabei spielte die Personalpolitik selbstverständlich eine herausragende Rolle. Man versuchte mit allen verfügbaren politischen Möglichkeiten - und mit vorerst mangelhaftem Erfolg -, marxistische bzw. der SED nahe stehende Gesellschaftswissenschaftler an den Universitäten, Hochschulen und wissenschaftlichen Instituten zu platzieren.

    Die Parteispitze ließ sich in den vierziger Jahren wohl von der Annahme leiten, dass sich auch in den Naturwissenschaften die Marxisten dank ihrer überlegenen Weltanschauung früher oder später durchsetzen würden. Man nahm an, viele Naturwissenschaftler würden sich selbst zu Marxisten wandeln, wenn sie sich nur mit den "Klassikern" des Marxismus befassten. Ackermann vertrat diese Ansicht in einem Vortrag im Oktober 1948 in Leipzig, dem eine gewisse Schlüsselfunktion hinsichtlich des zu dieser Zeit dominierenden Wissenschaftsverständnisses zukommt. Da die "exakte Wissenschaft", so Ackermanns These, auf den Fundamenten des philosophischen Materialismus stehe und auf dieser Basis wissenschaftliche Experimente durchführe, sei der Weg zum dialektischen Materialismus nicht mehr weit. "Aus der Zeit, da Rom das Zentrum der zivilisierten Welt bildete, stammt die Redewendung: Alle Wege führen nach Rom. In unserer Zeit muß es heißen: Alle Wege der Wissenschaft führen zum dialektischen Materialismus." [9]

    Man ging also in den ersten Jahren sehr stark von der Annahme aus, die Ideologie des Marxismus-Leninismus würde sich im Streit der Denkansätze und Theorien durchsetzen. Tatsächlich spielte sich dieser Streit, bei dem die tradierten Regeln des Wissenschaftsbetriebes beachtet werden sollten, niemals in einem pluralen politischen Umfeld ab, sondern war von Anfang an durch normative politische Prämissen begrenzt. Obgleich "bürgerlichen" Wissenschaftlern vorerst weitgehende Autonomie in Forschung und Lehre eingeräumt wurde, gab es von der Politik definierte Bereiche oder gar Disziplinen, die als reaktionär galten und keinen Platz im Lehr- und Wissenschaftsbetrieb der Universitäten zu beanspruchen hatten. Das Fehlen eines politischen Pluralismus in Staat und Gesellschaft musste langfristig Auswirkungen auf alle Teilbereiche der Gesellschaft haben. Auch wenn die politische Durchdringung aller Bereiche nie vollständig gelang und der Ausbau des Herrschafts- und Verwaltungsapparates in den ersten Jahren noch in den Anfängen steckte, führte die Entwicklung in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre nicht zur Ausdifferenzierung in teilautonome Bereiche wie Politik und Wissenschaft, sondern tendenziell zur Entdifferenzierung der Institutionen [10] . Die Möglichkeiten zur Nutzung von Spielräumen zur Selbstorganisation und zum Aufbau informeller Beziehungsnetze, die es in den Wissenschaften nicht nur in den ersten Jahren gegeben hatte, reduzierten sich in dem Maße, wie es Partei und Staat gelang, die Effizienz und Effektivität ihrer bürokratischen Apparate zu erhöhen.

    Der theoretische Grundsatz marxistisch-leninistischer Weltanschauung, dass Politik und Wissenschaft als dialektische Einheit zu verstehen seien, war in dieser Phase weder in den öffentlichen Verlautbarungen noch in internen Richtlinien zu erkennen. Die Frage, in welchem Maße sich Fragestellungen, Themen und Ergebnisse der Wissenschaften an den Bedürfnissen einer neuen gesellschaftspolitischen Ordnung auszurichten hätten, wurde nur ansatzweise diskutiert, so beispielsweise in Beratungsgremien der Deutschen Akademie der Wissenschaften oder auf Hochschulkonferenzen der SED. Die Partei war zunächst auf Leistungen der Wissenschaft aus Forschung, Beratung, Lehre und anderen Anwendungen angewiesen, die auch außerhalb ihrer weltanschaulichen Positionen liegen konnten. Diese Erwartung bestimmte bis Anfang der fünfziger Jahre weitgehend das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik. Das lag nicht in den noch wenig entwickelten theoretischen Ansprüchen, sondern hauptsächlich in den begrenzten praktischen Möglichkeiten zur Planung, Steuerung und Kontrolle von Wissenschaft begründet.

    3. Wandlungen im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik



    Ab 1948 begann sich das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik deutlich zu wandeln. Der nun von der SED offen proklamierte Führungsanspruch betraf auch den Wissenschaftssektor. Nachdem praktische Notlagen anfänglich kognitive Defizite überlagert hatten, begann sich die Politik unter dem Aspekt der Erhöhung der Leistungsfähigkeit der umstrukturierten Wirtschaft stärker für die naturwissenschaftliche und technikorientierte Forschung zu interessieren. Mit der Gründung der DDR standen - im Unterschied zu 1945/46 - staatliche Instrumente zur Steuerung von Wirtschaft und Gesellschaft zur Verfügung, die auch in wissenschaftspolitischer Hinsicht von Bedeutung waren. Die nicht nur intern artikulierte und dann auch realisierte Absicht, Wissenschaft steuerbar zu machen und auf politische und ökonomische Aufgaben auszurichten, markierte eine neue Qualität in der Politik.

    Jetzt erhielten die Gesellschaftswissenschaften einen höheren politischen Stellenwert, der durch bildungspolitische Offensiven noch verstärkt wurde. Waren anfangs noch renommierte nichtmarxistische Gelehrte aktiviert worden, was zunächst ein Ausdruck des Wiederauflebens bildungsbürgerlicher Gelehrtenideale zu sein schien, setzte bald eine weltanschauliche Überprüfung speziell der Philosophen ein, die zur Vertreibung bürgerlicher Geisteswissenschaftler führte. Im Zuge dieser stets auch ideologisch motivierten kulturpolitischen Kampagnen mehrten sich die bewusst inszenierten Verdrängungsaktionen gegen bürgerliche Professoren in den Geisteswissenschaften, die zu Entlassungen und politisch gesteuerten Emeritierungen führten [11] . Die von den Volksbildungsministerien der Länder verfügten Entlassungen schränkten die Arbeitsvertragshoheit der Universitäten ein und stellten somit einen gravierenden Akt in der Beschneidung der Hochschulautonomie dar. Die personellen Verdrängungsprozesse hatten darüber hinaus Auswirkungen auf Form und Inhalt des Lehrbetriebes, insbesondere hatten sie eine Reduzierung der Lehrfreiheit zur Folge. Auf diese Weise verschob sich auch die Gewichtung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, die sich unmittelbar nach dem Krieg noch weitgehend ausgeglichen gestaltetet hatte.

    Die wissenschaftspolitischen Zielsetzungen der SED konnten nur realisiert werden, wenn es gelang, die tradierte Funktionsweise des Hochschulwesens als Mechanismus der Selbstreproduktion des Bildungsbürgertums aufzubrechen. Der 1948/49 proklamierte "Sturm auf die Festung Wissenschaft" setzte allerdings äußerst zögernd ein, denn dem Aufbau einer marxistischen Wissenschaft fehlte das dafür notwendige Personal. Die geringe Zahl von Wissenschaftlern mit Hochschullehrerqualifikation, die der SED angehörten oder ihr nahe standen, machte es kaum möglich, eine personelle Erneuerung des Lehrkörpers in kurzer Frist herbeizuführen. Deshalb wurde der Weg über die soziale und politische Regulierung des Studienzugangs gewählt, um eine "neue Intelligenz" zu schaffen, in der sich ein gewandeltes Verhältnis zu Partei und Staat manifestieren sollte.

    Die hierfür gegründeten Arbeiter- und -Bauern-Fakultäten stellten nicht nur eine bildungspolitische Institution dar, die bewusst die tradierten Strukturen des Bildungssystems durchbrachen [12] . Sie wurden von der Parteiführung vornehmlich auch als ein machtpolitischer Faktor gehandhabt, der zur Heranbildung einer neuen, eng mit der SED verbundenen Führungselite führen sollte. Mit der Einführung des obligatorischen gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudiums im Rahmen der Hochschulreform von 1951 begann eine "ideologische Offensive" vorwiegend in geisteswissenschaftlichen Bereichen, die auf die nachwachsende "neue Intelligenz" zielte. Langfristig hatte die Durchsetzung politischer und sozialer Kriterien und Regeln für die Rekrutierung einer neuen Wissenschaftlergeneration eine Abkehr vom bürgerlichen Ethos der Wissenschaft zur Folge.

    4. Die beginnende Politisierung der Wissenschaften



    Seit Anfang der fünfziger Jahre änderte sich der gesellschaftliche Stellenwert der Wissenschaft, die nun nicht mehr lediglich als Bestandteil der Bildungs- und Kulturpolitik betrachtet wurde. Geisteswissenschaftliche Forschungen sollten in zunehmendem Maße auf die Herausbildung eines "neuen sozialistischen Bewusstseins" gerichtet sein. Dem entsprach auf der kognitiven Ebene, dass die systemischen Kategorien des Marxismus-Leninismus (Macht, Klassenkampf, Produktivkräfte etc.) nicht nur in der Parteipropaganda Anwendung fanden, sondern auch in die wissenschaftliche Debatte eingeführt wurden. Von den Naturwissenschaften erwartete die Parteiführung anders als bislang wissenschaftliche Beratungsleistungen in den drängenden Fragen der Wirtschaftspolitik und -planung. Zugleich fragte sie technisch relevantes Wissen für den Binnen- und Außenmarkt ab [13] . Auf der institutionellen Ebene wurden die wissenschaftspolitischen Apparate immer mehr ausdifferenziert und neue Lenkungseinrichtungen installiert, um die Wissenschaft steuerbar zu machen.

    Es zeichneten sich gravierende Änderungen und Wandlungen im Wissenschaftsverständnis jener Funktionäre ab, die im Parteiapparat und in den Ministerien wissenschaftspolitische Entscheidungen fällten. In dieser Hinsicht bildete eine theoretische Konferenz der SED vom Juni 1951 eine deutliche Zäsur, die unter dem bezeichnenden Thema stand: "Die Bedeutung der Arbeiten des Genossen Stalin ,Über den Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft' für die Entwicklung der Wissenschaften." Erstmals wurde hier die Forderung nach einem marxistischen Wissenschaftsbegriff erhoben und die Rolle der Wissenschaft für den Aufbau des Sozialismus in der DDR neu definiert. Jetzt trat die Ansicht stärker hervor - ohne jedoch das Verständnis von Wissenschaft gänzlich zu dominieren -, dass wissenschaftliche Tätigkeit im eigentlichen Sinne überhaupt nur auf dem Boden des Marxismus-Leninismus denkbar sei. So erklärte Fred Oelßner auf dieser Konferenz apodiktisch: "Der dialektische Materialismus, der von Marx und Engels begründet, von Lenin und Stalin weiterentwickelt wurde, ist die erste und einzige wissenschaftlich begründete Weltanschauung . . . Darum kann wirkliche Wissenschaft nur auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus gedeihen. Je gründlicher die Wissenschaftler dies verstehen, um so besser werden sie die Wissenschaft vorwärts bringen." [14]

    Das richtete sich insbesondere gegen die bürgerlichen Intellektuellen mit nonkonformen Lehrmeinungen an den Hochschulen, die im Rahmen der bislang betriebenen Intelligenzpolitik mit ihren Fachkenntnissen in den gesellschaftlichen Aufbau integriert werden sollten. Unter Aufkündigung bisher geltender bündnispolitischer Arrangements sollte das gesellschaftskritische und alternative Potenzial der bürgerlichen Wissenschaftler jetzt nicht nur begrenzt und beschränkt, sondern weitgehend ausgeschaltet werden. Zum Kriterium für die Beurteilung der Intellektuellen machte die SED zwar schon von Anfang an vorrangig die politische Gesinnung, nunmehr aber nicht allein politische Loyalität, sondern politisches Bekenntnis.

    Mit der zwischen 1949 und 1951 inszenierten Kampagne gegen den "bürgerlichen Objektivismus und Kosmopolitismus" an den Universitäten verstärkten sich die Bemühungen, weltanschauliche Fragen zur Grundlage der Berufungspolitik in geisteswissenschaftlichen Disziplinen zu machen. In der Folge verstärkter politischer Indoktrination, die auch die naturwissenschaftlichen und medizinischen Fakultäten zu spüren bekamen, nahm die Abwanderung zahlreicher Wissenschaftler deutlich zu, die wiederum durch Maßnahmen zur materiellen Besserstellung eingedämmt werden sollte.

    Fußnoten

    1.
    Der vorliegende Beitrag ist Bestandteil eines von Clemens Burrichter betreuten Projektes zum Thema: "Produktivkraft Wissenschaft" - Eine dokumentierte Geschichte des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik in der SBZ/DDR 1945-1961.
    2.
    Vgl. Eckart Förtsch, Wissenschafts- und Technologiepolitik in der DDR, in: Dieter Hoffmann/Kristie Macrakis (Hrsg.), Naturwissenschaft und Technik in der DDR, Berlin 1997, S. 17-33.
    3.
    Vgl. Mitchell G. Ash, Wissenschaft, Politik und Modernität in der DDR - Ansätze zu einer Neubetrachtung, in: Karin Weisemann/Peter Kröner/Richard Toellner (Hrsg.), Wissenschaft und Politik - Genetik und Humangenetik in der DDR (1949-1989), Münster 1997, S. 1-25.
    4.
    Mit der damals gebräuchlichen Formulierung vom "konsequenten Marxismus" verbanden die Kommunisten in der SED eine taktisch motivierte Umschreibung des "Marxismus-Leninismus", da dieser Begriff den Sozialdemokraten im April 1946 noch nicht zugemutet werden konnte.
    5.
    Vgl. Hubert Laitko, Wissenschaftspolitik, in: Andreas Herbst/Gerd-Rüdiger Stephan/Jürgen Winkler (Hrsg.), Die SED. Geschichte-Organisation-Politik. Ein Handbuch, Berlin 1997, S. 405-420.
    6.
    Vgl. Alexander Fischer/Günther Heydemann, Geschichtswissenschaft in der DDR, Band I: Historische Entwicklung, Theoriediskussion und Geschichtsdidaktik, Berlin 1988.
    7.
    Vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk, Legitimation eines neuen Staates. Parteiarbeiter an der historischen Front. Geschichtswissenschaft in der SBZ/DDR 1945 bis 1961, Berlin 1997; Georg G. Iggers/Konrad H. Jarausch/Matthias Middell/Martin Sabrow (Hrsg.), Die DDR-Geschichtswissenschaft als Forschungsproblem, München 1998.
    8.
    Vgl. Ralph Jessen, Akademische Elite und kommunistische Diktatur. Die ostdeutsche Hochschullehrerschaft in der Ulbricht-Ära, Göttingen 1999, S. 130.
    9.
    Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO BArch), Nachlass Anton Ackermann, NY 4109/23.
    10.
    Vgl. Jürgen Kocka, Wissenschaft und Politik in der DDR, in: ders./Renate Mayntz (Hrsg.), Wissenschaft und Wiedervereinigung. Disziplinen im Umbruch. Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Wissenschaften und Wiedervereinigung, Berlin 1998, S. 437.
    11.
    Vgl. Marianne Müller/Egon Erwin Müller, ". . . stürmt die Festung Wissenschaft!". Die Sowjetisierung der mitteldeutschen Universitäten seit 1945, (1954), Reprint Berlin 1994; Waldemar Krönig/Klaus-Dieter Müller, Anpassung, Widerstand und Verfolgung. Hochschule und Studenten in der SBZ und DDR 1945-1961, Köln 1994.
    12.
    Vgl. Michael C. Schneider, Bildung für neue Eliten. Die Gründung der Arbeiter- und -Bauern-Fakultäten in der SBZ/DDR, hrsg. vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, Dresden 1997.
    13.
    Vgl. E. Förtsch (Anm. 2), S. 21.
    14.
    SAPMO BArch, Nachlaß Fred Oelßner, NY 4215/42.