APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Ilko-Sascha Kowalczuk

Von der Volkserhebung zum Mauerbau

Reaktionen von Hochschulangehörigen auf die Ereignisse in der DDR in den Jahren 1953,1956 und 1961

Direkt nach Kriegsende begann die SED, die Universitäten und Hochschulen in der SBZ umzugestalten. Ziel war es, mit Hilfe der Hochschulen eine "sozialistische Intelligenz" heranzubilden.

Einleitung

Die Zeitgenossen haben das Jahr 1945 als eine "Stunde null" empfunden, eine wirkliche "Stunde null" hat es aber nicht gegeben. Die globale Systemauseinandersetzung führte in Deutschland schnell zu unterschiedlichsten Kontinuitäten in den einzelnen Besatzungszonen. Kontinuitätsbrüche standen neben Kontinuitätslinien. Eine Grundfrage war dabei der Umgang mit den alten Eliten und Funktionsträgern. Dieses Problem verschärfte sich in der SBZ noch dadurch, dass von Anfang an die sowjetische Besatzungsmacht und ihre deutschen Helfer strategisch und taktisch darauf orientiert waren, ein neues Gesellschaftsmodell zu errichten, das an die Sowjetunion angelehnt und den politischen Folgerungen aus der marxistisch-leninistischen Dogmenlehre verpflichtet war. Dieses als mittelfristig in den Blick genommene Ziel implizierte eine soziale und politische Revolutionierung der Gesellschaft. Dazu zählten die Ausbildung und Heranbildung neuer Führungskräfte für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

  • PDF-Icon PDF-Version: 68 KB

  • Allgemein gingen die Kommunisten nach 1945 davon aus, dass die Intelligenz als "soziale Schicht" bislang in der deutschen Geschichte den Interessen des Kapitals und der kapitalistischen Herrschaftselite verpflichtet gewesen wäre, sodass sie für die neuen Aufgaben - entsprechend den sowjetischen Erfahrungen - nur bedingt brauchbar sei. Deshalb käme es darauf an, Mittel und Wege zu finden, um einerseits eine neue Intelligenz zu rekrutieren und andererseits die alte Intelligenz, wenn möglich, "zu nutzen" oder, wenn nicht möglich, auszuschalten. Das Hauptziel bestand darin, eine "sozialistische Intelligenz" heranzubilden. Etwa fünfzehn Jahre später, ein für die soziale und politische Revolutionierung einer ganzen Gesellschaft kurzer Zeitraum, waren sich die herrschenden Kommunisten in der DDR weitgehend einig, dass die "sozialistische" Intelligenz in der DDR überwiege und nur noch Rudimente der alten Intelligenz existierten [1] .

    Um dieses Ziel zu erreichen, reformierten die Kommunisten in der SBZ/DDR das gesamte Hochschulwesen einschneidend. Dazu zählten u. a. die Nutzbarmachung der Entnazifizierung für eine weiter gehende Säuberung des Lehrkörpers; die Veränderung der rechtlichen Rahmenbedingungen des Hochschulwesens; die Gründung neuer Hochschulen (Ideologie-"Hochschulen", Spezialhochschulen), die Implementierung neuer Struktureinheiten an den bestehenden Universitäten (Arbeiter- und Bauern-Fakultäten [ABF], Gesellschaftswissenschaftliche und Pädagogische Fakultäten); die Veränderung des gesamten Studienablaufs und die Einführung obligatorischer Politschulungen (gesellschaftswissenschaftliches Grundstudium, Russisch-Unterricht); die Schließung von nichtgenehmen oder -erforderlichen Instituten und die Neueröffnung als notwendig erachteter Institute; die Etablierung der SED als Machtzentrum an den Universitäten und Hochschulen. Daneben wurden die Zulassungsbedingungen für Studierende entscheidend verändert, um vor allem Männer und Frauen aus bisher benachteiligten sozialen Schichten zuzulassen. Dies gelang allerdings nur in den Jahren bis etwa Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre, ehe dann wieder eine Selbstrekrutierung der Intelligenz einsetzte. Ebenso gelang es nicht, die Geschlechterzusammensetzung innerhalb der Studentenschaft oder gar in der Hochschullehrerschaft zu verändern.

    Ihre Hochschulpolitik und ihre gesellschaftspolitischen Ziele versuchte die SED mittels "Zuckerbrot" und "Peitsche" durchzusetzen. Die Intelligenz in der DDR einschließlich der Studenten konnte eine gravierende soziale Besserstellung gegenüber den anderen Bevölkerungsteilen nutzen. Die Gehälter, die teilweise ins Exorbitante stiegen, die Sozialleistungen, die Wohn- und allgemeinen Lebensverhältnisse und die Urlaubsmöglichkeiten versüßten der Intelligenz bis zum Mauerbau das Leben in der DDR. Zugleich sollte sie dadurch kompromittiert und zum Dienen am Kommunismus ermuntert werden. Um dies zu erzielen, wurde zugleich der gesamte Hochschulalltag einem rigiden Ideologisierungsprozess unterworfen, dessen krasseste Form die Militarisierung der Hochschulen darstellte.

    Gegen diese Anmaßungen wehrten sich stets Hochschullehrer und Studenten. Der Protest reichte von gesellschaftlicher Verweigerung über soziales Aufbegehren bis hin zu tausendfachem politischem Widerstand und gelegentlichen Massenprotesten [2] . Hinzu kam die massenhafte Abwanderung nach Westdeutschland. Allein zwischen 1949 und 1961 flüchteten etwa 15 000 Studenten, 2 500 Hochschullehrer und wissenschaftliche Assistenten, 40 000 Lehrer, 6 000 Ärzte, Zahnärzte und Veterinäre und mehrere zehntausend andere Angehörige der Intelligenz, zumeist der technischen Intelligenz, aus der DDR. Außerdem verließen etwa fünf bis zehn Prozent der Abiturienten eines jeweiligen Jahrganges die DDR.

    War es der SED aber nun ungeachtet der politischen, strukturellen und personellen Veränderungen gelungen, die Hochschulen auch von innen zu erobern? Wie verhielt sich die Masse der Studierenden und der Hochschullehrer gegenüber dem SED-Staat? Um auf diese Fragen Antworten geben zu können, wird im Folgenden das Verhalten der Hochschullehrer und der Studierenden in einigen Krisen des DDR-Kommunismus (1953, 1956, 1961) analysiert. Dieser vergleichenden Betrachtung liegt die Annahme zugrunde, dass sich das Verhalten von sozialen Gruppen in einer Spannungssituation, zumal in einer Diktatur, am ehesten als Indikator und Gradmesser für die Stellung zur Gesellschaft und zum Staat eignet. Ein hohes Maß an Loyalität in einer Krisensituation deutet demzufolge darauf hin, dass die Distanz zum Staat relativ gering ist, während ein Aufbegehren, und sei es nur ein bloßes widerständiges Mittun, mindestens eine innere Distanz offenbart.

    Fußnoten

    1.
    Protokoll der Verhandlungen des V. Parteitages der SED vom 10. bis 16. Juli 1958, Berlin 1959, Bd. 1, S. 152.
    2.
    Vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk, Intelligenz in der kommunistischen Diktatur. Hochschulwesen und Intelligenzrekrutierung in der SBZ/DDR 1945 bis 1961, Berlin (i. Dr.).