Unruhige See vor Korsika

15.12.2017 | Von:
Johanna Kramm
Carolin Völker

Plastikmüll im Meer: Zur Entdeckung eines Umweltproblems

Vom Hilfsmittel zum Forschungsgegenstand

Anfangs noch nicht als großes Problem wahrgenommen, wurden die Plastikobjekte im Meer in den darauffolgenden Jahrzehnten auch nicht als Forschungsgegenstand angesehen. Vielmehr gewannen sie zunächst als wichtiges Instrument in der Ozeanografie an Bedeutung. Die Wissenschaft machte sich die Objekte als "Schwimmer" zunutze: Turnschuhe und Badeenten aus verlorenen Schiffscontainern halfen US-amerikanischen Ozeanografen in den 1990er Jahren, ihre Modelle für Meeresströmungen und Ozeanzirkulationen abzugleichen.[9] Interessanterweise konnten die Forscher anhand der so erstellten Meeresstrommodelle eine Akkumulationszone voraussagen, in der Gegenstände und Müll aufgrund der Strömungen für Jahrzehnte zirkulieren würden. Diese Zone im Nordpazifik, die heute auch als "Müllstrudel" oder im Englischen als "garbage patch" bezeichnet wird, existierte also bereits vor ihrer Entdeckung als eine theoretische Annahme.[10]

Während die Ozeanografen die Plastikgegenstände für ihre Modellierungen nutzten, war ein japanischer Wissenschaftler an einem anderen Aspekt von Plastik in der Umwelt interessiert. Der japanische Chemiker Hideshige Takada arbeitete in den 1990er Jahren zu sogenannten persistenten organischen Schadstoffen (persistent organic pollutants, POPs). Zu ihnen zählen das Pestizid DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan) oder auch PCB (polychlorierte Biphenyle), die lange als Weichmacher in Kunststoffen oder Lacken dienten.[11] Aufgrund ihrer Langlebigkeit sind die – wie man mittlerweile weiß: krebserregenden und teilweise hormonell wirksamen – Stoffe inzwischen weltweit nachweisbar. Eine Kollegin machte Takada auf Plastikgranulate aufmerksam, die sie am Strand gefunden hatte. Da Kunststoffe und POPs wasserabweisend sind, lag die Vermutung nahe, dass sich Schadstoffe an Kunststoffen ansammeln. Und in der Tat enthielt das Granulat, das Takada nun untersuchte, eine große Menge an POPs.[12]

Inspiriert von den Ergebnissen gründete Takada das Netzwerk International Pellet Watch,[13] dem aus aller Welt gefundenes Granulat zur Analyse geschickt werden konnte. Zunächst war Takada vor allem daran interessiert, die Verbreitung von Schadstoffen zu kartieren und damit ein globales Monitoringsystem aufzubauen. Das Kunststoffgranulat an sich sah er dabei gar nicht als Schadstoff an. Erst im Zuge der Auseinandersetzung mit einer kritisch fragenden Öffentlichkeit entschied sich Takada, dass das Pellet-Watch-Projekt auch Kunststoff als einen möglichen Schadstoff berücksichtigen sollte.[14] Dies fiel in die Zeit, in der sich das Verständnis des Materials Kunststoff zu ändern begann: Anfangs als ein homogener, integrer Stoff angesehen, zeigte sich allmählich, dass die Bestandteile von Kunststoffen nicht für immer in ihnen gebunden bleiben. Neben der Polymerart sind Kunststoffe mit weiteren Chemikalien wie Weichmachern, Flammschutzmitteln und Farbstoffen versetzt, die "migrieren" können.[15] Das einst sehr positive Image der Kunststoffe begann sich nun zu wandeln.

Es bedurfte aber noch eines weiteren Ereignisses, bis sich das Problemverständnis von Grund auf änderte – der Entdeckung des Müllstrudels auf dem Pazifik durch den Ozeanografen und Kapitän Charles Moore. Auf dem Rückweg von einer Regatta in Hawaii durchfuhr Moore 1997 zufällig die vorausgesagte Akkumulationszone und beobachtete viele schwimmende Plastikobjekte. Dieses Erlebnis markierte einen Wendepunkt für ihn und seine Arbeit: Moore gründete die Nichtregierungsorganisation Algalita und begann, Artikel über das Thema zu veröffentlichen. Viele Wissenschaftler zeigten sich zunächst skeptisch gegenüber seiner Arbeit.[16] Dennoch gelang es Moore mit dem Bild des Müllteppichs inmitten des Ozeans, den Medien auch als "Insel des Mülls" oder "achten Kontinent" bezeichneten,[17] in der Öffentlichkeit ein Problem zu umreißen, das bald von weiteren Wissenschaftlern aufgegriffen wurde.

Fußnoten

9.
Vgl. James Ingraham, Getting to Know OSCURS, REFM’s Ocean Surface Current Simulator, in: Alaska Fisheries Science Center, Quarterly Report 2/1997, S. 1–14; Curtis Ebbesmeyer/Eric Scigliano, Flotsametrics and the Floating World: How One Man’s Obsession with Runaway Sneakers and Rubber Ducks Revolutionized Ocean Science, New York 2010; De Wolff (Anm. 8), S. 46.
10.
Vgl. Ingraham (Anm. 9); Robert Day/David Shaw, Patterns in the Abundance of Pelagic Plastic and Tar in the North Pacific Ocean, 1976–1985, in: Marine Pollution Bulletin 18/1987, S. 311–316; De Wolff (Anm. 8), S. 47.
11.
POPs zeichnen sich durch Anreicherung im Gewebe (Bioakkumulation), Langlebigkeit (Persistenz) und Giftigkeit (Toxizität) aus. Sie sind seit 2001 verboten.
12.
Vgl. De Wolff (Anm. 8), S. 52.
13.
Siehe http://www.pelletwatch.org«.
14.
Vgl. De Wolff (Anm. 8), S. 55.
15.
Vgl. Martin Wagner/Jörg Oehlmann, Endocrine Disruptors in Bottled Mineral Water: Total Estrogenic Burden and Migration from Plastic Bottles, in: Environmental Science and Pollution Research 16/2009, S. 278–286.
16.
Vgl. De Wolff (Anm. 8), S. 56f.
17.
Vgl. Lindsey Hoshaw, Afloat in the Ocean, Expanding Islands of Trash, 9.11.2009, http://www.nytimes.com/2009/11/10/science/10patch.html«; Bryan Walsh, The Truth About Plastic, 10.7.2008, http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,1821664,00.html«.
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