Unruhige See vor Korsika

15.12.2017 | Von:
Johanna Kramm
Carolin Völker

Plastikmüll im Meer: Zur Entdeckung eines Umweltproblems

Mikroplastik: Risiken und Ängste

Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass es sich bei dem Plastikteppich nicht um eine Ansammlung größerer Objekte handelte, sondern eher um eine Konzentration unzähliger kleinerer Plastikteilchen in der gesamten Wassersäule, also von der Oberfläche bis zum Grund. 2004 bezeichnete ein Team um den britischen Meeresbiologen Richard Thompson diese Partikel in einem Artikel für "Science" erstmals als "Mikroplastik".[18] Angesichts der steigenden Plastikproduktion und der Langlebigkeit des Materials hielten die Autorinnen und Autoren ein wachsendes Ausmaß der Verschmutzung für sicher. Zugleich wiesen sie auf Unklarheiten in Bezug auf mögliche Umweltauswirkungen hin, etwa ob toxische Substanzen von Plastik in die Nahrungsmittelkette gelangen können.

Seither ist die Zahl der Studien zum Vorkommen und zu den Auswirkungen von Mikroplastik exponentiell gestiegen.[19] Mikroplastik wurde in immer mehr Ökosystemen entdeckt, seien es Tiefseesedimente oder Binnengewässer.[20] Die Frage aber, ob Mikroplastik tatsächlich ein (öko)toxikologisches Risiko für die Umwelt ist, kann auch 13 Jahre nach dem Erscheinen des Artikels von Thompson et al. nicht abschließend beantwortet werden. Unabhängig davon wird Mikroplastik in der breiten Öffentlichkeit als Gesundheitsrisiko und umweltschädlich wahrgenommen.[21]

Dies wird auch bedingt durch wissenschaftliche Studien, in denen mögliche Risiken dikutiert werden.[22] In der öffentlichen Darstellung wird die Verschmutzung durch Plastikmüll dann oft mit potenziellen negativen Wirkungen gleichgesetzt, ohne dabei Wirkschwellen (Konzentration, ab der eine Substanz eine Wirkung zeigt) und umweltrelevante Expositionskonzentrationen (Konzentration, der ein Organismus in der Umwelt ausgesetzt ist) zu berücksichtigen. Tatsächlich wurden negative Effekte im Labor erst bei Konzentrationen nachgewiesen, die um ein Vielfaches höher liegen, als Mikroplastik in der Umwelt vorkommt.[23] Die einzige Studie, die negative Effekte im umweltrelevanten Bereich auf Fische nachweisen konnte und 2016 ebenfalls in "Science" erschien, wurde wegen Täuschungsverdachts und wissenschaftlich unsauberer Arbeitsweise inzwischen wieder zurückgezogen.[24]

Dass Mikroplastik letztendlich auch vom Menschen aufgenommen werden kann, scheint auf den ersten Blick plausibel: Zooplankton nimmt Mikroplastik auf, wird von Fischen gefressen, die wiederum von Menschen verzehrt werden. Wissenschaftlich betrachtet bietet diese Darstellung jedoch auch Unsicherheiten. So scheiden Organismen Mikroplastik auch wieder aus, und der Magen des Fisches, in dem sich das Mikroplastik befindet, wird in den meisten Fällen nicht verzehrt (ausgenommen Muscheln und Krustentiere).[25] Grundsätzlich wird durch die starke Fixierung auf Mikroplastik ausgeblendet, dass Organismen in der Umwelt auch vielen natürlichen Partikeln oder anderen Substanzen ausgesetzt sind, die ähnliche Effekte haben können.

Hier spielt auch die mediale Vermittlung eine Rolle. Nachrichtenmeldungen etwa, in denen über Mikroplastik in Bier und Trinkwasser berichtet wird, ohne ausreichend zu erörtern, dass die zugrundeliegenden Studien umstritten sind und keinerlei Hinweise auf gesundheitliche Auswirkungen bieten,[26] können überhöhte Risikowahrnehmungen befördern. Dass Mikroplastik unsere Lebensmittel bereits verunreinige, legen auch überspitzte Bildmontagen von Umweltorganisationen nahe. Mediale Aufmerksamkeit erregten ebenfalls Veröffentlichungen einiger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den USA, die den dortigen politischen Kampf um das Verbot von Mikroplastik in Kosmetika begleiteten. Vor allem die anschauliche Hochrechnung, dass die USA über Kläranlagen täglich Mikroplastik in solchen Mengen in die Umwelt emittierten, dass damit mehr als 300 Tennisplätze abgedeckt werden könnten,[27] sorgte für einen Aufschrei. Ob die öffentliche Empörung ohne den bildstarken Vergleich genauso groß gewesen wäre, ist fraglich: Denn ohne Hochrechnung liegen die Werte bei 0,1 Partikeln pro Liter behandeltem Abwasser. Für das dortige Verbot von Mikroplastik in Kosmetika reichte schließlich die bloße Darstellung, dass Plastikpartikelchen aus den Kosmetikprodukten in die Umwelt gelangten. (Öko)toxikologische Nachweise waren dafür nicht erforderlich – anders als es sonst für Chemikalien der Fall ist.

All dies führt dazu, dass immer mehr Menschen Mikroplastik als Gefahr betrachten und das Thema mit Ängsten besetzt ist – ungeachtet der Tatsache, dass eine abschließende Risikobewertung durch die Wissenschaft noch aussteht. Für die wissenschaftliche Risikokommunikation ist diese Sachlage eine große Herausforderung: Auf der einen Seite soll die Bevölkerung nicht unbegründet über mögliche Gesundheitsschäden in Besorgnis versetzt und sollte Mikroplastik im Wasser nicht per se als toxisch angesehen werden. Auf der anderen Seite aber darf das Thema (Mikro-)Plastik in der Umwelt keinesfalls verharmlost werden. Vielmehr gilt es in den Blick zu nehmen, dass der langfristig hohe Konsum von Plastikprodukten zu einer immer größeren Akkumulation in der Umwelt führt, was so oder so einen gravierenden Eingriff in die Ökosysteme bedeutet.

Fußnoten

18.
Vgl. Richard Thompson et al., Lost at Sea: Where is All the Plastic?, in: Science 5672/2004, S. 838.
19.
Vgl. Johanna Kramm/Carolin Völker, Understanding the Risks of Microplastics. A Social-Ecological Risk Perspective, in: Martin Wagner/Scott Lambert (Hrsg.), Freshwater Microplastics: Emerging Environmental Contaminants?, Cham 2018.
20.
Vgl. Lisbeth van Cauwenberghe et al., Microplastic Pollution in Deep-Sea Sediments, in: Environmental Pollution 182/2013, S. 495–499; Thomas Mani et al., Profile Along the Rhine River, in: Scientific Reports 5/2015.
21.
Vgl. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), BfR Consumer Monitor 2/2016; Kramm/Völker (Anm. 19).
22.
Vgl. Albert Koelmans et al., Risks of Plastic Debris: Unravelling Fact, Opinion, Perception, and Belief, in: Environmental Science and Technology 51/2017, S. 11513–11519.
23.
Vgl. ebd.
24.
Vgl. Martin Enserink, Paper About How Microplastics Harm Fish Should Be Retracted Report Says, 28.4.2017, http://www.sciencemag.org/news/2017/04/paper-about-how-microplastics-harm-fish-should-be-retracted-report-says«.
25.
Vgl. Koelmans et al. (Anm. 22).
26.
Vgl. etwa Heike Dittmers, Mikroplastik in Mineralwasser und Bier, 2.6.2014, http://www.ndr.de/mikroplastik134.html«.
27.
Rochman et al. gingen von acht Billionen Partikeln pro Tag aus. Später wurde diese Zahl auf acht Milliarden korrigiert und der Tennisplatzvergleich durch eine siebenmalige Erdumrundung ersetzt. Vgl. Chelsea Rochman et al., Scientific Evidence Supports a Ban on Microbeads, in: Environmental Science and Technology 18/2015, S. 10759ff.; dies., Correction to Scientific Evidence Supports a Ban on Microbeads, in: Environmental Science and Technology 24/2015, S. 14740.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Johanna Kramm, Carolin Völker für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.