Unruhige See vor Korsika

15.12.2017 | Von:
Johanna Kramm
Carolin Völker

Plastikmüll im Meer: Zur Entdeckung eines Umweltproblems

Verschmutzungspotenzial der Weltmeere durch PlastikVerschmutzungspotenzial der Weltmeere durch Plastik (© bpb)

Alle Augen auf Asien?

Um das Plastikmüllproblem nachhaltig zu bearbeiten, sollten neben der Risikobewertung die Ursachen der Meeresverschmutzung genauer betrachtet werden. Schätzungen zufolge stammen nur 20 Prozent des Mülls in den Meeren aus der Fischerei und der Seefahrt und 80 Prozent aus Quellen an Land. Der Plastikmüll gelangt durch unsachgemäße Entsorgung, unzureichend gemanagte Deponien, fehlendes Abfall- oder Abwassermanagement, aber auch durch Tourismus sowie über Flüsse, Niederschlagswasser und Wind in die Ozeane.[28]

Welche Länder sind für den Eintrag ins Meer hauptsächlich verantwortlich? Einer Studie der Umweltwissenschaftlerin Jenna Jambeck et al. zufolge wurden allein 2010 rund 30 Millionen Tonnen Plastikmüll unsachgemäß entsorgt und davon geschätzte fünf bis 13 Millionen Tonnen Plastikmüll vom Land in die Weltmeere eingetragen, mit Asien als Region mit den höchsten Eintragszahlen.[29] Dies ist wenig überraschend, da Asien auch den größten Anteil an der globalen Plastikproduktion aufweist. Viele asiatische Schwellenländer wie Vietnam und Thailand zeichnen sich durch ein hohes Wirtschaftswachstum und das Herausbilden konsumstarker Bevölkerungsschichten aus. Damit geht eine höhere Nachfrage nach Plastikprodukten einher.[30] Wachsende Produktion und zunehmender Konsum stehen dabei oft einem unzureichenden Abfall- und Abwassermanagement gegenüber.[31] Der Diagnose durch die Studie folgte umgehend die Kritik: Durch den Fokus auf Asien sei eine Verlagerung der Verantwortung und eine Ablenkung von der Abfallsituation und der Ressourcennutzung in westlichen Ländern zu befürchten, denn hier sei die produzierte Abfallmenge pro Kopf viel höher als in vielen asiatischen Ländern.[32] Zwar sei es naheliegend, aus der Studie den Schluss zu ziehen, die Verantwortung für den Plastikmüll im Meer vor allem in Asien zu suchen und als Lösung den Aufbau der dortigen Abfallinfrastruktur zu propagieren. Dies allein würde jedoch die internationalen Zusammenhänge und globalen Warenströme außer Acht lassen.

Tatsächlich verschärfen westliche Staaten das Problem zusätzlich, da sie große Mengen an Plastikabfall nach Asien exportieren, vor allem nach China.[33] Dort wird es meist in klein- und mittelständischen Unternehmen recycelt, was wiederum eine Quelle für Einträge von Plastikgranulat ins Abwasser ist.[34] Zudem wird noch immer ein Großteil der Plastikverpackungen in Europa und den USA produziert. Die meisten global agierenden Unternehmen, die darüber entscheiden, wie die Verpackungen ihrer Produkte beschaffen sind, haben ihren Hauptsitz in Europa und den USA.[35] Und Kunststoffverpackungen, vor allem von Konsumgütern, machen den größten Teil des gesamten Plastikmülls aus. Im Sinne ihrer Verantwortung für das Produkt- und Materialdesign sollten diese global agierenden Unternehmen eine führende Rolle bei der Suche nach Lösungen übernehmen und technologische Innovationen zur Trennung und Wiederverarbeitung von Kunststoffen vorantreiben.

Die hier skizzierten Ansatzpunkte könnten und sollten unter dem Begriff der "erweiterten Produktverantwortung" diskutiert werden. Darin kommt zum Ausdruck, dass auch jene Unternehmen, die die Ware in Umlauf bringen, eine Verantwortung für das Produkt und seine Auswirkungen auf die Umwelt tragen. Als positiv kann bewertet werden, dass eine solche Produktverantwortung zunehmend in internationalen Abkommen thematisiert wird und auch im G20-Aktionsplan zur Meeresvermüllung von 2017 eine zentrale Stellung einnimmt.

Fazit

Um das Hyperobjekt "Plastiksuppe" zu begreifen, helfen neben wissenschaftlichen Instrumenten wie Wasserbeprobungen mit Hilfe von Netzen auch Modelle, Hochrechnungen, Metaphern und eindrucksvolle Bilder von vermüllten Stränden unbewohnter Archipele im Pazifik. Der Plastikstrudel im Südpazifik hält der Konsum- und Wegwerfgesellschaft den Spiegel vor. Die medial verbreiteten Bilder von in Plastik gefangenen Schildkröten oder Robben lösen eine direkte Betroffenheit aus und veranschaulichen die globalen ökologischen Konsequenzen unserer Konsumgewohnheiten.

Auch wenn wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt ist, ob und wie schädlich Mikroplastik in der Umwelt für Wasserorganismen und letztendlich für den Menschen ist, gibt es ausreichend Argumente, etwas gegen die zunehmende Vermüllung der Umwelt und insbesondere der Ozeane zu tun – sei es aus ästhetischen, moralischen, ökonomischen oder anderen Gründen. Dies sollte jedoch nicht dazu führen, dass Dinge in Vergessenheit geraten, die im Gegensatz zu Mikroplastik nachgewiesenermaßen negative Effekte auf aquatische Organismen haben, wie zum Beispiel die Belastungen durch Schwermetalle, organische Stoffe, Nitrat, Überfischung oder den Klimawandel. Die Bekämpfung des Meeresmülls kann auch als eine Chance begriffen werden, bestimmte gesellschaftliche Strukturen umzugestalten. Dazu gehört das Abfallmanagement genauso wie eine Bewusstseinsbildung der Produzenten und Konsumenten für die Folgen ihrer Produktionsweisen und ihres Konsumverhaltens.

Fußnoten

28.
Vgl. UNEP (Anm. 1).
29.
Vgl. Jenna Jambeck et al., Plastic Waste Inputs from Land into the Ocean, in: Science 6223/2015, S. 768–771.
30.
Vgl. Stefan Giljum/Franz Stephan Lutter, Globaler Ressourcenkonsum: Die Welt auf dem Weg in eine "Green Economy"?, in: Geographische Rundschau 5/2015, S. 10–15.
31.
Vgl. McKinsey/Ocean Conservancy, Stemming the Tide: Land-based Strategies for a Plastic-free Ocean, o.O. 2015.
32.
Ein Beispiel zum Vergleich: In Deutschland beträgt die produzierte Abfallmenge etwa 1,6 Kilogramm pro Person und Tag, davon sind elf Prozent Plastikabfall. In Indonesien sind es rund 0,5 Kilogramm, davon ebenfalls elf Prozent Plastikabfall. Vgl. Statistisches Bundesamt, Pressestelle, Zahl der Woche, 1.7.2014; Jambeck et al. (Anm. 29), S. 769.
33.
China hat vor, die Einfuhr von Plastikabfall für Recyclingzwecke stark einzuschränken.
34.
Vgl. Costas Velis, Global Recycling Markets: Plastic Waste, Wien 2014.
35.
Vgl. World Economic Forum, The New Plastics Economy, Genf 2016.
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Autoren: Johanna Kramm, Carolin Völker für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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