Unruhige See vor Korsika
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Blauer Reichtum in Gefahr: Der Schutz der Tiefsee vor neuen Herausforderungen


15.12.2017
Seit dem "Zeitalter der Entdeckungen" im 15. und 16. Jahrhundert haben es mutige Menschen immer wieder gewagt, in die Finsternis der Tiefsee zu steigen, um die Wunder und Schätze einer verborgenen Welt zu erkunden. Als einer der Ersten begann James Cook auf seinen Reisen zwischen 1766 und 1779 in den Pazifik und die Arktis mit einer systematischen Bestandsaufnahme der natürlichen Ressourcen. 1818 holte der britische Forscher Sir John Ross Wurm- und Quallenarten aus 2.000 Metern Wassertiefe herauf. Obwohl damit nachgewiesen war, dass Leben in solchen Tiefen noch vorkommt, postulierte 1843 der britische Naturforscher Edward Forbes aufgrund eigener Untersuchungen, bei denen die Anzahl der Lebewesen mit der Tiefe abgenommen hatte, dass es unterhalb von 550 Metern Tiefe kein Leben mehr gebe. Dies wurde 1850 durch den Norweger Michael Sars widerlegt, der vor den Lofoten in 800 Metern Tiefe eine reiche Unterwasserwelt entdeckte.

Eine Menge neuer Erkenntnisse lieferte einige Jahre darauf die "Challenger"-Expedition von 1872 bis 1876, die erste große Unternehmung zur Erkundung der Tiefsee. Im Auftrag der Royal Society in London und der Britischen Admiralität sollte die Forschungsreise mögliche Hindernisse und Gefahren bei der Verlegung von Seekabeln untersuchen. Dazu wurde ein multidisziplinäres Forscherteam aus Zoologen, Botanikern und Chemikern eingesetzt, die auf mehr als 70.000 zurückgelegten Seemeilen eine große Menge an Daten sammelten. Erstmals in der Geschichte der Ozeanografie wurden dabei Teile des Meeresbodens kartiert, zudem bislang unbekannte unterseeische Gebirge und Lebewesen entdeckt. Wissenschaftliche Neugier erregten unter anderem kartoffelförmige Knollen, die vom Meeresboden gewonnen wurden und erst später – dann unter der Bezeichnung Manganknollen – an Bedeutung gewinnen sollten. Bis heute gilt die "Challenger"-Expedition als größtes naturwissenschaftliches Projekt in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Die bedeutendste deutsche Expedition jener Tage war die "Valdivia"-Expedition von 1898 bis 1899, auf der mehr als 4.000 Arten aus antarktischen Gewässern neu erfasst wurden.

Als das deutsche Forschungsschiff "Meteor" 1920 zu einer Expedition aufbrach, ahnte man noch nicht, welch bahnbrechende Entdeckungen damit verbunden sein würden. Die systematische Untersuchung des Meeresbodens mit Hilfe von Echolotverfahren führte zur Entdeckung des Mittelozeanischen Rückens, eines vulkanisch aktiven Gebirgszuges, der auch Spreizrücken genannt wird, da an seiner Achse stetig neue ozeanische Kruste gebildet wird. Dieses Phänomen, das auf weiteren Forschungsreisen auch im Indischen und Pazifischen Ozean nachgewiesen wurde, stützt die Theorie der Plattentektonik, wonach die Erdoberfläche aus einer Reihe von Platten gebildet wird, die sich in ständiger Bewegung befinden. Werden die Platten gegeneinandergedrückt, kann dies starke Erdbeben verursachen – wie unlängst in Mittelamerika, wo die sogenannte Kokosplatte sich unter die Nordamerikanische Platte schiebt und am 8. September 2017 ein starkes Beben in Mexiko auslöste. Die Theorie der Plattentektonik erklärt, warum die heutigen Kontinente so aussehen, als hätten sie einst wie Teile eines Puzzles zusammengehört. Die Ergebnisse des Deep Sea Drilling Projekts von 1968 bis 1983, das mit dem US-amerikanischen Bohrschiff "Glomar Challenger" im Golf von Mexiko, im Südatlantik, im Pazifischen und im Indischen Ozean, im Mittelmeer und im Roten Meer umgesetzt wurde, bestätigten die Theorie der Kontinentaldrift und die Erneuerung des Meeresbodens an den Mittelozeanischen Rücken.

Ertauchtes Wissen



Die Tiefsee mit ihren Geheimnissen weckte immer auch Sehnsüchte, in die unbekannten Tiefen hinabzutauchen. Erste Versuche unternahmen die US-Amerikaner William Beebe und Otis Barton. Sie stiegen 1930 mit einer von Barton entworfenen Stahlkugel 435 Meter in die Tiefe hinab, wo sie Garnelen und Quallen entdeckten. Bei weiteren Tauchgängen 1934 und 1948 gelang es ihnen, bis in Tiefen von 923 und 1.370 Metern vorzudringen. 1960 stellten der Schweizer Ozeanograf Jacques Piccard und der US-amerikanische Erfinder Don Walsh einen neuen Rekord auf, als sie mit dem Tauchboot "Trieste" 10.911 Meter in den Marianengraben im westlichen Pazifik hinabtauchten und selbst in dieser Tiefe noch Fische und andere Lebewesen beobachteten. Damit waren Piccard und Walsh nahezu bis an den tiefsten Punkt vorgestoßen, der bei 11.034 Metern liegt. Die durchschnittliche Tiefe der Tiefsee beträgt hingegen "nur" rund 3.800 Meter; etwa fünf Prozent sind tiefer als 6.000 Meter.

Bei einer Tauchfahrt mit dem US-amerikanischen Tauchboot "Alvin" östlich der Galapagos-Inseln im Pazifischen Ozean wurden 1977 auf dem Mittelozeanischen Rücken in 2.000 Metern Tiefe Hydrothermalfelder gefunden. Mehr als 400 Grad heißes Wasser, angereichert mit herausgewaschenen Metallen aus dem umgebenden Gestein, schießt hier aus tiefen Spalten in der Erdkruste hervor. Mineralstoffe und Schwefelverbindungen, die den Rauch schwarz färben, haben bis zu 40 Meter hohe Schlote aufgeschichtet. Die Umgebung dieser sogenannten Schwarzen Raucher mutet zunächst lebensfeindlich an. Umso überraschender war die Entdeckung, dass die Hydrothermalfelder eine große Lebensvielfalt beherbergen: Riesenmuscheln, Garnelen, Seespinnen, Quallen und Seeanemonen leben hier in pechschwarzer Nacht und bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Später stellte sich gar heraus, dass diese Tiefseeorganismen sich direkt oder indirekt von den Schwefelbakterien ernähren: Chemo- statt Fotosynthese lautet die Devise.

Seitdem haben 40 Jahre Meeresforschung in unterschiedlichen Disziplinen dazu beigetragen, unser Wissen über die Tiefsee allmählich zu erweitern. Wesentlich daran beteiligt waren internationale Programme, etwa im Rahmen der International Decade of Ocean Exploration von 1971 bis 1980 zur Erforschung der lebenden und nicht lebenden Ressourcen. Eine besondere Rolle spielte dabei die Physikalische Ozeanografie, die in der Ära des Kalten Krieges im Kontext von Fragen zur nationalen Sicherheit stark gefördert wurde. Hintergrund waren die für die U-Boot-Technologie benötigten Tiefseekarten, Echolot- und Sonarverfahren. Die technologischen Entwicklungen kamen auch der wissenschaftlichen Forschung zugute.

Unvergessen sind auch die Fernsehdokumentationen ab Ende der 1960er Jahre über den französischen Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau, der von seinem Schiff "Calypso" aus in die Tiefe hinabtauchte, eine aufregende Unterwasserwelt filmte und diese in unsere Wohnzimmer brachte. Sein Wissen über die Meere veröffentlichte er in zahlreichen Büchern, unter anderem in Bestsellern wie "The Silent World" (1953), "The Living Sea" (1963) oder "The World Ocean" (1985).

Heute liefern modernste Fächerecholot- und Seitensichtsonargeräte in Kombination mit Satellitenmessungen, Bohrungen für geophysikalische Untersuchungen, Strömungsmessgeräten, chemischen Sensoren, Temperatur-, Druck- und Salzgehaltsmessgeräten regelmäßig umfangreiche Informationen über den Meeresboden und die darüberliegende Wassersäule. Verkabelte Messstationen senden ihre Daten in Echtzeit rund um den Globus. Die Entwicklung von robusten Tauchbooten hat zudem die direkte Beobachtung der Lebensvielfalt in der Tiefsee und den Blick auf leuchtende Fische und Quallen, meterlange Röhrenwürmer, tieftauchende Pottwale und Riesenkalmare ermöglicht.


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Autor: Ulrike Kronfeld-Goharani für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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