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26.5.2002 | Von:
Horst Möller

Erinnerung(en), Geschichte, Identität

II. Abschnitt

Nach 1945 konnten weder die Erinnerungen des Einzelmenschen, noch das "kollektive Gedächtnis" - wie es der französische Soziologe Maurice Halbwachs, allerdings nicht unbestritten, genannt hat - bleiben, wie sie vorher waren. Die Exzesse der beiden totalitären Ideologien, die den Massenmord an Millionen von Menschen verursachten und mit Scheinlegitimationen den Tätern und Mitläufern dabei auch noch ein gutes Gewissen verschaffen wollten, haben nicht nur die Welt verändert, sondern auch die historische Erinnerung. Wenn Theodor W. Adorno einst bemerkte, nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben, und die Zeitgeschichtsforschung nach 1945 durchaus auch mit der Frage konfrontiert war, ob man dann noch Geschichte schreiben könne, so wird das Problem deutlich: Auch wenn weiterhin Gedichte und Geschichte geschrieben wurden, stellte Ausschwitz doch die seit dem 18. und 19. Jahrhundert gültige Prämisse moderner Geschichtswissenschaft fundamental in Frage, historische Ereignisse, Personen, Entwicklungen müssten aus ihren je spezifischen Voraussetzungen und nicht nach den späteren Urteilskategorien verstanden werden.

Aber nicht nur das: Im 20. Jahrhundert dominiert nicht mehr eine positiv bewertete Erinnerung, sondern eine negative: Die Gedächtnisorte sind (jedenfalls bis zum Zusammenbruch der Diktaturen kommunistischer Provenienz) keine Freiheitsstatuen oder Orte mehr, an denen Freiheit und Menschenrechte erkämpft wurden, sondern an denen sie auf schaurige Weise mit Füßen getreten wurden. Erinnerungsorte dienen folglich auch nicht mehr der Verherrlichung militärischer Siege oder der historischen Größe wie bei Napoleondenkmälern in Frankreich, den Bismarcktürmen im kaiserlichen Deutschland, Garibaldistatuen in Italien, den Marx- oder Leninstatuen, die nach 1989/90 größtenteils vom Sockel gestürzt wurden, sondern sie sind vielmehr Orte des Gedenkens an grauenhafte Verbrechen. Der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, bemerkte in der ersten Diskussionsphase über das geplante Holocaust-Mahnmal in Berlin lakonisch, in Deutschland gebe es genügend authentische Orte, die an die Massenverbrechen der NS-Diktatur gemahnten.

Das von der Bundeszentrale für politische Bildung zuerst 1987 herausgegebene Handbuch "Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus" umfasst in seiner 2. ergänzten Auflage von 1995 allein für die "alten" Bundesländer insgesamt 840 Seiten. Es handelt sich bei den hier dokumentierten Tausenden von Gedenkstätten um so genannte Opferorte, auch um ehemalige Konzentrationslager, beispielsweise bei Dachau, Buchenwald, Bergen-Belsen, Sachsenhausen, und in Bezug auf die von Deutschen während des Zweiten Weltkriegs besetzten Gebiete um Vernichtungslager wie Auschwitz, Maidanek, Treblinka. Wie nie zuvor in der Geschichte prägten und prägen diese schrecklichen Ereignisse die Erinnerung an die Shoah: Jüdische Identität ist seitdem ohne dieses singuläre Grauen nicht erfahrbar. Und auf andere Weise stand die Demokratiegründung in Westdeutschland und das historische Selbstverständnis der Deutschen nach 1945 im Bann von Auschwitz, das als schreckliche Realität im Bewusstsein bleiben muss und zum Symbol der historischen Erinnerung schlechthin wurde. Stärker als je zuvor sind - wenn auch auf gegensätzliche Weise - jüdische und deutsche Identität aneinander gekettet. Dies unterscheidet historische Erinnerung in Deutschland grundsätzlich von derjenigen der (west)europäischen Nachbarn. Deutschland hatte zudem die Erfahrung beider totalitären Diktaturen, bevor sich mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland seit 1949 die Demokratie zunächst im Westen und dann seit der Wiedervereinigung in Gesamtdeutschland der demokratische Rechtsstaat durchsetzte. Aus dieser Geschichte erwuchs, wie Jorge Semprun bemerkt hat, eine besondere deutsche Verantwortung für die historische Erinnerung.

Der Gegenbegriff "Täterort" ist nützlich zur Unterscheidung, wenn er Orte wie die "Topographie des Terrors" oder das Haus der Wannseekonferenz in Berlin, das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, schließlich den damals zum zweiten Regierungssitz ausgebauten Obersalzberg bei Berchtesgaden meint: Hier hat das Institut für Zeitgeschichte im Auftrag des Freistaats Bayern nach dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte 1995 eine Dokumentation erarbeitet, die erstmals alle Kernelemente des nationalsozialistischen Regimes in Form einer Ausstellung und mit einem Begleitband unter dem Titel "Die tödliche Utopie" darstellt: die Theorie und Praxis der Volksgemeinschaftsideologie, die rassistische antisemitische Ideologie, die Propaganda, die Herrschaftsstruktur, den Terrorapparat, Ausgrenzung, Diffamierung und Verfolgung von Minderheiten und Regimegegnern, den mehr als sechsmillionenfachen Massenmord an der jüdischen Bevölkerung aus 18 europäischen Staaten, den Zweiten Weltkrieg und den Widerstand.

Trifft am Obersalzberg die Bezeichnung "Täterort" zu - weshalb es sich hier auch nicht um ein Denkmal, sondern um eine Dokumentation handelt -, so ist die Unterscheidung generell nicht ganz unproblematisch, weil ein Ort der Opfer ohne Täter natürlich nicht denkbar ist. Trotzdem gibt es eine Differenz: Nahezu immer verbindet sich eine Ausstellung an diesen Orten mit einer Gedenkstätte, wenngleich es auch reine Gedenkstätten gibt, beispielsweise die Hinrichtungsstätte von Angehörigen des deutschen Widerstands gegen die nationalsozialistische Diktatur in Berlin-Plötzensee. In Yad Vashem (Jerusalem) verbinden sich verschiedene Aufgabenbereiche: eine Gedenkstätte, eine Ausstellung, ein Archiv und ein Forschungsinstitut.