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26.5.2002 | Von:
Hans Günter Hockerts

Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft

II. Zwei Beispiele

Der Untertitel meines Beitrags schlägt eine Dreiteilung vor. "Primärerfahrung" bezieht sich auf die selbst erlebte Vergangenheit. Darin liegt ein so elementarer Zugang zur Zeitgeschichte, dass seine Wirkung und Bedeutung besondere Aufmerksamkeit verdienen. Was man neuerdings "Erinnerungskultur" nennt, dient als lockerer Sammelbegriff für die Gesamtheit des nicht spezifisch wissenschaftlichen Gebrauchs der Geschichte in der Öffentlichkeit - mit den verschiedensten Mitteln und für die verschiedensten Zwecke, von der Gedenkrede des Bundespräsidenten über die Denkmalpflege bis zum Fernseh-Infotainment über "Hitlers Frauen". Davon wird schließlich die zeitgeschichtliche Forschung abgegrenzt, in der Annahme, dass es charakteristische Unterschiede gibt zwischen Zeitgeschichte als persönlicher Erinnerung, als öffentlicher Praxis und als wissenschaftlicher Disziplin.

Ob diese Trias etwas taugt, sei erst einmal mit zwei Beispielen auf die Probe gestellt. Unlängst hat Sabine Arnold eine eindrucksvolle Studie über "Stalingrad im sowjetischen Gedächtnis" veröffentlicht [4] . Die Autorin wertet zunächst Spuren der Primärerfahrung aus, womit hier die Fronterlebnisse sowjetischer Stalingrad-Soldaten gemeint sind. Dabei stützt sie sich auf Primärquellen, insbesondere auf Briefe und Erinnerungsinterviews mit Veteranen. Sie erfuhr viel Bedrückendes: Elend und Verwahrlosung, nicht zuletzt auch Angst vor dem Befehl 227, mit dem der Volkskommissar der Verteidigung im Juli 1942 anordnete, "Panikmacher und Feiglinge" auf der Stelle zu erschießen. Sabine Arnold untersucht sodann das Geschichtsbild, das die sowjetische Partei- und Staatsführung in Form eines monumentalen Helden- und Siegeskultes inszenierte.

Die Stilisierung begann schon im Februar 1943, als Regisseure der Moskauer Filmstudios die Schlacht in den Ruinen der Stadt nachstellten. Seither war die heroische Kriegserinnerung in der sowjetischen Kultur bis 1992 geradezu allgegenwärtig. Zu Füßen des zentralen Gedenkkomplexes auf dem Mamaj-Hügel in Stalingrad beschworen Pioniere, Komsomolzen, Parteisekretäre, Arbeiter und Armeeangehörige alljährlich ihren Willen zur Nachfolge; sie gelobten, ihr Leben in den Dienst der Partei zu stellen, die zu so großen Siegen befähigt. Die Standards der Wissenschaft repräsentiert in diesem Beispiel die Studie von Sabine Arnold. Mit analytischer Distanz untersucht sie Formen, Funktionen und Wirkungen des Stalingrad-Kults. Sie zeigt, wie die parteipolitisch verbreiteten Stereotypen, Bilder und Begriffe die persönlichen Erinnerungen zu überformen und zu verändern vermochten, ohne aber Bruchlinien zwischen privatem und "okkupiertem Gedächtnis" ganz verwischen zu können [5] .

Nun ließe sich einwenden, eine so dezidierte Dreiteilung sei spezifisch für Diktaturen. Wählen wir daher ein zweites Beispiel, das uns näher liegt, nämlich die Frage nach der historischen Einordnung des 8. Mai 1945. Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat in seiner Gedenkrede zum 40. Jahrestag betont, "was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung". Diese Deutung hat sich in der öffentlichen Erinnerungskultur der Bundesrepublik inzwischen weithin durchgesetzt. Sie stimmt mit der Primärerfahrung von Minderheiten überein, insbesondere der befreiten KZ-Häftlinge, aber durchaus nicht mit der Primärerfahrung eines Großteils der Deutschen. Wohl die Mehrheit erlebte das Kriegsende als Zusammenbruch dessen, worauf man gebaut hatte; bei vielen Millionen kamen persönliche Lebenskatastrophen besonderer Art hinzu, vor allem im Zusammenhang mit der Vertreibung der Deutschen aus Ostdeutschland. Auch die Besatzungsmächte interpretierten das Kriegsende ursprünglich keineswegs als "Befreiung" der Deutschen. Die sowjetische Zensur wies eine solche Auffassung scharf zurück [6] . Denn der Befreiungsbegriff konnte ja durchaus apologetisch verstanden werden, so als habe das deutsche Volk in seiner Mehrheit die NS-Herrschaft nur unwillig ertragen und den Sieg der alliierten Waffen herbeigesehnt. Der Begriff war (und ist) geeignet, kategoriale Unterschiede zwischen dem Deutschen Reich und den von diesem besetzten und von der Anti-Hitler-Koalition befreiten Ländern zu verwischen. So heißt es auch in der grundlegenden Direktive der amerikanischen Militärregierung von April 1945 kurz und bündig: "Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als ein besiegter Feindstaat." [7]

Die öffentliche Erinnerungskultur hat hier also eine Umdeutung vorgenommen. Diese orientiert sich - was ganz legitim ist - an Wertideen, die heute die politische Kultur prägen. Der Mai 1945 gewinnt, so gesehen, Symbolbedeutung für das Ende des Verbrechensregimes und die Öffnung großer Chancen für eine freiheitliche Entwicklung (im Westen) Deutschlands. Viele Deutsche haben die Realität des Kriegsendes damals aber nicht unter diesen Gesichtspunkten erlebt und gedeutet. Zwischen dem öffentlichen Gedenken und der persönlichen Erinnerung können daher Spannungen bestehen, über die im privaten Kreis gesprochen wird, die aber auch - wie im Mai 1985 - zu Protesten und öffentlichen Deutungskonflikten führen können. Und der Part der Geschichtswissenschaft? Er lässt sich exemplarisch an einer grundlegenden Studie über "Die amerikanische Besetzung Deutschlands" [8] zeigen: Sie fasst das Jahr 1945 in seiner ganzen Disparatheit ins Auge. Anders als die Primärerfahrung, die an bestimmte Blickwinkel gebunden ist, kombiniert sie viele Perspektiven. Sie beleuchtet mit kontrollierten empirischen Bezügen sehr unterschiedliche Zusammenhänge und neigt - im Unterschied zur öffentlichen Erinnerungskultur - nicht dazu, das historische Wissen auf wenige einprägsame Zeichen zu verkürzen.

Die vorgeschlagene Dreiteilung kann sich also auf den ersten Blick durchaus bewähren. Sieht man genauer hin, so wird das Bild freilich komplizierter. Dann kommen mancherlei Verflechtungen, Überschneidungen und Wechselbeziehungen zum Vorschein. Daher möchte ich in einem zweiten Anlauf nicht mehr von einzelnen Beispielen ausgehen, sondern einige systematische Überlegungen vortragen.

Fußnoten

4.
Sabine R. Arnold, Stalingrad im sowjetischen Gedächtnis. Kriegserinnerung und Geschichtsbild im totalitären Staat, Bochum 1998.
5.
Auf ähnliche Weise hat die staatstragende Ideologie der SED-Diktatur die individuellen Erinnerungen von Überlebenden des Widerstands gegen den Nationalsozialismus okkupiert und transformiert. Vgl. dazu Jürgen Danyel, Die Opfer- und Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? Zum Umgang mit der Widerstandstradition und der Schuldfrage in der DDR, in: ders. (Hrsg.), Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, S. 31-46.
6.
Vgl. Jan Foitzik, Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) 1945-1949. Struktur und Funktion, München 1999, S. 429. Mit der Gründung der DDR, des "neuen Deutschland" an der Seite der "sowjetischen Freunde", änderte sich die Konstellation: Seit 1950 war der 8. Mai ein Staatsfeiertag der DDR ("Tag der Befreiung").
7.
Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945-1955, Göttingen 1982, S. 353.
8.
Klaus-Dietmar Henke, Die amerikanische Besetzung Deutschlands, München 1995.