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26.5.2002 | Von:
Hans Günter Hockerts

Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft

IV. Zeitzeuge und Zeithistoriker

Über Chancen, Risiken und Techniken der Oral History liegt eine so ausgedehnte Literatur vor, dass ich mich hier auf wenige Hinweise beschränken kann. Es gibt eine Schrecksekunde, die wohl jeder kennt, der zeithistorische Vorlesungen hört oder hält: Aus dem Kreis der Seniorenstudenten erhebt sich jemand und sagt: "Das war aber ganz anders. Ich weiß das, denn ich habe es selber erlebt." In solchen Momenten macht sich abermals eine Spannung bemerkbar, diesmal zwischen Zeitzeugenschaft und Zeithistorie. Diese Spannung existiert unabhängig von den beteiligten Personen, sodass ein geflügeltes Wort sagt, der Zeitzeuge sei der natürliche Feind des Zeithistorikers [21] . Das ist schweres polemisches Geschütz, munitioniert mit einem Körnchen Wahrheit. Dieses liegt nicht so sehr darin, dass Zeitzeugen sich irren können (wie Historiker auch) [22] oder Selbsterlebtes mit nachträglich Gelesenem oder Gehörtem vermischen. Dass jemand dabei war, garantiert ja noch keine Verlässlichkeit der Beob-achtung und der Beschreibung; diese hängt vielmehr von zahlreichen Filtern und Vorprägungen ab [23] . Und wenn das Erlebte zur Erinnerung wird, kommt die eigentümliche Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisses zum Zug: Wie ein "wendiger Baumeister" und "schöpferischer Konstrukteur" entwirft das Gedächtnis den Erinnerungshaushalt bei Bedarf neu; dabei können Erinnerungsmilieus einen Überformungsdruck ausüben und das individuelle Gedächtnis kanalisieren [24] .

Aber im Metier des Historikers sind alle diese Vorbehalte auf das Konto "Quellenkritik" zu verbuchen und bezeichnen noch nicht die prinzipielle Trennlinie. Diese liegt vielmehr darin, dass der Erlebnishorizont des Zeitzeugen nicht identisch ist mit dem Erklärungshorizont des Zeithistorikers. Warum das so ist, hat Max Weber auf den Punkt gebracht, als er schrieb: "Stets gewinnt das ,Erlebnis', zum ,Objekt' gemacht, Perspektiven und Zusammenhänge, die im ,Erleben' eben nicht bewußt werden." Die Zeithistorie bringt daher unentwegt Perspektiven und Zusammenhänge hervor, die im "Erleben" eben nicht bewusst waren. Nur so kann sie erlebte Zeit in historische Zeit verwandeln; nur so kann - wie Jacob Burckhardt sagte - "Erkenntnis" werden, "was einst Jubel und Jammer war" [25] . Aber die Transformation von "Erleben" in "Erkenntnis" kann auf die Zeitgenossen wie eine Verfremdungsoperation wirken und somit auch Misstrauen und Abwehr auslösen.

Zwar gilt für Historiker aller Epochen, dass sie erlebte Zeit in historische Zeit verwandeln und somit gewissermaßen enteignen [26] . Aber nur Zeithistoriker können dabei in Deutungskonflikte mit Zeitzeugen geraten, was neuerdings vor allem bei der Erforschung der Geschichte der zweiten deutschen Diktatur zu spüren ist [27] . Solche Konflikte meistert die Zeithistorie am besten, wenn sie Struktur- und Erfahrungsgeschichte miteinander verbindet. Ohne eine solche Verknüpfung kann es dazu kommen, dass entweder - um beim DDR-Beispiel zu bleiben - die harten Kerne der Diktatur unterschätzt und verharmlost werden oder aber viele ehemalige DDR-Bürger die Nahbereiche ihres eigenen Lebens in den Produkten der Geschichtswissenschaft nicht hinreichend wiedererkennen. Hier stellt sich nicht für jeden einzelnen Zeithistoriker, wohl aber für die Zeithistorie im Ganzen eine wichtige Aufgabe der Dimensionierung, durchaus vergleichbar der Multiperspektivität der NS-Forschung, der es anfangs darum ging, "immer wieder klar zu machen, daß die Nazi-Herrschaft nicht so vergleichsweise normal war, wie sie viele unserer Hörer im Alltag erlebt hatten. Heute dagegen muß man seinen Hörern erklären, daß der Alltag jener Jahre nicht von den Verbrechen gegen die Menschheit geprägt war, in denen die Wirklichkeit des Nationalsozialismus sich schauerlich vollendete" [28] .

Die Begegnung von Zeitzeugenschaft und Zeithistorie kann andererseits, wenn man die fundamentale Differenz nicht überspielt, sondern in Rechnung stellt, höchst fruchtbar sein. Erfahrene Oral Historians betonen, wie heilsam der "Enttypisierungsschock" ist, der sich einstellt, wenn ein allzu schematischer Untersuchungsrahmen auf das "Vetorecht" widerspenstiger lebensgeschichtlicher Details stößt, sodass der Blick für Mischungen und Übergänge geschärft wird [29] . Im Übrigen gilt für lebensgeschichtliche oder themenzentrierte Erinnerungsinterviews dieselbe Regel wie für Quellen jeglicher Art: Ihr Wert lässt sich nicht abstrakt und pauschal beurteilen, sondern nur in Relation zu der Forschungsfrage, um die es jeweils geht. So haben sich zum Beispiel die Erinnerungen ehemaliger KZ-Häftlinge bei Fragen erfahrungsgeschichtlicher Art als unersetzlich erwiesen und bei der Rekonstruktion bestimmter Abläufe und Zusammenhänge als Quellen hohen Ranges bewährt [30] . Anderes blieb ihrem Gesichtswinkel aber auch verborgen oder führte zu unzutreffenden Wahrnehmungen. So haben Häftlinge berichtet, dass die Schikanen in Dachau weniger schlimm, die Haftbedingungen erträglicher wurden, als im September 1942 der SS-Hauptsturmführer Martin Weiß das Kommando übernahm. Sie rechneten ihm die Erleichterungen als persönliches Verdienst zu; fast wie ein Retter erscheint er in der Memoirenliteratur.

Der wirkliche Zusammenhang ergibt sich aus einer anderen Überlieferung, aus den Akten des Wirtschaftsverwaltungshauptamtes der SS: Nach dem Scheitern des "Blitzkriegs" wollte das NS-Regime die Konzentrationslager stärker in die Rüstungsproduktion einbeziehen; daher wurden die Kommandanten angewiesen, die Arbeitskraft der Häftlinge ökonomischer zu nutzen und die Lagersterblichkeit zu senken. In dieser Weisung liegt die Ursache für die Zäsur in der Lagergeschichte, nicht in der Person des Martin Weiß, der zuvor in Neuengamme ein brutaleres Regiment geführt hatte und im November 1943 als Kommandant nach Lublin-Majdanek ging [31] . Das Beispiel wurde erwähnt, um die Einsicht zu stützen, dass die Zeithistorie den Berichten der Zeitzeugen mit demselben methodisch kontrollierten Abstand gegenübertreten muss wie grundsätzlich jeder Quellenüberlieferung. Die Eigenart des wissenschaftlichen Vorgehens verlangt auch dort "Distanzierung", wo der Untersuchungsgegenstand spontan zu äußerstem "Engagement" herausfordert [32] .

Fußnoten

21.
Vgl. z. B. Wolfgang Kraushaar, Der Zeitzeuge als Feind des Historikers? Neuerscheinungen zur 68er-Bewegung, in: Mittelweg 36, (1999) 8, S. 49-72; Alexander von Plato, Zeitzeugen und historische Zunft. Erinnerung, kommunikative Tradierung und kollektives Gedächtnis in der qualitativen Geschichtswissenschaft - ein Problemaufriß, in: Bios, 13 (2000), S. 5-29.
22.
Ein hartnäckiger Irrtum des Zeitzeugen Franz Josef Strauß ist aufgespießt bei Rudolf Morsey, Von Windthorst bis Adenauer. Ausgewählte Aufsätze zu Politik, Verwaltung und politischem Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert, Paderborn 1997, S. 841 f.
23.
Frappierende Fehlwahrnehmungen zeigt Angela Schwarz, Die Reise ins Dritte Reich. Britische Augenzeugen im nationalsozialistischen Deutschland 1933-39, Göttingen 1993.
24.
Vgl. Johannes Fried, Erinnerung und Vergessen. Die Gegenwart stiftet die Einheit der Vergangenheit, in: Historische Zeitschrift, 271 (2001) (im Druck); Harald Welzel, Das Interview als Artefakt. Zur Kritik der Zeitzeugenforschung, in: Bios, 13 (2000), S. 51-63.
25.
Vgl. dazu - mit Nachweis der Zitate - Hans Günter Hockerts, Zeitgeschichte in Deutschland. Begriff, Methoden, Themenfelder, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 29-30/93, S. 3-19.
26.
Vgl. Arnold Esch, Zeitalter und Menschenalter. Die Perspektiven historischer Periodisierung, in: Historische Zeitschrift, 239 (1984), S. 309-351.
27.
Davon wissen z. B. die Autoren des Buches Ulrich Kluge u. a., Willfährige Propagandisten. MfS und Bezirkszeitungen: "Berliner Zeitung", "Sächsische Zeitung", "Neuer Tag", Stuttgart 1997, ein Lied zu singen; vgl. dazu Peter Marx, Natürliche Abwehr, in: Journalist, (1997) 8, S. 28-30.
28.
Hans Buchheim/Hermann Graml, Die fünfziger Jahre: Zwei Erfahrungsberichte, in: Horst Möller/Udo Wengst (Hrsg.), 50 Jahre Institut für Zeitgeschichte. Eine Bilanz, München 1999, S. 69-83, Zitat S. 77.
29.
Vgl. L. Niethammer (Anm. 10), S. 13.
30.
Viele Beispiele finden sich in der von Wolfgang Benz und Barbara Distel herausgegebenen Studien- und Dokumentenreihe "Dachauer Hefte", zuletzt Heft 16, Dachau 2000; vgl. auch Max Mannheimer, Spätes Tagebuch. Theresienstadt, Auschwitz, Warschau, Dachau, Zürich - München 2000.
31.
Vgl. Johannes Tuchel, Die Kommandanten des KZ Dachau, in: Dachauer Hefte, 10 (1994), S. 69-90.
32.
Vgl. Michael Pollak, Die Grenzen des Sagbaren. Lebensgeschichten von KZ-Überlebenden als Augenzeugenberichte und als Identitätsarbeit, Frankfurt/M. - New York 1988, S. 92.