APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Werner Müller

Die DDR in der deutschen Geschichte

War die DDR eine legitime Alternative zum Weg der Bundesrepublik? Die Antwort auf diese Frage ergibt sich durch Betrachtung der prinzipiellen Abhängigkeit der DDR von der Sowjetunion.

I. Unterschiedliche Perspektiven

Die Urteile gehen weit auseinander: Wiederholt zitiert wurde vor der "Wende" die von Hermann Rudolph formulierte, allerdings dort mit einem Fragezeichen versehene These von der DDR als einer deutschen Möglichkeit. Nur eine Fußnote in der Geschichte hingegen sei die DDR gewesen, so lautete ein knappes Diktum von Stefan Heym nach dem Ende des zweiten deutschen Staates. Das spiegelt nicht nur die durch das Jahr 1989 veränderten Sichtweisen wider, sondern auch - mit merkwürdig veränderten Fronten - die der Historiographie. Während seinerzeit mitunter in Ost und West geradezu umstandslos die Geschichte des eigenen Teilstaates als Nationalgeschichte geschrieben wurde [1] , stellte Christoph Kleßmanns erstmals 1982 erschienene Darstellung der parallelen Nachkriegsentwicklung beider deutscher Staaten ein Novum dar [2] .

  • PDF-Icon PDF-Version: 112 KB





  • Der Zusammenbruch der DDR und des kommunistischen Staatensystems veränderte naturgemäß wiederum die Perspektive. Peter Graf Kielmansegg wandte sich jüngst gegen eine "Parallelgeschichte der beiden deutschen Staaten". Er fügte zur Begründung an: "Das mochte bis 1989 angehen. Seit 1989 aber ist klar, dass wir es mit zwei ganz verschiedenen Geschichten zu tun haben, einer mit Zukunft und einer ohne Zukunft. An der zweiten interessiert vor allem, warum sie keine Zukunft hatte." [3] In der Tat ist damit eine Kernfrage aufgeworfen, nämlich die, warum die DDR nicht lebensfähig war und worin im engeren Sinne die Gründe ihres Unterganges zu suchen sind. "Der Grunddefekt des SED-Regimes war von Anfang bis Ende das Fehlen jeder demokratischen Legitimation", hielt Hermann Weber lapidar fest [4] . Selbstverständlich lag damit auch die Frage nach Ähnlichkeiten und Vergleichbarkeit der beiden deutschen Diktaturen im 20. Jahrhundert auf der Hand [5] .

    Demgegenüber - häufig aus den Reihen der früheren wissenschaftlichen Eliten der DDR - wurden wiederholt sowohl die Traditionslinien betont, auf die sich Herrschaft und Gesellschaft im Osten Deutschlands gestützt hatten, als auch deren Eigengesetzlichkeit und Eigenwertigkeit herausgestellt. Das untermauerte den Anspruch, die Geschichte der DDR stelle letztlich eine legitime und autochthone Alternative zur Bundesrepublik dar. So formulierte Rolf Badstübner: "Im Grunde handelte es sich um zwei unterschiedliche Entwicklungslinien und potentielle Möglichkeiten, die seit dem Ersten Weltkrieg und seinem Gefolge zugleich als Epochenprozesse und -konstellationen manifest wurden." [6] Noch weiter ging die Interpretation von Heinz Karl. Danach war die DDR nichts weniger als "Konsequenz und Vollzug von Forderungen, die schon im 19. Jahrhundert proklamiert wurden, die seitdem im Zentrum der politischen Auseinandersetzungen gestanden hatten und um die seit 1918 in revolutionären Aktionen gerungen worden war" [7] . Die PDS-Vertreter in der Enquete-Kommission des 13. Deutschen Bundestages griffen ebenfalls auf die Traditionen der sozialistischen Bewegung in Deutschland zur Legitimierung der DDR zurück: "Es gab in den Jahren der DDR für viele, vielleicht gar die meisten ihrer Bürger - auch für diejenigen, die sich wenig oder nicht für diesen Staat engagierten - keine wirkliche Alternative zum politischen Kurs einer auf den Traditionen der deutschen Arbeiterpolitik errichteten sozialistischen Perspektive." [8] In der Tat erscheinen Interpretationen dieser Art wie modernisierte Varianten des Satzes aus dem SED-Parteiprogramm von 1976, in dem sich die Partei als "die Erbin alles Progressiven" in der deutschen Geschichte sah [9] . Näher besehen, reklamieren diese Äußerungen für die DDR mehr als nur Traditionslinien: Sie wollen nicht nur diesen Staat noch im Nachhinein legitimieren, sondern sie schreiben ihm zumindest für einige Phasen einen Mehrheits-Anhang zu, und zuletzt stellen sie ihn in die Kontinuität der sozialen Bewegung in Deutschland.

    Daher erscheint es gerechtfertigt, Rolle und Nachwirkungen der DDR in der deutschen Zeitgeschichte auch an Hand dieser selbst gesetzten Kriterien zu prüfen: als eine "deutsche Möglichkeit", ihr Demokratie-Potenzial, die Bedeutung des "Antifaschismus", ihre Leistungen als Sozialstaat sowie ihre Modernisierungs- und Reformfähigkeit.

    Fußnoten

    1.
    So einerseits: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in fünf Bänden, herausgegeben von Karl Dietrich Bracher, Theodor Eschenburg, Joachim C. Fest, Eberhard Jäckel, Stuttgart - Wiesbaden 1983-1987; andererseits die allerdings unvollendet gebliebene Deutsche Geschichte in zwölf Bänden, herausgegeben vom Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, Berlin (Ost) 1982 ff. Der letzte, noch 1989 erschienene Band 9 behandelte die Jahre von 1945 bis 1949. Es war dort angekündigt, dass die Bände 10 bis 12 nur noch die Geschichte der DDR behandeln würden.
    2.
    Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945-1955, Göttingen 19915. Eine in noch größerer Weise verschränkte Darstellung beider deutscher Nachkriegsstaaten legte 1996 Peter Bender vor: Episode oder Epoche? Zur Geschichte des geteilten Deutschland, München 1996.
    3.
    Peter Graf Kielmansegg, Nach der Katastrophe. Eine Geschichte des geteilten Deutschland, Berlin 2000, S. 677.
    4.
    Hermann Weber, Geschichte der DDR, aktualis. und erw. Neuausg., München 1999, S. 16.
    5.
    Vgl. dazu etwa die Beiträge von Horst Möller, Jürgen Kocka und Karl Dietrich Bracher, in: Materialien der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland", herausgegeben vom Deutschen Bundestag, Bd. IX: Formen und Ziele der Auseinandersetzung mit den beiden Diktaturen in Deutschland, Baden-Baden 1995, S. 576 ff., 697 ff.
    6.
    Rolf Badstübner, Vom "Reich" zum doppelten Deutschland. Gesellschaft und Politik im Umbruch, Berlin 1999, S. 15.
    7.
    Heinz Karl, Die DDR - Versuch einer sozialistischen Alternative oder Sackgasse von Anfang an?, in: Gerhard Fischer/Hans-Joachim Krusch/Hans Modrow/Wolfgang Richter/Robert Steigerwald (Hrsg.), Gegen den Zeitgeist. Zwei deutsche Staaten in der Geschichte, Schkeuditz 1999, S. 313.
    8.
    Dietmar Keller/Reinhard Mocek, Wir wollen die DDR nicht wiederhaben. Wir lassen sie uns auch nicht nehmen, in: Ansichten zur Geschichte der DDR. Herausgegeben von Ludwig Elm, Dietmar Keller und Reinhard Mocek, Bd. IX/X, Berlin 1998, S. 8.
    9.
    Protokoll der Verhandlungen des IX. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands im Palast der Republik in Berlin, 18. bis 22. Mai 1976 in Berlin, Band 2, Berlin (Ost) 1976, S. 209.