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26.5.2002 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Bürger- oder Zivilgesellschaft, Bürgerarbeit oder -engagement: diese und ähnliche Begriffe haben Konjunktur. Die "zivile Bürgergesellschaft" ist im Frühjahr 2000 von Bundeskanzler Gerhard Schröder zum gesellschaftspolitischen Programm erklärt worden.

Einleitung

Bürgergesellschaft, Zivilgesellschaft, Bürgerarbeit, Bürgerengagement oder auch bürgerschaftliches Engagement, zivile Bürgergesellschaft - diese und ähnliche Begriffe haben Konjunktur. Die "zivile Bürgergesellschaft" ist im Frühjahr 2000 von Bundeskanzler Gerhard Schröder zum gesellschaftspolitischen Programm erklärt worden. Es gab eine Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" des Deutschen Bundestages. - Was verbirgt sich hinter diesem schillernden Begriff, welche Hoffnungen werden mit der Schaffung der "zivilen Bürgergesellschaft" verknüpft, welche Risiken sind damit verbunden - wo liegen die Grenzen der Bürgergesellschaft?

Für Sebastian Braun steht das frei gewählte Engagement der Bürger nicht ohne Grund im Zentrum des allgemeinen Interesses. In einer Zeit, in der der "soziale Kitt" weich werde und der Staat sich zurückziehe, solle offenbar der engagierte Bürger einspringen, schreibt er in seinem Essay. Der Autor hält jedoch eine Wende von der "Instrumentalisierung von Bürgern für staatliche Zwecke" zur gesellschaftlichen Kontrolle staatlichen Handelns durch die Bürger für denkbar.

Norbert Brömme und Hermann Strasser stellen einen Rückgang sozialer und politischer Teilhabe in "klassischen" Organisationen und eine starke Zunahme kleiner, selbstorganisierter und projektorientierter Organisationsformen fest. Dieser Strukturwandel von Engagement und Partizipation habe den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen von Feldern sozialer und politischer Beteiligung zur Folge, lautet die These des Beitrages. Brömme/Strasser befürchten eine Gefährdung der bislang wirksamen Formen sozialer und politischer Integration. Sollte die Politik dem nicht entgegensteuern, hätte die Rede von der "gespaltenen Bürgergesellschaft" bald eine reale Basis.

Diese Ansicht wird von Hans Joas so nicht geteilt. Manche der dramatischeren Befunde zur sozialen Exklusivität neuer Solidaritäts- und Beteiligungsformen könnten sich aus dem Niederschlag der abnehmenden Gewerkschaftsmitgliedschaft in den Daten zum Engagement ergeben. Vielleicht wüssten wir auch einfach zu wenig über die Widerstandskraft von Milieus der Ausgeschlossenen. Joas hält die Stärkung der Bürgergesellschaft zwar nicht für ein Zaubermittel zur Lösung aller Probleme, aber er ist davon überzeugt, dass viele Probleme ohne die Stärkung der Bürgergesellschaft unlösbar sind.

Thomas Gensicke richtet sein Augenmerk auf den Vergleich freiwilligen Engagements in den neuen und den alten Bundesländern. Die Bereitschaft, sich zu engagieren, liegt in den neuen Ländern unter der in den alten. Ein weiterer Befund deutet darauf hin, dass sich das Engagement der ostdeutschen Bevölkerung stärker auf den beruflichen und privaten Bereich, weniger auf das öffentliche Leben konzentriert. Für Gensicke erklärt sich dies u. a. aus der zum Teil schwierigen Situation, in der sich die Menschen in den neuen Ländern noch immer befinden.

Aus der Sicht von Marcel Erlinghagen lassen sich die mit dem Konzept des bürgerschaftlichen Engagements verbundenen hoch gesteckten Ziele nicht verwirklichen. Empirische Ergebnisse hätten gezeigt, dass durch ehrenamtliche Tätigkeit weder die Arbeitslosigkeit zu senken noch die Bürokratie abzubauen, noch der Verfall des gesellschaftlichen Zusammenhaltes zu stoppen sei. Mehr noch - die gegenwärtige starke Konzentration auf entsprechende Konzepte sei sogar mit Gefahren verbunden.