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Der souveräne Arbeitsgestalter in der zivilen Arbeitsgesellschaft


26.5.2002
Die Arbeitswelt befindet sich in einem dramatischen Wandel: Es entwickeln sich neue Typen von Arbeits- und Beschäftigungsformen, und die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und anderen Lebensbereichen werden durchlässiger.

I. Pluralisierung der Erwerbsformen



Industrielle Arbeitsgesellschaften befinden sich in einem tief greifenden Wandel. Digitalisierung und Globalisierung sind die einschlägigen Stichworte. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir generell von einer Krise der Arbeit oder von einem Abschied von der Arbeitsgesellschaft sprechen können [1] . Vielmehr geht es um das Argument, dass sich die gesellschaftliche Arbeit selbst und damit ihre Organisationsformen sowie die Lebensführung von Männern und Frauen verändert haben. Aus der industriell geprägten Arbeitsgesellschaft entsteht eine "Neue Arbeitsgesellschaft". Dies kann eine auf Bürgersinn gegründete zivile Arbeitsgesellschaft sein, wenn sich entsprechende Rahmenbedingungen herausbilden.

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  • Wenn wir davon sprechen, dass die Organisation gesellschaftlicher Arbeit in eine Krise geraten ist, dann geht es heute nicht vorrangig darum, ob wir genug Arbeit "haben" (was selbstverständlich wichtig ist). Auch wenn die Vermutung zutreffen sollte, dass das Volumen der Erwerbsarbeit langfristig tendenziell abnimmt [2] , so folgen daraus nicht zwangsläufig Unterbeschäftigung und hohe Arbeitslosigkeit. Ob dies der Fall ist, entscheidet sich nicht auf der quantitativen Ebene und ist keine Frage der Arithmetik, sondern der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen - nicht zuletzt sind auch national und regional unterschiedliche Arbeitskulturen von Bedeutung. Vielen westlichen Ländern - etwa den USA - ist es in den letzten Jahren gelungen, die bedrohliche Arbeitsmarktsituation umzukehren und gar eine Situation der Arbeitskräfteknappheit herbeizuführen; andere - wie die Niederlande und Dänemark - sind auf einem guten Weg in diese Richtung. Deshalb geht es um die Frage, ob die Menschen für die neu entstehenden Erwerbsformen gerüstet sind. Im Mittelpunkt steht die Diagnose einer Erosion des Normalarbeitsverhältnisses [3] . Das Primat der abhängigen Erwerbsarbeit - Lohnarbeit - als dominante Organisationsform gesellschaftlicher Arbeit scheint gebrochen. Das heißt, dass sich neben den "normalen" Beschäftigungsverhältnissen, die es vor allem in den industriellen Bereichen und teilweise im Dienstleistungssektor nach wie vor in hoher Anzahl gibt, andere Formen der Erwerbstätigkeit entwickelt haben. Dazu zählen flexible Teilzeitbeschäftigungen und prekäre Beschäftigungsvarianten, aber insbesondere auch die vielen neuen Formen der selbstständigen und freiberuflichen Tätigkeiten. In den vergangenen Jahren wurde beispielsweise eine große Zahl von Mikro- und Solounternehmen - überwiegend von Frauen - gegründet. Außerdem wird Arbeit immer häufiger projektförmig organisiert, und es entstehen Projektkonsortien: Ist die Aufgabe beendet, erlischt das Beschäftigungsverhältnis, ruht die Freiberuflichkeit oder der Solobetrieb kontrahiert mit einem anderen Partner.

    Wir können von einer Pluralisierung bzw. Diversifizierung der Erwerbsformen und einem Wandel des Normalunternehmertums sprechen. Die bisher strikte Trennung zwischen abhängiger und selbstständiger Erwerbstätigkeit löst sich auf, und es werden im Verlaufe des Erwerbslebens unterschiedliche Tätigkeiten ausgeübt, nacheinander, teilweise auch nebeneinander. Verschiedene Erwerbsformen dieser Art können sich zeitlich überlagern: Mikrounternehmer sind unter Umständen zugleich abhängige Beschäftigte und Firmeninhaber - in der negativen Variante dauerhafte Scheinselbstständige. Folglich werden Männer wie Frauen zukünftig unterschiedliche Arbeitsfelder flexibel miteinander kombinieren und aufeinander abstimmen müssen. Bereits heute gibt es nicht mehr nur einen "sicheren" Beruf und eine "feste" Arbeitsstelle, sondern vielfältige Arbeitszusammenhänge; man "hat" keine Arbeit, sondern Fähigkeiten und Qualifikationen, um in unterschiedlichen Erwerbsfeldern tätig zu sein; man lernt nicht ein für alle Mal für den Beruf, sondern lebensbegleitend. Die Folge ist, dass Menschen ihr berufliches Umfeld häufig wechseln werden, dass Übergänge zwischen unterschiedlichen Arbeits- und Beschäftigungsformen nicht gelingen und dass'oft nicht einkalkulierte Unterbrechungen auftreten.

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    Fußnoten

    1. Vgl. hierzu für Deutschland: Ulrich Beck, Wohin führt der Weg, der mit dem Ende der Vollbeschäftigungsgesellschaft beginnt?, in: ders. (Hrsg.), Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Frankfurt/M. 2000, S. 7-66, und Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen, Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in Deutschland: Entwicklung, Ursachen und Maßnahmen. Teil III - Maßnahmen zur Verbesserung der Beschäftigungslage, Bonn 1997; für die USA: Jeremy Rifkin, Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Frankfurt/M. 1995; für Frankreich: André Gorz, Kritik der ökonomischen Vernunft, Berlin 1989.
    2. Vgl. Carmen Klement, Wirtschafts- und Arbeitsmarktindikatoren im internationalen Vergleich, unveröff. Ms. des Projektes B4 des Sonderforschungsbereichs 536, München 2001.
    3. Vgl. Wolfgang Bonß, Was wird aus der Erwerbsgesellschaft?, in: U. Beck (Anm. 1) S. 327-415.