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26.5.2002 | Von:
Thomas M. Wandinger

Ursachen von Konflikten und Kriegen im 21. Jahrhundert

Konsequenzen für die westlichen Industriestaaten

Das Spektrum künftiger sicherheitspolitischer Gefährdungen und Risiken hat nach der Überwindung der konfrontativen Ära des Kalten Krieges deutlich an Komplexität zugenommen. Anhaltendes Bevölkerungswachstum stellt beispielsweise ein Risiko dar.

I. Die neue weltpolitische Transformationsphase

Mit Ausnahme nur noch weniger Staaten [1] , deren Anteil am weltwirtschaftlichen Leistungsaustausch mit Ausnahme Chinas marginal ist, dominiert die Marktwirtschaft heute als führendes ordnungspolitisches Gesellschaftssystem die Welt. Der statistische Vergleich der Entwicklungen zwischen Bevölkerungswachstum und Bruttosozialprodukt in diversen Schwellen- und Entwicklungsländern zeigt augenscheinlich, dass nicht nur nachhaltige, umweltverträgliche Wirtschaftsentwicklung und Krisenprävention in kausalem Zusammenhang stehen, sondern dass marktwirtschaftliche Wirtschaftspolitik von ebenso strategischer Bedeutung für die Stabilität von Staaten und Sub-Regionen ist, wie dies die vordergründigen Fakten militärstrategischer Dispositive seit Jahrzehnten waren. Es zeichnet sich zunehmend klarer ab, dass die Wohlfahrt und Stabilität der Staatenwelt außerhalb der wirtschaftlichen Stabilitätszonen wie EU und NAFTA künftig in sehr viel stärkerem Maße von ökonomischen Faktoren als von der Arithmetik klassischer militärstrategisch-sicherheitspolitischer Einflussgrößen charakterisiert sein werden.


Der Blick auf die Wachstumszyklen der Staaten der mediterranen Gegenküste sowie auf die Entwicklungsparameter der Nachbarregionen in Subsahara-Afrika legt offen, dass - mit Ausnahme der bisherigen Entwicklungserfolge in Israel, Ägypten und Tunesien - ein mit Asien vergleichbarer Wirtschaftsboom bis 2030 nicht zu erwarten ist. Die strategischen Herausforderungen der Zukunft werden die Anrainer des östlichen und westlichen Mittelmeerbeckens sowie der benachbarten ost- und zentralafrikanischen Großräume, deren labile Volkswirtschaften bis heute nur unzureichend horizontal vernetzt und nur in sehr geringem Umfang in weltwirtschaftliche Zyklen integriert sind, mit immensen Anforderungen konfrontieren. Die nach dem Ost-West-Konflikt einsetzende Öffnung über Jahrzehnte durchschnittener und getrennter Sozial- und Gesellschaftsstrukturen einerseits sowie die mit der wirtschaftlichen Globalisierung einsetzende Integrationsentwicklung andererseits führten seit 1989 zunehmend auch zu einem Zusammenfallen einstmals getrennter geopolitischer und kriminalgeographischer Großräume. Dadurch löste sich - wie in anderen Weltregionen auch - im euroatlantischen Großraum nicht nur die abschirmende Bedeutung von Grenzen und Einflusszonen, sondern auch die ehedem klare sicherheitspolitische Trennung zwischen staatlichen und substaatlichen Akteuren zunehmend auf.

Im Schatten dieser weltpolitischen Transformationsphase der industrialisierten Welt und ihrer globalen Akteure etablierte sich das seit 1989 deutlich gestiegene Krisen- und Konfliktgeschehen mit Konflikten vorwiegend niederer Intensität nicht nur als Strukturelement des Übergangs für diverse Sub-Regionen, sondern es zeichnet sich mit Blick auf den afrikanischen Kontinent oder Südasien schon heute ab, dass sich die Krisenindikatoren verschärfen: Instabilität, Machterosion und schleichender Staatszerfall, Überbevölkerung und Verstädterung sowie sich verfestigende Strukturen international agierender organisierter Kriminalität werden den Übergang entweder in das völlige politisch-ökonomische Desaster wie in Kinshasa, Mogadischu, Grosny oder Asmara begleiten oder aber eine Wegmarke langwieriger Krisenreaktion in eine stabilere Zukunft - wie in Belgrad - bilden.

Während die Industriestaaten kontinuierlich durch die Globalisierung gewinnen, verlieren eine Vielzahl von Schwellen- und Drittweltstaaten durch galoppierende innere Erosions- und Zerfallsprozesse jährlich an ökonomischer Substanz und politischer Stabilität. Angesichts sinkender Rohstoffpreise auf den Weltmärkten zeichnen sich immer deutlichere Konturen ab, wonach sich das interkontinentale Wohlstandsgefälle eher weiter vergrößern als egalisieren wird und die Fragmentierung zwischen Arm und Reich zunimmt. Das reale Absinken von Unterstützungs- und Entwicklungshilfegeldern seit dem Zerfall der Sowjetunion führte - begleitet von der konzeptionellen Bankrotterklärung westlicher Entwicklungsstrategien - diverse Staaten in geopolitische und finanzielle Schicksalslagen, worauf diese ihren militärischen Arm zur Kompensation in ressourcenreiche Regionen ausstreckten [2] und damit auch zwischenstaatlichen Konflikten - wie in Zentralafrika - eine neue, bislang ungekannte Dimension verliehen.

Relativ neu an dieser Entwicklung ist nun, dass sich an der Kontrolle und Ausbeutung strategischer Ressourcen nicht mehr nur Staaten beteiligen, sondern auch ein breites Spektrum substaatlicher Akteure, wie die inzwischen zum Sicherheitskonzern avancierte britisch-südafrikanische Executive Outcome in diversen Staaten Afrikas, oder Terror- und Rebellenorganisationen wie die UNITA [3] in Angola oder die RUF [4] in Sierra Leone. Im Endergebnis hat sich die seit Jahren schon abzeichnende Tendenz der Etablierung sicherheitspolitisch signifikanter Verwerfungszonen in vielen Teilen der Welt - vor allem aber in Afrika und Südostasien - nicht nur bestätigt, sondern durch die Abtretung von Schürf- und Hoheitsrechten maroder Staaten oder schwacher Regierungen an substaatliche oder irreguläre Akteure sogar verfestigt. Das tatsächliche Eskalationsspektrum substaatlicher Gruppierungen ist wegen bestehender rechtlicher Grauzonen und der undurchsichtigen und grenzüberschreitenden Strukturen dieser Akteure gerade in den Anfangsszenarien von Konflikten nur schwer kalkulierbar. Konzernartig strukturierte Gruppierungen etablieren sich durch ihre Abstützung auf internationale Finanz- und Logistiknetze als Akteure in Krisengebieten nicht nur mit zunehmender Tendenz, sondern sie erzielen durch ihre intransparenten Strukturen auch eine hohe Durchhaltefähigkeit und damit zusammenhängend häufig auch lokale Überlegenheit in diversen Kriegsschauplätzen. Damit bleibt aktuell, was Henry A. Kissinger schon 1969 erkannt hatte: "Die Guerilla gewinnt, wenn sie nicht verliert. Die konventionelle Armee verliert, wenn sie nicht gewinnt." [5]

Aus der Makro-Perspektive betrachtet, zeichnet sich für künftige Krisen- und Konfliktkonstellationen ab, dass sich die Staatenwelt entsprechend ihrem unterschiedlichen Entwicklungs- und Integrationstempo immer stärker in vormoderne, moderne und postmoderne Staaten differenziert, wobei jede Epoche den Konflikt auf der jeweiligen technologischen Basis und dem entsprechenden Eskalationsniveau austrägt. Dieser Faktor beeinflusst auch die Dauer der Konflikte und die Struktur der Akteure. Angesichts des Fortbestehens divergierender Konfliktebenen, die von Kriegen niederer Intensität (low intensity conflict/warfare) bis zur symmetrischen Eskalation von Großverbänden (unter Einsatz nuklearer Waffen als letzter Konsequenz) reichen, fordert dies von den Streitkräften der westlichen Industriestaaten für das 21. Jahrhundert das kostenträchtige Vorhalten weitreichender militärischer Fähigkeiten für sehr unterschiedliche Eventualfälle und Konfliktebenen. Und es erfordert vor allem eine möglichst objektive, differenzierte Analyse von Ursachen und Verläufen von Konflikten, wobei auch die jeweiligen Zielsetzungen der Verursacher nicht tabuisiert werden sollten.

Fußnoten

1.
Dieser Beitrag enthält die Textfassung eines Referats des Autors vor dem nationalen Lehrgang Admiral-/Generalstabsdienst 2000 sowie vor dem Internationalen Clausewitz Zentrum an der Führungsakademie der Bundeswehr im Dezember 2000. 1 China, Nordkorea, Vietnam, Kuba.
2.
So etwa der Einmarsch ruandischer und ugandischer Truppen in die Demokratische Republik Kongo (DROC) sowie Ugandas in den Süd-Sudan ab 1998.
3.
UNITA = Union für die völlige Unabhängigkeit Angolas.
4.
RUF = Revolutionary United Front.
5.
Henry A. Kissinger, The Vietnam Negotiations, in: Foreign Affairs, 47 (1969) 2, S. 211-234.