APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

"Soziokultur" - dieser vergleichsweise unbestimmte Begriff steht für die Neukonzeption von "Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik". Sehr verschiedene Kulturformen sind darunter zu fassen.

Einleitung

"Soziokultur" - dieser vergleichsweise unbestimmte Begriff steht für die Neukonzeption von "Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik". Sehr verschiedene Kulturformen sind darunter zu fassen. Allen gemeinsam ist, dass sie außerhalb der etablierten Kunst- und Kultureinrichtungen angesiedelt sind. Kulturformen wie die Breiten- und Alltagskultur in der DDR lassen sich nicht unter den Begriff der "Soziokultur" subsumieren. Zum einen gab es diesen zu DDR-Zeiten nicht, zum anderen waren die kulturellen Ausprägungen im Allgemeinen nicht mit jenen "alternativen" Kulturformen identisch, die sich unter dem Dach der "Soziokultur" versammeln.

Dass es dennoch in der DDR und in der Wendezeit Vorläufer und praktische Formen soziokultureller Aktivitäten gab, veranschaulicht Bernd Wagner in seinem Essay. Der Autor sieht in der Soziokultur und ihrer Vielgestaltigkeit eine gute Chance für die weitere deutsch-deutsche Annäherung auf kulturellem Gebiet.

"Soziokultur" sei eine problematische Größe, sowohl vor dem Hintergrund ihrer Geschichte als auch vor dem ihrer Zukunftsaussichten, schreibt Tobias J. Knoblich. Sie entziehe sich einer eindeutigen Beschreibung. Aus kulturpolitischer Sicht verbirgt sich hinter dem Begriff ein Reformversuch, der Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre formuliert wurde und sich gegen die bis dahin eher restaurative Kulturpolitik der Bundesrepublik Deutschland gewandt hat. Den Schöpfern des Begriffs - Hermann Glaser und Karl Heinz Stahl - sei es, so Knoblich, darum gegangen, die Gesellschaft durch Kultur zu demokratisieren: eine "Kultur für alle" und "von allen" zu schaffen.

Genau diesen Anspruch hatten die Kulturinstitutionen der DDR. Horst Groschopp mag sie dennoch nicht unter den Begriff der "Soziokultur" fassen. Er hält "Breitenkultur" für besser geeignet, diese zu charakterisieren. Groschopp subsumiert hierunter die "kulturelle Massenarbeit", innerhalb derer er das "kulturelle" und das "künstlerische Volksschaffen" unterscheidet. Der Autor zeigt, dass die der Breitenkultur der DDR zugrunde liegende Idee auf dem bürgerlichen Konzept der Volkserziehung aus der Endzeit des 19. Jahrhunderts basierte. Dass es in der Phase der Wiedervereinigung - das bürgerliche Element verkennend - als sozialistisches Programm diskreditiert und weitgehend abgeschafft wurde, scheint eine Ironie der Geschichte zu sein.

Die Transformation ostdeutscher politischer Kultur und Alltagskultur der DDR zur postmodernen kapitalistischen Konsumkultur ist das Thema von Laurence McFalls. Der Kanadier, der gewissermaßen von außen auf Deutschland blickt, vertritt die These, dass dieser Transformationsprozess längst abgeschlossen ist. Die kulturelle Vereinigung Deutschlands habe sich unbemerkt - unbemerkt selbst von den betroffenen Ostdeutschen - vollzogen. Er untermauert seine These mit den Ergebnissen einer achtjährigen Feldstudie in den Jahren 1990 bis 1998.

Aus der Perspektive des Kulturhistorikers ist der Transformationsprozess dagegen noch lange nicht beendet. Dietrich Mühlberg geht zwar wie McFalls von einem weitgehend abgeschlossenen Assimilationsprozess der Ostdeutschen aus, beobachtet aber Tendenzen zur Ausbildung einer ostdeutschen Teilkultur. Der Autor sieht sogar Chancen dafür, dass die ostdeutsche Teilgesellschaft eine Dynamik entwickelt, von der Impulse auf das Gesellschaftsganze ausgehen. Dass es derzeit kaum staatliche Projekte gibt, welche die kulturelle Verschiedenheit nutzbar machten und den Ostdeutschen so das Gefühl ermöglichten, "wirklich" dazuzugehören, hält Mühlberg für ein Versäumnis der Politik.