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26.5.2002 | Von:
Bernd Wagner

Soziokultur West - Soziokultur Ost

Der Beitrag skizziert die Entwicklung des Verständnisses und der Praxis von Soziokultur in West- und Ostdeutschland. Dabei werden z.B. die beiden zentralen Traditionen kurz beschrieben.

Einleitung

Der Begriff "Soziokultur" ist eigentlich eine unsinnige, zumindest aber eigenwillige Wortzusammensetzung: Sozio-Kultur = Gesellschafts-Kultur [1] . Als gäbe es eine Kultur, die nicht gesellschaftlich ist. Ungeachtet dieser eigensinnigen Konstruktion hat sich der Terminus in den westdeutschen Bundesländern seit knapp 30 Jahren und in den ostdeutschen nach der Wende verbreitet und etabliert. "Soziokultur" und die damit verbundenen Kulturformen sind seit längerem Gegenstand von Kulturpolitik und öffentlicher Förderung. Allerdings bleibt trotz dieser Etablierung und Akzeptanz ihr eigentlicher Inhalt weiterhin vage. Im Allgemeinsten bezeichnet heute Soziokultur ein Praxisfeld, das sich mehr oder weniger von den traditionellen Kulturinstitutionen unterscheidet, in sich aber sehr vielgestaltig und wenig klar definiert ist.

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  • Als vor knapp 30 Jahren mit der Programmschrift der Neuen Kulturpolitik "Die Wiedergewinnung des Ästhetischen" [2] von Hermann Glaser und Karl Heinz Stahl das Präfix "sozio" in die westdeutsche kulturpolitische Diskussion eingeführt wurde, ging es darum, das abgehobene Kunst- und Kulturverständnis der bisherigen Kulturpolitik zu überwinden. In den "Perspektiven und Modellen einer neuen Soziokultur", wie der Untertitel des Buches heißt, artikulierten die beiden Autoren das "Unbehagen" an der traditionellen Kulturpolitik, eng verbunden mit der Kritik am bürgerlich "affirmativen Charakter der Kultur" (Herbert Marcuse), der die kulturpolitische Praxis in Westdeutschland nach 1945 geprägt hatte. Dieser traditionelle Kulturbegriff sollte aufgehoben werden in einer "nicht-affirmativen Kultur" und einer Kulturpolitik, welche die Trennung zwischen den Kulturen sowie zwischen Kultur und Gesellschaft überwindet. Für diesen erweiterten Kulturbegriff und die programmatische Neuorientierung der Kulturpolitik setzen sie in Anlehnung an Diskussionen in anderen westeuropäischen Ländern als "Hilfskonstruktion" das Präfix "sozio" vor "Kultur".

    In den beiden im selben Jahr erschienenen Büchern "Plädoyers für eine neue Kulturpolitik" von Olaf Schwencke u. a. und "Perspektiven der kommunalen Kulturpolitik" von Hilmar Hoffmann [3] bekam diese Neukonzeption von "Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik" (Alfons Spielhoff) und mit ihr der Terminus "Soziokultur" seine theoretischen Weihen durch die damals wichtigsten reformorientierten Kulturpolitiker (unter den 63 Autoren der beiden Sammelbände war keine einzige Frau): "Kultur in unserer Zeit und in einer demokratischen Industriegesellschaft darf aber die Realität nicht meiden, sondern muss engagiert gesellschaftskritisch und politisch wirken. Diese Kultur ist Sozio-Kultur." [4] Und als solche stand "Soziokultur" für die Konkretisierung und Umsetzung der programmatischen Ansprüche der neuen reformierten Kulturpolitik "Kultur für alle" (Hilmar Hoffmann) ". . . und von allen" (Kulturpolitische Gesellschaft) beziehungsweise "Bürgerrecht Kultur" (Hermann Glaser).

    Diese neue Soziokultur der reformfreudigen Kulturpolitiker der damaligen Zeit bezog einen Teil ihrer praktischen Anregungen aus den in der zweiten Hälfte der sechziger und in den siebziger Jahren neu entstandenen Projekten und Initiativen der freien und alternativen Kultur. Hier wurde Soziokultur, wenn auch häufig nicht unter diesem Namen, entwickelt, praktiziert und gelebt. Ziel dieser verschiedenen kulturellen Ansätze und neuen künstlerischen Formen war es, die festgefügte Trennung von kulturellem und öffentlichem Raum zu überwinden und die Schranken zwischen Publikum und Künstlern sowie zwischen professioneller Kunstproduktion und selbstorganisiertem künstlerisch-kulturellem Schaffen zu durchbrechen. Mit den dadurch hervorgebrachten neuen Formen und Inhalten sollten die weitgehend erstarrten kulturellen Verhältnisse "zum Tanzen gebracht" und verändert werden: Freies Theater auf Straßen, öffentlichen Plätzen und in aufgelassenen Fabrikhallen, selbstverwaltete Kultur- und Jugendzentren, politisch-avantgardistische Kunstaktionen im öffentlichen Raum, Kulturarbeit mit Kindern, Jugendlichen, sozial Marginalisierten und anderen, von den öffentlichen Kulturangeboten bislang ignorierten Bevölkerungsgruppen waren Ausdruck dieser neuen "alternativen Kultur". Soziokultur war in diesem Zusammenhang Ausdruck eines veränderten Gesellschafts-, Kultur- und Lebensverständnisses der Menschen und das Geltendmachen von Partizipationsansprüchen in kulturellen und politischen Bereichen.

    Erst durch das Zusammentreffen dieser beiden Stränge - der Reformoptionen der Kulturpolitik und des Engagements der "freien Kultur" - konnte sich die Soziokultur in der Bundesrepublik in dieser kurzen Zeit in solchem Umfang entwickeln und kulturpolitisch anerkannt werden. Sie ist innerhalb von gut eineinhalb Jahrzehnten, wie es in der Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage "Soziokultur" von 1990 heißt, "zu einer festen Größe im kulturellen Leben der Bundesrepublik geworden" [5] . Es gibt seit den achtziger Jahren kaum eine politische Partei oder kulturpolitische Gruppierung, die nicht die innovativen und bereichernden Funktionen der Soziokultur und ihre soziale und arbeitsmarktpolitische Bedeutung anerkennt, und kaum eine Stadt, die sich nicht auf ihren Vierfarbenprospekten mit dem bunten Treiben und der gewachsenen Vielfalt soziokultureller Praxis schmückt. Ohne diese Angebote würde in der Tat ein Großteil der kulturellen Interessen der Bevölkerung unbefriedigt bleiben, einzelne Bereiche des kulturellen Lebens wären überhaupt nicht vorhanden und in den Städten wäre das kulturelle Leben erheblich ärmer und eintöniger.

    Die gestiegene Akzeptanz und die damit einhergehende öffentliche, wenn auch immer noch bescheidene Förderung verlief parallel mit einer schrittweisen Veränderung der soziokulturellen Aktivitäten. Dabei haben sich Konzepte und Praxis der Soziokultur in der Bundesrepublik der siebziger und achtziger Jahre nicht gradlinig entwickelt, sondern über Umwege, Brüche und häufige Neuorientierungen. In diesem Entwicklungsprozess meint "Soziokultur" immer weniger eine spezifische kulturpolitische Reformprogrammatik als ein ausdifferenziertes kulturelles Praxisfeld im Überschneidungsbereich von Kultur-, Bildungs- und Sozialarbeit außerhalb der etablierten Kunst- und Kultureinrichtungen. Die Aktivitäten von freien Kulturgruppen, soziokulturellen Zentren, Jugendkunstschulen, Freier Theaterensembles, kultureller Kinder- und Jugendarbeit, Geschichtswerkstätten, Interkulturprojekten und Stadtteilkulturarbeit bilden den Kernbereich dieser soziokulturellen Praxis. Als solches Praxisfeld ist Soziokultur zu einer nicht mehr wegzudenkenden Ergänzung der kulturellen Aktivitäten und künstlerischen Angebote der traditionellen Kulturinstitutionen geworden, die von den soziokulturellen Aktivitäten oft wichtige Impulse für ihre eigenen Arbeiten erhalten und aufgegriffen haben.

    Die Erfolgsgeschichte der Soziokultur beschränkt sich aber nicht auf das Praxisfeld der soziokulturellen Einrichtungen und Projekte, welche die bundesrepublikanische Kulturlandschaft erweitert und die gegenwärtige Vielfalt hervorgebracht haben. Zu dieser Erfolgsgeschichte gehört auch die allgemeine Neuorientierung kulturpolitischen Denkens und Handelns im Sinne eines soziokulturellen Verständnisses von Kultur. Die allgemeine Akzeptanz eines "soziokulturellen Kulturverständnisses" an Stelle eines über mehr als eineinhalb Jahrhunderte bis in die sechziger Jahre in Deutschland beziehungsweise der Bundesrepublik vorherrschenden Kulturbegriffs, der auf das Geistige, die schönen Künste und die humanistische Bildung eingeschränkt war, ist Folge einer Vielzahl von Entwicklungen. Aber sie geht auch zu nicht geringen Teilen auf die soziokulturelle Praxis und Reformprogrammatik der siebziger und achtziger Jahre zurück.

    Dieses soziokulturelle Verständnis von Kultur, Kulturarbeit und Kulturpolitik zeichnet sich trotz vieler unterschiedlicher Ausdrucksformen und diskontinuierlicher Entwicklungen durch einige gemeinsame inhaltliche Grundsätze aus. Dazu gehören der Anspruch,

    - die kulturelle und künstlerische Selbsttätigkeit der Menschen zu stärken sowie zur Selbstorganisation und Selbstverwaltung von Kultureinrichtungen und Kulturprojekten beizutragen;

    - künstlerische Produktions-, Vermittlungs- und Aneignungsformen in die Alltagskultur einzubinden und möglichst vielen Menschen den Zugang zu Kultur und Kunst zu erleichtern;

    - die Integration verschiedener Altersgruppen, sozialer Schichten und unterschiedlicher Nationalitäten durch kulturelle Aktivitäten zu unterstützen und somit zum "innergesellschaftlichen Kulturaustausch" (Hermann Glaser) beizutragen sowie

    - das Verständnis emanzipativer kultureller Praxis, die helfen möchte, dass Menschen selbst "Bilder eines gelungenen Lebens" entwickeln und ausprobieren können.

    Auch wenn diese inhaltlichen Orientierungspunkte nicht mehr durchgängig Grundlage der praktischen soziokulturellen Arbeit sind, so stehen sie weiter für ein soziokulturelles Verständnis kulturellen und kulturpolitischen Handelns. Dies gilt umso mehr, als der Preis für die Erfolgsgeschichte der Soziokultur in einer teilweisen Anpassung ihrer praktischen Aktivitäten an traditionelle Angebotsstrukturen besteht und zum Teil auch in einem Abschied von ursprünglichen Zielsetzungen und Inhalten. Hierzu gehören in den soziokulturellen Zentren beispielsweise das Zurückgehen gesellschaftspolitischer Veranstaltungen, eine zunehmende Dominanz vor allem unterhaltender Musikangebote und immer häufiger Kulturangebote für relativ homogene Besuchergruppen. Diese Entwicklungen und die Veränderungen der Arbeitsweisen und inneren Strukturen soziokultureller Einrichtungen durch Professionalisierung und Institutionalisierung haben innerhalb der Soziokultur eine Reihe von selbstkritischen Stimmen laut werden lassen, die Desorientierung, Marktanpassung, Entpolitisierung und die Aufgabe emanzipatorischer Zielsetzungen beklagen. So betrachtet war im Erfolg auch das Scheitern einiger Prämissen des Selbstverständnisses der Soziokultur angelegt, ohne dass damit das ganze Konzept gescheitert ist, wie heute öfter geäußert wird.

    "Kongress der SiegerInnen" hieß, mit durchaus ironischem Unterton, die Tagung der Bundesvereinigung sozio-kultureller Zentren Ende der achtziger Jahre, auf der Bilanz gezogen und selbstkritisch das bis dahin Erreichte und die weiteren Perspektiven diskutiert wurden. Die Perspektiven änderten sich aber in einer Weise und in einer Geschwindigkeit, wie sie auf dieser Tagung nicht vorhersehbar waren. Der "Kongress der SiegerInnen" 1988 in Essen war das letzte überregionale Zusammentreffen der Zentren aus den westdeutschen Bundesländern. Danach kam die "Wende", und das nächste überregionale Treffen soziokultureller Einrichtungen fand 1992 unter dem Titel "Utopien leben" in Ostberlin statt.

    Auch wenn die soziokulturelle Praxis in den westdeutschen Bundesländern in den neunziger Jahren wenig von diesem Umbruch berührt scheint, so hat sich das Verständnis soziokultureller Arbeit durch die Aktivitäten unter der Bezeichnung "Soziokultur" in den ostdeutschen Bundesländern nach der "Wende" verändert. Das schlägt sich vor allem dort nieder, wo Vertreterinnen und Vertreter von "Soziokultur West" und "Soziokultur Ost" zusammentreffen und zusammenarbeiten wie beispielsweise in den verschiedenen soziokulturellen Bundesverbänden. Die vielleicht nicht auffälligste, aber bedeutendste Veränderung besteht aber in einer gewachsenen Wertschätzung soziokultureller Alltagsarbeit durch deren anerkannte Bedeutung innerhalb der Kultur- und Kommunalpolitik in den ostdeutschen Städten und Ländern. Im Westen hat es ein bis zwei Jahrzehnte - eine Zeit oft heftiger kulturpolitischer Auseinandersetzungen - gedauert, bis die "Schmuddelkinder" der Alternativ- und Soziokultur als Gesprächspartner der Kulturpolitik und Empfänger von Fördermitteln anerkannt waren. Im Transformationsprozess in Ostdeutschland ging diese Entwicklung erheblich schneller vonstatten, und in der Regel wurde und wird hier Soziokulturarbeit viel selbstverständlicher als vielfach noch in den westdeutschen Städten als unverzichtbarer Teil der kommunalen Kulturlandschaft begriffen und auch entsprechend gefördert. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass es ein ostdeutscher Oberbürgermeister, Matthias Platzeck in Potsdam, war, der im Sommer 2000 in der Begründung zur Schließung der Potsdamer Philharmonie an zentraler Stelle anführte, dass andernfalls die "Soziokultur und die freie Szene hätten abgewickelt" werden müssen.

    Dabei gab es die Bezeichnung "Soziokultur" in der DDR nicht, und sie kam hier erst nach der "Wende" im Zuge der Anpassung des "Beitrittsgebietes" an die bundesrepublikanischen Kulturstrukturen auf. Die Übernahme des Begriffs und seine Karriere in den neuen Bundesländern war möglich, weil "Soziokultur" in den Ausführungen zu den Bundesprogrammen der kulturellen Übergangsfinanzierung neben den traditionellen Kulturformen speziell aufgeführt worden war. Manches, was nicht eindeutig anderen Sparten zuzuordnen war, konnte und wurde unter dem Stichwort "Soziokultur" in die Förderung aufgenommen; darunter waren zahlreiche Einrichtungen und Aktivitäten, die in DDR-Zeiten unter der Bezeichnung "Breitenkultur" zusammengefasst waren [6] . Die ausdrückliche Erwähnung von "Soziokultur" in den Förderprogrammen war die eine Ursache für die rasche Verbreitung und schnelle Akzeptanz des "westlichen" Begriffs "Soziokultur", die andere war, dass es in der DDR und in der Wendezeit Vorläufer und praktische Formen soziokultureller Aktivitäten gab.

    Die kulturelle Praxis aus der Zeit der DDR und der Wende, die unter dem Dach der neuen "Soziokultur" Platz finden konnte, war in sich sehr heterogen und bestand im Wesentlichen aus drei kulturellen Gruppen. Zum einen handelte es sich um große Bereiche der eher traditionellen Breitenkultur und des kulturellen Volksschaffens. Den Mittelpunkt bildete hierbei die Klub- und Kulturhaus-Arbeit mit den vielfältigen künstlerischen und kulturellen Zirkeln. Während die mit Betrieben, LPGs, Gewerkschaften und anderen gesellschaftlichen Organisationen verknüpfte Breitenkulturarbeit wie Bibliotheken, Musikgruppen, Theaterensembles nach der Übernahme der bundesrepublikanischen Politik- und Wirtschaftsstrukturen sehr rasch keine Basis mehr hatte, konnte eine Reihe von Kulturhäusern, Jugendklubs und vergleichbarer Einrichtungen aus der DDR-Zeit unter dem Namen "Soziokultur" der Abwicklung entgehen und ihre Arbeit, Ziele und Strukturen entsprechend der veränderten Situation neu entwickeln. Das betrifft nicht nur Einrichtungen, sondern auch verschiedene Formen der Kulturarbeit etwa mit Kindern, Jugendlichen oder anderen sozialen Gruppen, die in freier Trägerschaft fortgesetzt und als Soziokultur gefördert werden konnten.

    Eine zweite Gruppierung bildeten die mehr oder weniger geduldeten selbstorganisierten Kunst- und Kulturaktivitäten vor allem von Jugendlichen und oppositionellen Künstlern in halb privaten, halb öffentlichen Räumen, die sich seit Ende der siebziger Jahre in der DDR ausgebildet hatten. Zu diesen subkulturellen Treffen und Gruppierungen um Performances, Rockmusik, avantgardistische Malerei und Lesungen kamen in den letzten Jahren der DDR auch die kulturellen Aktivitäten der Demokratie- und Umweltbewegung hinzu. Nach dem Ende der DDR fanden eine Reihe dieser Akteure und Gruppen unter dem Dach "Soziokultur" die Möglichkeit, ihre Arbeit fortzusetzen.

    Eine dritte Quelle der Soziokultur im Osten - neben dem Bereich der traditionellen Breitenkultur und der künstlerischen und politischen Alternativszenen - bildeten die in der Wendezeit entstandenen neuen kulturellen und kulturpädagogischen Einrichtungen, die entweder DDR-Ansätze aufgriffen oder, was häufiger der Fall war, sie bewusst negierten und sich an westdeutschen Vorbildern orientierten. Soziokulturelle Zentren, kulturpädagogische und jugendkulturelle Einrichtungen gehören vor allem hierzu.

    Aus diesen drei Strängen hat sich die "Soziokultur Ost" herausgebildet. Und als solche ist sie ein Produkt der demokratischen Wende, in dem allerdings im Unterschied zu zahlreichen anderen neuen Formen, Strukturen und Inhalten aus dem Westen auch Erfahrungen und Traditionen aus der DDR und der Wendezeit einen Platz haben. Deshalb stellten nicht wenige kulturelle Akteure irgendwann in den frühen neunziger Jahren mit Erstaunen fest, dass sie seit Jahren soziokulturelle Projekte gemacht hatten.

    Die Möglichkeit, bisherige Kulturaktivitäten unter neuem Etikett weiterzuführen, hatte ambivalenten Charakter. Zum einen konnten dadurch kulturelle Einrichtungen der Abwicklung entgehen, und eine Reihe von Menschen fanden hier eine Perspektive weiterer sinnvoller kultureller Tätigkeit, verbunden mit einer gewissen Vertrautheit angesichts der neuen ungewohnten Dominanz ökonomischer Paradigmen. Zum anderen wurde die Nähe zu althergebrachten Formen von Kulturarbeit von einigen aber auch dazu genutzt, nur ein neues Etikett auf die alte Praxis zu kleben und zu ignorieren, dass mit der Wende auch eine partei- und staatsbezogene beziehungsweise paternalistische Kultur und Kulturpolitik abgewählt worden war.

    Dieser Doppelcharakter der Soziokultur in Ostdeutschland als Form freier, selbstbestimmter kultureller Aktivitäten und als Anknüpfen an Traditionen und Werte kulturellen Tätigseins aus der DDR- und Wendezeit macht ihre Besonderheit aus. Diese unterscheidet sie sowohl von der Soziokultur im Westen als auch von den meisten anderen Kultursparten und -institutionen im Osten.

    Auch wenn sich in den vergangenen zehn Jahren die Traditionsstränge, die die "Soziokultur Ost" mit der DDR- und Wendezeit verbinden, vielfach abgeschliffen haben, so ist sie weiter durch ihre kurze, aber andere Geschichte als im Westen geprägt. Das betrifft zum einen die erwähnten Traditionslinien. Zum andern war die Soziokultur hier von Beginn an viel direkter in das kommunale Kulturgeschehen eingebunden und aktiver Teil der gesellschaftlichen Umgestaltung der Kulturlandschaft in den ostdeutschen Kommunen und Ländern. Daraus hat sich ein engeres Zusammenwirken von öffentlicher Verwaltung, freien Trägern und soziokulturellen Akteuren entwickelt. Dieses ist weniger "ideologisch" belastet, als es vielfach noch im Westen der Fall ist. Dabei hat sie auch mit den verkrusteten Strukturen und der ideologischen Belastung in der früheren DDR-Kulturlandschaft gebrochen.

    Die beiden Entwicklungsstränge von "Soziokultur West" und "Soziokultur Ost" noch stärker als bislang aufeinander zu beziehen und in der Zusammenarbeit nicht nur die unterschiedlichen Erfahrungen und jeweiligen Identitäten anzuerkennen, sondern sie auch zu einem gemeinsamen Neuen weiterzuentwickeln ist eine herausfordernde Aufgabe. Wenn aus dem Zusammengehen von Ost und West in der neuen Bundesrepublik auf kulturellem Gebiet etwas Drittes, Neues entstehen kann, dann in der Soziokultur.

    Internetverweise des Autors:  

    www.soziokultur.de

    www.kupoge.de

    Fußnoten

    1.
    Anmerkung der Redaktion: Zum Begriff Soziokultur, zu dessen Geschichte und Perspektiven siehe auch den Beitrag von Tobias J. Knoblich in diesem Heft.
    2.
    Hermann Glaser/Karl Heinz Stahl, Die Wiedergewinnung des Ästhetischen. Perspektiven und Modelle einer neuen Soziokultur, München 1974.
    3.
    Olaf Schwencke u. a., Plädoyers für eine neue Kulturpolitik, München 1974; Hilmar Hoffmann, Perspektiven der kommunalen Kulturpolitik, Frankfurt am Main 1974.
    4.
    Dieter Sauberzweig, Kulturpolitik und Stadtentwicklung, in: Hilmar Hoffmann (Hrsg.), Perspektiven kommunaler Kulturpolitik. Beschreibungen und Entwürfe, Frankfurt am Main 1974, S. 40f.
    5.
    Bundestagsdrucksache 11/6971.
    6.
    Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu den Beitrag von Horst Groschopp zur Breitenkultur in Ostdeutschland in diesem Heft.