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26.5.2002 | Von:
Horst Groschopp

Breitenkultur in Ostdeutschland

Herkunft und Wende - wohin?

Das "kulturelle Volksschaffen" in der DDR wird als "Breitenkultur" vorgestellt. Der Beitrag würdigt die historischen Quellen in ursprünglich betrieblich-privaten bürgerlichen Konzepten von "Volkswohl" im 19. Jahrhundert.

I. Breiten-, nicht Soziokultur

"Breitenkultur" steht in Kontrast zu "Spitzenkultur". In diesem Sinne trifft der Begriff durchaus DDR-spezifische und daraus nach der Wiedervereinigung hervorgegangene kulturelle Angebote und Tätigkeiten umfänglicher und genauer als der Terminus "Soziokultur". "Soziokultur" ist zwar ebenfalls sehr unbestimmt und steht, wie Peter Alheit resümiert, "für eine Vielfalt von Aktivitäten - von der Alltagskultur der Leute bis zum polit-ästhetischen Experiment, von hausbackener Kommunalpolitik bis zu Gramscis ,Zivilgesellschaft' " [1] . Doch wegen der daran geknüpften Rolle als generationen- und spartenübergreifendes Integrations- und Oppositionsprojekt mit sozialer Orientierung unter Beachtung von Adressatenspezifik und Dezentralität ist "Soziokultur" auf die DDR nur bedingt anwendbar. Es gab keine "freien Träger" und keine freien Kommunen, demzufolge auch kein Subsidiaritätsprinzip und (fast) keinen Markt der Sinnangebote. Die Akteure kultureller Tätigkeiten fanden sich eingebunden in ein kulturstaatliches Programm mit den Nachteilen beschränkter Freiheit und den Vorzügen gesicherter Alimentation und öffentlicher moralischer Anerkennung. Das Tun und Lassen der etwa 20 000 Beschäftigten in den noch darzustellenden Institutionen der DDR-Breitenkultur stand in einem systemischen Unterschied zu ihren Pendants im westlichen deutschen Teilstaat. Absichten, Formen und Ergebnisse des "kulturellen Volksschaffens" im Rahmen der "sozialistischen Nationalkultur" im Osten sind nur sehr beschränkt vergleichbar mit der "Neuen Kulturpolitik" und den Ambitionen der "Neuen sozialen Bewegungen" im Westen - jedenfalls nicht ohne gründlichere vergleichende historische Studien, als sie derzeit vorliegen. Diese Lage lässt eine direkte Übertragung des Begriffs Soziokultur nicht zu.

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  • Außerhalb enger kulturwissenschaftlicher Zirkel ist der Terminus auch erst 1990 in das "betreffende Gebiet" eingeführt worden und erlebte in den darauffolgenden drei bis fünf Jahren eine Inflation seines Gebrauchs. Er war im Westen bekannt, die importierten Verwalter kannten ihn. Und sie wurden bald mit diversen, nun "Soziokultur" genannten kulturellen Angeboten und Tätigkeiten aus DDR-Zeiten konfrontiert. Warum sollte etwa ein Pionierblasorchester - bar anderer möglicher Träger - sich nicht unter der Fahne Soziokultur zu retten versuchen durch Umwidmung des Tuns?

    Der Begriff Breitenkultur ist auch deshalb besser geeignet, einer Reihe von Kulturinstitutionen eine summarische Überschrift zu geben, weil die in der DDR üblichen "Fachbegriffe" zeitbedingt waren. Es müsste dann die Rede sein von der "kulturellen Massenarbeit", innerhalb deren das "kulturelle Volksschaffen", wiederum unterschieden vom "künstlerischen Volksschaffen", einen hervorgehobenen Platz einnahm.

    Kulturelle Massenarbeit - parteipolitisch gedacht als besonderes Feld der Agitation und Propaganda der SED - umfasste annähernd alle organisierten Aktivitäten im Freizeitbereich. Und nahezu alles in der DDR war irgendwie organisiert, sobald es die Sphäre des Privaten verließ und in die Öffentlichkeit treten wollte: Sport und Kleingartenwesen, Denkmale, Münzgeschichte, Züchten und Sammeln, Wohnumwelt u.v.a.m. - selbst die großen Skatturniere in der DDR, nach einem Verdikt von Walter Ulbricht weder Kultur noch Sport, wurden von der Nationalen Front ausgerichtet.

    Kulturelles Volksschaffen war ebenfalls weit gefasst, engte aber das Spektrum weiter ein auf die Fest- und Feierkultur, eingeschlossen die Jugendweihen, volkssportliche und kulturtouristische Unternehmungen, Klubs und Kulturhäuser, Unterhaltung, Tanz, Geselligkeit (Diskotheken! [2] ), Beratung, Kultur in der Gastronomie - und das künstlerische Volksschaffen.

    Dieser Begriff wiederum bezeichnete Räume wie Organisationsformen der Laienkunst (Grafik, Malerei und Literatur), aber auch Theaterzirkel und Musikgruppen, Chorgesang und Kabarett. Dazu gehörte die Beschäftigung mit Keramik, Holz, Textilien, Metall; Weben oder Fotografieren; Junge Talente; Folklore (etwa Klöppeln und Schnitzen im Erzgebirge); es fielen aber auch Kabaretts, Karnevalsklubs, Kammermusik, komponierende und schreibende Werktätige, Mundartpflege, Volksmusik, Musiktheater, Pantomime, Puppentheater, Rezitatoren, Arbeitersinfonik, Singebewegung, Tanzmusik, Laientheater, Turniertanz, Zauberkunst ("Magie der DDR"), Filmklubs und - der frühen Theorie nach, weniger der Praxis - am Moped oder Motorrad basteln darunter. Über 10 000 solcher Zirkel waren Ende der achtziger Jahre registriert, über 1 000 Kulturhäuser, 800 "Klubs der Werktätigen", 4 200 Jugendklubs, 4 500 Dorfklubs usw.

    Ein sozialer Anspruch lag der Kulturarbeit (unter Beachtung entsprechender Bedürfnisse, die zweifellos vorhanden waren) insofern zugrunde, als aus einem (nach Bertolt Brecht) "kleinen Kreis der Kenner" ein "größerer Kreis" geschaffen werden sollte. Dies wurde als geistig-kultureller Aufstieg der "Werktätigen" begriffen, als endliche Verwirklichung humanistischer Ideale. Das Bild vom singenden Arbeiter im Kulturhaus [3] war keine reine Utopie, sondern (sicher in der Masse illusorisch) Symbol für das Bemühen Tausender "Kulturarbeiter", Arbeitern Kultur zu bringen. Dem war auch das Verständnis von Sozialarbeit zugeordnet [4] . Es folgte keineswegs dem heutigen Verständnis, zu dem sich letztlich auch "Soziokultur" in Beziehung bringt.

    Soziokultur verstand sich im Westen als Offerte an sogenannte kulturell marginalisierte Gruppen, durch mehr Teilhabe an Kultur sich in Stand zu setzen, Demokratie sachverständig und aktiv auszuüben. In diesem Sinne wollten die kulturellen Animateure auch Sozialarbeit leisten und die starre Grenze zum Sozialressort durchbrechen - und damit auch die zwischen freiwilliger Leistung für Kultur und pflichtiger Aufgabe für Soziales. Diese Frage stand in der DDR gar nicht. Jedenfalls wurde das Thema gesellschaftspolitisch nicht öffentlich problematisiert, also auch nicht haushaltspolitisch.

    Fußnoten

    1.
    Peter Alheit, Soziokultur - ein unvollendetes Projekt, in: Norbert Sievers/Bernd Wagner (Hrsg.), Bestandsaufnahme Soziokultur, Stuttgart u. a. 1992, S. 55.
    2.
    Eine Diskothek war eine Veranstaltung, kein Unterhaltungsbetrieb. Personen, die das Geschäft betrieben, benötigten einen Nachweis für künstlerisches Volksschaffen, wie andere in anderen Genres. Die staatlich geprüften "Schallplattenunterhalter" (1989 etwa 80 freiberuflich und 5 000 ehrenamtlich Tätige) machten durch ihre Anwesenheit und Beschäftigung den Saal in einem Kulturhaus oder Klub zeitweilig zur Diskothek. Sie hatten in der Regel eine positive Haltung zum Kommerz und, falls das Kulturzentrum in der Wende an die Soziokultur fiel, ähnliche Legitimationsprobleme wie vorher.
    3.
    Vgl. Horst Groschopp, Der singende Arbeiter im Klub der Werktätigen. Zur Geschichte der DDR-Kulturhäuser, in: Ostdeutsche Kulturgeschichte, Berlin 1993, S. 86-131.
    4.
    Einrichtungen der "kulturellen Massenarbeit" waren soziale und zugleich kulturelle Einrichtungen. Vgl. Autorenkollektiv (Ltg. Johannes Gurtz/Horst Heiden), Die Finanzierung der kulturellen und sozialen Einrichtungen, Berlin 1981, S. 15, 114, 258.