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26.5.2002 | Von:
Horst Groschopp

Breitenkultur in Ostdeutschland

Herkunft und Wende - wohin?

II. "Volkswohl" in der DDR

Volksnahe Kulturarbeit ist in Deutschland ein Produkt des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts. Daran hat die DDR konzeptionell und institutionell angeknüpft [5] . Bis zur 48er Revolution wurde noch weitgehend in Frage gestellt, ob untere Schichten bürgerliche Moral, Würde und Liberalität überhaupt ausbilden könnten. Übereinstimmung bestand darüber, dass die Erziehung der unteren Schichten zur Reinlichkeit und Sauberkeit den eventuellen ästhetischen Einflüssen voranzugehen habe. Dieser sittlichen Aufgabe habe sich die Schule zu widmen. "Übertriebenen" Bildungsforderungen des Volkes sei von Seiten des Staates entgegenzutreten: Dem Pflüger etwa dürfe durch Kultur nicht sein Zustand und sein Auftrag als Pflüger verleidet werden [6] .

Die sozialen Ereignisse des Vormärz, besonders die Existenz freireligiöser Vereine und der ersten Arbeiterbewegungen, die das Grimmsche Wörterbuch noch "Arbeiterkrawalle" nennt, stellten diese Position in Frage. Wichtig für die Entstehung von Kulturarbeit wurde in der Folgezeit die Innere Mission und ihre Gründung von Volkskaffeehäusern als Gegengewicht zu den Wirtshäusern, von Rettungshäusern für verwahrloste Jugendliche und von evangelischen Versammlungs- und Vereinshäusern außerhalb der Kirchen. Es wurden auch erste Jugendbibliotheken eingerichtet. Sie wandten sich an unverheiratete junge Proletarier. Selbstverständlich sah diese Kulturarbeit nur die Unterschichten als Adressaten. Die "besseren Stände" vermochten sich selbst zu helfen.

Die Idee, das emanzipative Muster des freien Vereins zur Disziplinierung des Arbeiterstandes zu nutzen, wurde 1844 vorgestellt. Der Tübinger Staatswissenschaftler Andreas Fallati (1809-1855), der 1848 zum linken Zentrum in der Frankfurter Nationalversammlung gehörte, meinte, man solle staatsbeaufsichtigte Vereine zur Volkserziehung einführen und mit der Zwangsmitgliedschaft für Arbeiter verbinden. Fallati bezweckte eine "Veredlung der Vergnügungen" der unteren Volksschichten und die "Einführung der Mäßigkeit" (Mäßigkeit meinte zweierlei: Das Volk hatte das Maß seiner ihm zugestandenen Bedürfnisse nicht zu überschreiten und in seinem Auftreten sollte es maßvoll sein, seines unteren Ranges eingedenk bleiben.) mit Hilfe der "sittigende(n) Kraft des Schönen". Zu diesem Zwecke wollte er Kunst-, Gesangs- und Tanzvereine schaffen und deren Tun mit Belehrungen, technischem Unterricht, Bücherverleih und "Geldhülfe" verbinden. Er dachte sogar an spezielle Kulturräume, denn die örtliche Verwaltung sollte zu "einem strengen Verhalten gegen solche Proletarier [berechtigt werden], welche in die veredelnden Vereine nicht eintreten, oder von deren Mitgliedern ausgeschlossen werden" [7] . Man begann zu jener Zeit den Proletarier vom Arbeiter zu unterscheiden. Letzterer galt als guter Mensch, durch stete, fleißige und duldsame Arbeit sowie durch jene Bildung veredelt, die er für seinen Beruf braucht. Er meidet das Wirtshaus mit dessen unsittlichen Verlockungen, gründet Familie und Hausstand, spart sich etwas Geld für den Notfall. An seinem Wohnort tritt er dem Verein bei, wie er Fallati vorschwebt. So kann er als Armer der Gemeinde nicht zu Last und als aufsässiger Geselle der Sittenpolizei nicht auffallen. Wer sich dem "freiwilligen Zwang" zum Beitritt entzieht, sondert sich ab, bleibt Prolet, muss den Ort verlassen und vagabundieren, bis er von selbst zur richtigen Einsicht kommt oder dazu im Arbeitshaus oder ähnlichen Einrichtungen gebracht wird. Diesen gewaltsamen Anpassungszwängen gegenüber war Fallatis Angebot sehr liberal. - Doch wo sollte die Kultur- und Bildungsarbeit stattfinden?

Das Theater - obwohl dafür mehrfach vorgeschlagen - konnte diese Rolle in der Folgezeit nicht übernehmen. Diese Lücke wurde durch die Klub-Idee geschlossen, die in Gestalt von Erfahrungen und Fiktionen der englischen "Settlements" sowie der amerikanischen Nachbarschaften nach Deutschland importiert wurde und sich mit der Vereins-, Gemeinde- und Missionsidee verband.

Als vorbildliche Einrichtung galt allen späteren Versuchen - hier beginnt wohl moderne Soziokultur - die 1884 als Heimstätte in einem Londoner Mietshaus errichtete Toynbee-Hall, eine Art Bastion philantropischer, abenteuerfreudiger, reformwilliger und studierender junger Männer inmitten unwirtlicher Arbeiterquartiere. Die übergreifende Idee der "Universitäts-Ausdehnung" mittels "Settlements" folgte zunächst noch einem praktischen evangelischen Christentum, öffnete sich aber sehr bald und notgedrungen - vor allem unter dem Einfluss von Stanton Coit - nicht-englischen ethnischen Gruppen und allgemeineren ethischen Zielen. Wilhelm Bode, der einen der ersten Berichte in Deutschland über die Toynbee-Hall schrieb, prägte den Begriff vom "Volkspalast" [8] . So entstand in Deutschland die "Volkshausbewegung".

Was ein Repräsentant der bürgerlichen "Volkswohl"-Bewegung - Karl Victor Böhmert (1829-1918) - in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts formulierte, nämlich ein sozialkulturelles Programm, war in der DDR 100 Jahre später weitgehend Realität. Der Jurist, erst Wirtschaftsjournalist, dann Direktor des Statistischen Büros in Dresden und 1903 zum Professor an die dortige Technische Hochschule berufen, formte damals ein folgenreiches Konzept sozialkultureller Arbeit, das betriebliche und kommunale Interessen verkoppelte. Er förderte durch seine Zeitschrift Der Arbeiterfreund einen Verbund von Vereinen mit den Namen Arbeiterwohl, Gemeinwohl, Volkswohl, Wohl der Arbeiter usw. Sie wurden von Angehörigen der besitzenden Klassen gegründet, um Unfrieden aus den Betrieben fern zu halten.

Eine große Zahl von Fabrikanten setzte sich - bezogen auf ihre eigenen Stammarbeiter - für eine überkonfessionelle und allgemein ethisch begründete Kultur- und Bildungsarbeit in der Freizeit besonders der städtischen Proletarier ein. Sie boten und finanzierten - wie in Jena Ernst Abbe - bildende Erholung außerhalb der Arbeit. Dabei sollte dem Volke auch die Kunst nahe gebracht werden. Als Gegenleistung für ihre Bemühungen wollten die Betreiber Wohlverhalten ernten. Sie erwarteten Zurückhaltung bei Lohn- und politischen Forderungen und unterbanden vielfach in ihrem Betrieb jede gewerkschaftliche Organisation.

Dafür gab es dann aber ein damals durchaus attraktives Programm (und hier ist jetzt die gängige Praxis in der DDR mitzudenken): Fabrikfeste bei allerlei Jubiläen und Produktionserfolgen, Weihnachtsfeste und Feste anlässlich der Erstattung der Jahresrechnungen von Kranken- und Hilfskassen (in der DDR Auszahlung der Reste des PKS-Fonds vor Weihnachten [9] ), Vortrags- und Unterhaltungsabende, Betriebsausflüge (etwa zu Kunst- und Gewerbeausstellungen), Urlaube, Arbeitergärten, Ferienheime des Betriebes, Volksbibliotheken, Lesehallen, Volkstheater, Volksunterhaltungsabende und betriebliche oder durch Betriebe geförderte kommunale Volks- und auch Jugendheime [10] .

Fußnoten

5.
Der folgende historische Exkurs ist stark verkürzt. Auf Belege wird aus Platzgründen weitgehend verzichtet. Ansonsten sei verwiesen auf: Zustände und Umbrüche, Berlin 1990; Kulturstaat Deutschland?, Loccum 1991; Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung, Nr. 29-35, Berlin 1990 ff.; Woher - Wohin? - Remscheid 1993; Aus- und Fortbildung für kulturelle Praxisfelder, Hagen 1993; Was bleibt - was wird, Bonn 1994; Soziokultur in Sachsen, Dresden 1994; Kulturhäuser in Brandenburg, Potsdam 1994.
6.
Vgl. August Hermann Niemeyer, Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts für Eltern, Hauslehrer und Schulmänner, Halle 18065 [1796]).
7.
Johannes Fallati, Das Vereinswesen als Mittel zur Sittigung der Fabrikarbeiter, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, (1844) 4, S. 737-791.
8.
Wilhelm Bode, Der Volkspalast in Ost-London, in: Bildungs-Verein, 20 (1890) 1, S. 6-8.
9.
PKS steht für "Prämien, Kultur, Soziales".
10.
Vgl. Victor Böhmert, Die Erholungen der Arbeiter außer dem Hause, in: Der Arbeiterfreund, 30 (1892) 1, S. 1 - 28.