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26.5.2002 | Von:
Horst Groschopp

Breitenkultur in Ostdeutschland

Herkunft und Wende - wohin?

III. Beispiel Jugendklub

Ähnlich verwickelt und in den Erbfolgen noch weitgehend ungeklärt ist die Idee der Jugendklubs, die die DDR-Kultur- und Jugendpolitik seit Anfang der Sechziger bis zu ihrem Ende prägte. Gegen den "hooliganism" als Produkt der "city-wilderness" war in England die schon erwähnte Settlement-Bewegung ins Leben gerufen worden. Der Vorsitzende des Deutschen Bundes für weltliche Schule und Moralunterricht, der Fabrikant, Verleger, Dichter, Übersetzer, Buddhist, Freidenker und Initiator der ethischen Bewegung, Arthur Pfungst (1864-1912), führte den Begriff "Hooligan" 1906 ins Deutsche ein [11] . So etwas gäbe es auch hier, denn Radaubrüder, Raufbolde und Rohlinge seien "das Erziehungsdefizit der Völker" und nur "durch Erziehung und soziale Fürsorge . . . zu beseitigen".

Pfungst war eine Stimme in einem Chor, der aus unterschiedlichen Erwägungen Maßnahmen gegen die "Halbstarken" forderte. "Halbstarke" bezog sich auf junge männliche Großstädter, die sich in "Banden" zusammenfanden, wie man die informellen Gruppen Jugendlicher nannte, als jede Ansammlung auf der Straße eine Störung der öffentlichen Ordnung darstellte [12] .

Vorhandene Ideen aus dem Kampf gegen die "Schundliteratur" oder aus der "Volkswohlbewegung" wurden in Unkenntnis heute allgemein bekannter Zusammenhänge etwa zwischen Pubertät und Verhalten oder über Besonderheiten der Jugendphase einfach auf Jugendliche übertragen. Dabei war dann sogar noch das Muster des Gymnasiasten maßgebend. Man kam zu sehr allgemeinen Ratschlägen. Die Zauberformeln hießen "jugendgemäß" und "Jugendklub". Innenpolitisch favorisierte das Programm die Prävention. Kulturarbeit wurde als ein Mittel der Erziehung und Sozialpädagogik sowie der vorbeugenden Verbrechensbekämpfung gesehen, wofür der Staat bereit sein müsse, Geld auszugeben.

Im Vertrauen auf das kulturelle Übergewicht der staatstreuen Vereine und der darin tätigen Pfarrer, Pastoren, ehemaligen Militärs und Lehrer wurden am 18. Januar 1911 und am 30. April 1913 in Preußen entsprechende Ministererlasse über die Jugendpflege herausgegeben [13] . Mit diesen Anordnungen nahm in Deutschland die subsidiär organisierte, öffentlich subventionierte und rechtlich verankerte "Kulturarbeit" ihren Anfang. Die Erlasse regelten die Aufgaben der "freien Träger" und die moralischen wie finanziellen Förderbedingungen. Sie formulierten dazu "Grundsätze und Ratschläge", so die "Erziehung im vaterländischen Geiste", aber auch die "sorgsame Berücksichtigung der Eigenart, der Bedürfnisse" der jungen Leute, "Erhebung des Gemüts", "Unterhaltung und Freude", ja sogar "Selbstbestimmung in der Freizeit" [14] .

Die Arbeit sollte ehrenamtlich und die Grundform sollte der "Verein (Klub)" sein. Man sprach von "Klubarbeit", einer "Berliner Jugendklubbewegung" und gab die Losung aus: "Freiheit jedem Klub, Freiheit jedem Leiter" [15] - selbstverständlich auf der Basis staatsbürgerlicher Gesinnung.

Fußnoten

11.
Vgl. Arthur Pfungst, Die Hooligans, in: Das freie Wort, 5 (1906) 19, zit. nach A. Pfungst, Gesammelte Werke, Bd. I, Frankfurt am Main 1926, S. 14.
12.
Vgl. Clemens Schultz, Die Halbstarken, Leipzig 1912.
13.
Vgl. Die preußischen Ministererlasse betr. Jugendpflege vom 18. Januar 1911 und vom 30. April 1913, in: Handbuch für Jugendpflege, Langensalza 1913, S. 853-864.
14.
Friedrich Reimers, Die Träger der Jugendpflege, in: ebd. S. 259-267.
15.
Wilhelm Frauendienst, Die Berliner Jugendklubs, in: ebd., S. 344-348.