APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Horst Groschopp

Breitenkultur in Ostdeutschland

Herkunft und Wende - wohin?

V. "Kraft durch Freude"

Dem Verbot der Arbeiterparteien folgte die Schließung der Kulturvereine und -einrichtungen. Am 1. Mai 1933 besetzten SA-Abteilungen landesweit die Gewerkschaftshäuser. Einen Tag später wurde das gewerkschaftliche Vermögen beschlagnahmt, eingeschlossen die Volkshäuser. Die Heime von Volkswohl, die frühzeitig ihr gemeinsames Wirken mit der Hitler-Bewegung bekundeten, übergaben ihre Einrichtungen der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und arbeiteten nach deren Gründung mit der zur Deutschen Arbeitsfront (DAF) gehörenden Organisation Kraft durch Freude [16] zusammen.

Gegenüber den Gewerkschaftshäusern praktizierten die Nationalsozialisten eine Politik der äußersten Distanz, die sich auch symbolisch darin manifestierte, dass einige dieser "Tempel der öffentlichen Betätigung", wie sie der sozialdemokratische Freidenker, Genossenschaftler und Landespolitiker Heinrich Peus 1913 nannte, sichtbar "entweiht" wurden: Sie dienten zeitweise als SA-Kasernen. In ihnen wurde gefoltert und gemordet. Andere Einrichtungen wurden zu Materiallagern, einige wurden verkauft, während des Krieges auch zu Unterkünften für Zwangsarbeiter umgewandelt usw. Ein nicht geringer Teil dieser Häuser, wenn auch bislang in unbekannter Zahl, kam zur Deutschen Arbeitsfront und wurde zu Häusern der Arbeit, zu reinen Bürogebäuden.

Diese deutliche Abgrenzung zur Arbeiterbewegung hielt auch in der Folgezeit an. Die Führung der NSDAP und Adolf Hitler persönlich favorisierten Gefolgschafts-, Gemeinschafts- und Kameradschaftshäuser. Denn die Nationalsozialisten bevorzugten die betriebliche Kulturarbeit gegenüber der kommunalen, doch dies nicht ausschließlich, wie die Etablierung der "Volkskunst" in den Regionen im Rahmen der Volkstumspropaganda zeigt. Priorität erhielt aber eindeutig der Betrieb. Das entsprach dem Selbstverständnis der DAF und dem Programm (dem "Amt") Schönheit der Arbeit: Die "sauberen Menschen im sauberen Betrieb", wie die Losung hieß, brauchten in erster Linie Wasch- und Aufenthaltsräume, Kantinenessen und Speisesäle [17] . Erst danach sollte Kunst folgen. Es gab extra zu diesem Zweck ein Abkommen zwischen dem Amt Schönheit der Arbeit und der Reichskammer der bildenden Kunst, abgeschlossen 1936.

Bei der Konzipierung von Kraft durch Freude stand die Praxis des italienisch-faschistischen Dopolavoro [18] Pate. Es verfolgte die Idee einer einheitlichen und nichtstaatlichen, aber doch staatstreuen sportlichen und kulturellen Freizeitorganisation auf Massenbasis. Mit der Adaption des Dopolavoro wurde nicht an Organisationen der "Systemzeit" (Weimarer Republik) angeknüpft (die es in Italien in dieser Form nicht gegeben hatte), und dennoch handelte es sich um eine wirkliche Massenorganisation der Kulturarbeit, die zudem noch den Vorteil hatte, betriebsorientiert und zugleich territorial zu arbeiten.

Die Kraft-durch-Freude-Organisation besaß die gleiche Gliederung wie die NSDAP und DAF. In ihrer Arbeit knüpfte sie durchaus an Volkswohl-Traditionen an, unterhielt einen Vereinsring, leitete die künstlerische Zirkelarbeit des Amtes Deutsches Volksbildungswerk, organisierte Fabrikausstellungen und offerierte Abend- und andere Veranstaltungen des Feierabendwerks. Das Sportamt richtete Betriebssportfeste aus und verlieh Sportgeräte. Dann gab es noch die Ämter Reisen, Wandern, Urlaub und KdF-Wagen. Ähnlich dem späteren "Ökulei" der DDR, dem "Ökonomisch-kulturellen Leistungsvergleich" [19] gab es einen Wettbewerb um die Auszeichnung als "Musterbetrieb", wurden Leistungsabzeichen an die Betriebe vergeben, arbeiteten zu diesem Zweck spezielle Kontroll- und Anleitungsstäbe. So soll es 1937 fast 117 000 kulturelle KdF-Veranstaltungen des Amtes Feierabend gegeben haben, mit über 38 Millionen Teilnehmern.

Der Verweis auf das nationalsozialistische Erbe der Kulturarbeit erfolgt hier nicht, um das soundsovielte Argument der Totalitarismus-Theorie beizusteuern, sondern um die Voraussetzungen anzudeuten, die die SED bei der Konzipierung ihrer Kulturpolitik objektiv vorfand. Zu ergänzen ist hier noch, dass die Vorstellungen der sowjetischen Kulturoffiziere, die Kraft der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) das Sagen hatten, sich häufig an dem Gedankengut orientierten, das in den Zwanzigern aus Deutschland nach Sowjetrussland gekommen war, wo es ja keine Arbeiterkulturbewegung gegeben hatte, auf die aufzubauen möglich gewesen wäre. Und: Kulturpaläste waren zunächst häufig enteignete Villen und Adelssitze - wie am Anfang der DDR ebenfalls.

Fußnoten

16.
Vgl. Robert Ley, Kraft durch Freude, Berlin 1933; ders., Durchbruch zur sozialen Ehre, Berlin 1935.
17.
Vgl. Herbert Steinwarz, Wesen, Aufgaben und Ziele des Amtes "Schönheit der Arbeit", Berlin 1937.
18.
Es bedeutet "nach der Arbeit".
19.
Der "Ökulei" in der DDR, in den späten fünfziger Jahren "erfunden", sollte ursprünglich nichtökonomische Kriterien in die betriebliche Leistungsbewertung einführen.