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26.5.2002 | Von:
Horst Groschopp

Breitenkultur in Ostdeutschland

Herkunft und Wende - wohin?

VII. Erbe und Ende

Die Breitenkultur der DDR entstand nicht - wie gezeigt wurde - bedingungslos und sie war am Ende der DDR eine andere als zu ihrem Anfang (was hier nicht näher erörtert werden soll). Eine spannende Frage ist, wem, wie und warum es letztlich jeweils gelang, ein durch und durch bürgerliches Konzept der Volkserziehung aus der Endzeit des 19. Jahrhunderts in den "revolutionären" frühen fünfziger Jahren in der DDR als sozialistisches Programm einzuführen, um es dann in der Phase der Wiedervereinigung - das bürgerliche Element verkennend - als solches zu diskreditieren und weitgehend abzuschaffen.

Auch aus Mangel an einem (zu großen Teilen vertriebenen) Bürgertum nahmen seit den späten Vierzigern proletarische Aufsteigergruppen in der DDR das überkommene Erbe als Kultur an [23] . Sie sollte nun für alle da sein. Das hieß nicht nur, dass es keine Zugangsbeschränkung mehr gab, es schloß zugleich den "Befehl" ein, sich diese Kultur anzueignen. Das machte die Breitenkultur (wie das vorherrschende DDR-Kulturverständnis insgesamt) normativ und pädagogisch und konservierte eine tradierte Auffassung [24] - und dies noch immer, als spätestens in den Achtzigern die Praxis selbst sich zu wandeln begann (z. B. hinsichtlich der Jugendklubs, aber auch der Kulturhäuser).

Eine Reihe von Gründen, die hier nicht weiter ausgeführt werden können, führte dazu, dass das Konzept der Breitenkultur, wie es Anfang der Fünfziger etabliert wurde, in der DDR das vorherrschende blieb (in Stichworten): Legitimation gegenüber der Profitgesellschaft im Westen; "Volksnähe" versus Elitekultur; kulturelle Sozialisation des Führungspersonals (z. B. Walter Ulbricht, Alfred Kurella); Abwesenheit von Markt und damit Abgrenzungen zur "Massenkultur"; weitgehende Finanzierbarkeit der Praxis durch die Betriebe; Ersatz für fehlenden Massenkonsum; kulturstaatliches Denken; "Spielwiese" für Oppositionelle; Kulturarbeit in der Arbeitsgesellschaft; Aufstiegsmöglichkeit und sinnvolle Beschäftigung; Bewusstsein der Macher, eine lange Kulturgeschichte fortzusetzen und daran endlich das Volk zu beteiligen; "Seelen"arbeit außerhalb von Kirchen und Religion; Betonung des nationalen Kulturerbes u. v. a. m.

1990/93 gerieten die Konzepte, die sie tragenden Menschen und die Einrichtungen, die dafür standen, in den Wendestrudel und in die weitgehend modernisierte und amerikanisierte Bundesrepublik mit ihrer Pluralität der Kulturbegriffe und Trägerschaften, der dominanten Beliebigkeit der Medien und Erlebnisse.

Die Kommunen - als vorrangige Erben - waren und sind arm. Sie haben, wenn vorhanden, an den Theatern genug zu tragen. Fielen an sie "örtliche Einrichtungen des kulturellen Volksschaffens", so waren sie oft nicht ganz glücklich darüber (auch wegen des häufigen Vorwurfs der "ideologischen Belastung") und in der Regel überfordert, wenn die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ausliefen.

Die wirklich großen Träger der Breitenkultur (eingeschlossen hier die Bildungs- und Urlaubsstätten) hatten keine Nachfolger (jedenfalls nicht in diesem Sinne und Ausmaß): die Betriebe, die Gewerkschaften und die Künstlerverbände. Wie viele Einrichtungen zu ihnen gehörten, ist wohl nie ausgerechnet worden. Dieser Hinweis verdeutlicht zugleich, wer nach 1990 zur wichtigsten kulturpolitischen Instanz in der Abwicklung des Systems der DDR-Breitenkultur wurde - die Treuhandanstalt.

Die Wendezeit war zugleich ein Moment zahlreicher und vielfältiger Vereinsgründungen. Diejenigen von ihnen, die sich heute der Soziokultur zurechnen (und dann noch der Bundesvereinigung sozio-kultureller Zentren, auf deren Befunde die Bundesregierung sich in ihrer Antwort auf die Große Anfrage "Soziokultur" wesentlich stützt und sich auch definitorisch leiten lässt [25] ), machen hier sicher die Minderheit aus.

Wie viele Vereine welcher Art sich aus der "kulturellen Massenarbeit" 1990 emanzipierten und nun selbständig oder in neuen Verbünden weiter tätig sind, bedarf der Untersuchung. Es steht zu vermuten, dass hier - wie auf anderen Feldern des gesellschaftlichen Lebens in Ostdeutschland - nicht nur gleiche Strukturen etwa der Kulturpflege wie in den Altländern entstanden, sondern auch neue.

Bislang gibt es kein Bild der "Wende" in der breitenkulturellen Arbeit, das dem Vorgang eines historischen Bruchs angemessen wäre. Wirkliche Studien - und dann noch solche, die beide deutsche Teilstaaten historisch vergleichen - sind rar, vor allem hinsichtlich dessen, was eigentlich 1989 vorhanden war und was daraus wurde. So weist das soeben gezeichnete Bild der Herkunft und des Wachstums der Breitenkultur in der DDR viele Unschärfen und Forschungslücken auf. Den neuen kulturwissenschaftlichen Lehrstühlen nach 1990 erschien dieses Gebiet generell als uninteressant. So kann mit Rainer Lepsius festgestellt werden: Der untergegangene Staat bleibt "ein unbekanntes Land" [26] .

Fußnoten

23.
Vgl. Dietrich Mühlberg, Überlegungen zu einer Kulturgeschichte der DDR, in: Hartmut Kaelble/Jürgen Kocka/Hartmut Zwahr (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 62-94.
24.
Vgl. Albrecht Göschel, Kontrast und Parallele, Stuttgart u. a. 1999.
25.
Vgl. Deutscher Bundestag, 14. Wahlperiode, Drucksache 14/4020 vom 24. 8. 2000.
26.
Vgl. Rainer Lepsius, Ein unbekanntes Land. Plädoyer für soziologische Neugierde, in: Bernd Giesen/Claus Leggewie (Hrsg.), Experiment Vereinigung, Berlin 1991, S. 71-76.